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"Hitchcock" im Kino:Da hilft nur ein brutaler Schnitt

Anthony Hopkins als Alfred Hitchcock

Anthony Hopkins als Alfred Hitchcock - ab dem 14. März 2013 in den deutschen Kinos.

(Foto: dpa)

Es war Hitchcocks ultimatives Meisterstück, gegen alle Regeln gedreht, aber am Ende perfekt. Der Film "Hitchcock" mit Anthony Hopkins erzählt die Entstehung des Kinoklassikers "Psycho".

Big difference, sagt der füllige Herr im schwarzen Anzug und schaut in die Kamera. Er ist bei seiner kleinen Besichtigungstour im Badezimmer angelangt, schaut sich um, ungerührt, phlegmatisch. "Großer Unterschied! Sie hätten nur das Blut sehen sollen. Der ganze . . . der ganze Raum war . . . na, es ist zu grauenvoll. Nicht zu beschreiben." Es hat einen Mord gegeben hier, einen der berühmtesten, den Duschmord von "Psycho". Und die Tour übers Mordgelände - das Motel, das Mutterhaus - führt der Filmemacher persönlich durch, der fabulöse Mr. Alfred Hitchcock, im vertrackten Trailer zu seinem Film.

Nicht zu beschreiben, das war das Motto Ende 1959, Anfang 1960, bei der Konzeption, Produktion, Vermarktung von "Psycho". Unbeschreiblich das Grauen, die Perversität, die Tabubrüche. Es war Hitchcocks ultimatives Meisterstück, gegen alle Regeln gedreht, aber am Ende stimmte alles perfekt. Kino in Reinkultur - Stephen Rebello hat seine Entstehung ausführlich beschrieben in seinem Buch "Hitchcock und die Geschichte von Psycho", von 1999, das anlässlich des "Hitchcock"-Films von Sacha Gervasi mit Anthony Hopkins und Helen Mirren endlich bei uns erschienen ist (deutsch von Lisa Kögeböhn, Bernhard Matt, Uli Mayer. Heyne, 413 S., 9,99 Euro).

"Psycho" war ein ungeliebtes Kind. Der gleichnamige Roman von Robert Bloch galt als schmuddeliger Horrorschocker, inspiriert vom perversen Frauenmörder Ed Gein - der es sogar in den Film schaffte -, der Ruch von Transvestismus und merkwürdiger Mutterliebe umgab ihn. Hitchcocks Produktions- und Verleihgesellschaft Paramount, der er in den Fünfzigern glamouröse High-Class-Thriller geliefert hatte, wollte nichts mit dem Projekt zu tun haben, also musste Hitchcock selbst die Finanzierung besorgen. Im Film verpfändet er damit seine Existenz und die seiner treuen Gattin Alma - eine unangenehme dramatische Zuspitzung. Das "Psycho"-Projekt als existenzielle Krise - einer Karriere, einer Ehe, einer Gesellschaft. Die Psychopathologie eines Mannes, der von Geilheit, Erfolgssucht, Fresssucht geplagt ist. Und seine Alma probt den Aufstand, will die Emanzipation, mehr Selbständigkeit - kein Wunder, wenn man sie mit der attraktiven Helen Mirren besetzt.

Rebello verzichtet in seinem Buch auf dramatische Bögen, verliert sich liebevoll in einer Fülle von Details, in der Diversität der Perspektiven. Er hat alle noch erreichbaren Leute befragt, die damals beteiligt waren, Hitchcocks Mitarbeiter, die des alten großen Hollywood, und die jungen, die er um sich scharte für seine TV-Serie "Alfred Hitchcock Presents". Das beliebteste Spiel des Buches: Wer welche der revolutionären Ideen und Erfindungen für sich reklamiert - und mit welchem Recht.

Hitchcock selber wandelt mit einem fast kindlichen Trotz durch das Buch, alle Widerstände überwindend, manche sogar provozierend, er will den Schmutz, den Schmerz, den Schock, die Sensation. Man muss manipulieren, Produzenten, Presse, Publikum, die Leute vom Hays Office, die über die Moral in den Filmen wachen und beunruhigt waren über den Mord in der Dusche, über Nacktheit und Gewalt. Einen Mitstreiter findet Hitchcock im Drehbuchautor Joseph Stefano, sie sitzen Vormittage zusammen in Hitchcocks Büro, quatschen, bauen Szenen zusammen, eine dialogische Kunst im Gegensatz zur monologischen der Literatur. "Ich möchte der jungen Frau einen Anflug von Verzweiflung geben", erklärt Stefano, was Hitchcock mit einem kargen "Schön, schön" kommentiert.

Also kommt Stefano anders herum: "Für den Filmanfang hätte ich gern eine Extrem-Totale auf die Stadt, gedreht aus einem Hubschrauber, mit einer Zufahrt auf das schmuddelige Hotel, in dem Marion mit Sam ihre Mittagspause verbringt . . .", und Hitchcock steigt voll ein: "Wir fahren bis hinein ins Fenster." Sein Büro versorgte den jungen Autor mit Informationen aller Art, vom Streckenverlauf der Route 99 über die Zimmerpreise der Motels bis zu den Techniken der Taxidermie. Stefano soll dann mal die erste Szene schreiben, Marion und Sam im Hotel - am nächsten Tag kommt Hitchcock und meldet: "Alma gefiel es ausgezeichnet."

Alma hilft Hitchcock über alle Momente der Unsicherheit hinweg, mit ihrem Professionalismus. Hitchcock wollte Bestätigung, er wurde mit "Psycho" tatsächlich für den Regie-Oscar nominiert, verlor aber gegen Billy Wilder und sein "Apartment". Vor allem aber kämpfte er gegen sich selber, den eigenen übergroßen Erfolg - nun hatten sie ihn in Frankreich auch noch als Künstler entdeckt. Nur ein brutaler Schnitt konnte ihn retten, ein kleiner Schwarzweißschocker, dessen höchste Raffinesse seine primitive Geschmacklosigkeit war. Das Publikum bekam gesagt, was ihm bevorstand, der Trailer ließ nichts aus, aber es war dennoch nicht gewappnet gegen das, was es dann zu sehen bekam. Der Schock erreichte eine Metaebene mit der Dialektik von Sprechen und Schweigen: Hitchcock, der Filmemacher der Moderne, neben Antonioni und Resnais, der Horror-Strukturalist.

© SZ vom 14.03.2013/ihe
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