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"Room 237" über "Shining":Die Sache mit dem Käfer

Viel spannender als die teilweise kruden Interpretationen ist an "Room 237" aber die genaue Analyse der filmischen Mittel, mit denen Kubrick ein ausgefeiltes System der Konfusion und permanenten Bedrohung geschaffen hat. Besonders mit der Architektur des Overlook-Hotels hat er experimentiert. Nach und nach zertrümmert er die Logik des Raums, den er zunächst so sorgfältig konstruiert hat: Zimmer, die plötzlich an einer anderen Stelle sind; Klein-Danny lässt Kubrick in legendären Steadycam-Fahrten im Tretauto durchs menschenleere Hotel scheinbar im Kreis fahren, durch einen heimlichen Schnitt aber ist der Junge plötzlich in einem anderen Stockwerk.

Kubrick hat sich zur Entstehungszeit des Films exzessiv mit Werbung und ihren subversiven Methoden der Zuschauerbeeinflussung beschäftigt. "Room 237" zeigt, wie unbewusst durch all die kleinen logischen Brüche im Film ein großes masochistisches Unwohlsein entsteht, und offeriert damit im schwierigen Genre "Film über Film" einen wesentlich interessanteren Beitrag als beispielsweise der vor einigen Wochen gestartete "Hitchcock" über die Dreharbeiten von "Psycho".

Dabei haben ausgerechnet diese beiden Filme und ihre Macher ziemlich viel gemeinsam. Hitchcock und Kubrick hatten jeweils an einem bestimmten Punkt ihrer Karriere einen Star-Status an Perfektion und Aufmerksamkeit bei Publikum und Kritik erreicht, der kaum noch zu überbieten war. Beide entschieden sich, etwas völlig Neues zu wagen, und beide griffen dafür auf literarische Horrorvorlagen zurück. Beide Filme spielen in Hotels und in beiden Filmen wird eine Frau mit der Klinge attackiert - pure Vergewaltigungsphantasien. Der Duschmord in "Psycho" und der Axt-Amoklauf in "Shining" gehören längst zum klassischen Kanon des Gruselkinos, laden bis heute zu Imitationen und Parodien ein.

Während der Spielfilm "Hitchcock" die fiktive Reproduktion von Sir Alfred vornimmt und sich letztlich in eine Art Zickenkrieg zwischen Hitchcock und seiner Frau Alma verliert, wagt sich der Dokumentarfilm "Room 237" an die zahllosen Puzzleteile, aus denen der Film, dem er huldigt, zusammengesetzt ist. Stets in dem Wissen, dass einige Teile fehlen und andere nicht zusammenpassen werden, so wie es Kubrick vermutlich auch intendiert hat.

Einigen können sich die "Shining"-Apologeten zumindest auf die Sache mit dem Käfer. Der Kopfmensch Kubrick und der Autor des Romans, der Bauchmensch Stephen King, gerieten in Streit, da Kubrick mit der Vorlage einfach machte, was er wollte. Und dann das: Im Roman fährt die Hauptfigur einen detailliert beschriebenen roten VW Käfer, im fertigen Film nicht. Dafür gibt es in einer Szene am verschneiten Straßenrand - man muss sich das in Zeitlupe anschauen - ein von einem monströsen Lkw zerquetschten roten Käfer. So leidenschaftlich wie Stephen King den Regisseur noch heute gern in Interviews verflucht, könnte an dieser Stinkefinger-Theorie, wie sie im Film heißt, tatsächlich etwas dran sein.

© SZ vom 04.04.2013/ihe
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