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Rolling-Stones-Album neu aufgelegt:Punk, nur besser

Schon vor 33 Jahren waren sie alt und wurden von den Punks der "Sex Pistols" und "The Clash" als "alte Säcke verhöhnt. Das konnten sich die Rolling Stones natürlich nicht bieten lassen und veröffentlichten 1978 mit "Some Girls" ein Comeback-Album. Zur Neuauflage gibt es zwölf unveröffentlichte Songs - ein Geschenk.

Acht Stunden dauerte es, acht Stunden in mehr als fünfzig Grad Stadionhitze, acht Stunden mit überflüssigen Drahtseilakten, Kunstfliegern und Peter Tosh, der fast von der Bühne gejagt wurde vor Ungeduld, aber dann zogen die Roadies den Vorhang von der Bühne, streckten den heraneilenden Musikern die Gitarren zu, und da waren sie: "Ladies and Gentlemen, the Rolling Stones!"

Rolling Stones starten neue Welttournee im Fenway Park in Boston, 2005

Und sie rocken unermüdlich weiter, wie hier beim Start ihrer 'A Bigger Bang'-Welttournee 2005 in Boston.

(Foto: AP)

Über Wochen hatte ich in den kanadischen und amerikanischen Zeitungen verfolgt, ob die angekündigte Tournee auch wirklich stattfinden würde. Es sah nicht gut aus: Keith Richards war wieder einmal mit Drogen erwischt worden. Die Mounties in Toronto hatten ihn eingesperrt, und es drohte eine langjährige Haft, gefolgt von einem Einreiseverbot in die USA, womit den Rolling Stones die Existenzgrundlage entzogen worden wäre: keine Stadiontourneen mehr, kein großes Geld.

Aber die Band hatte sich längst überlebt. Mick Jagger lungerte im New Yorker Studio 54 herum, zeigte sich mit Andy Warhol, Bianca kam auf einem Schimmel hereingeritten, dafür kokettierte er mehr noch als sonst mit dem homosexuellen Underground, ein jugendsüchtiger Zombie, dem niemand gesagt hatte, dass die Sechziger vorbei waren.

Alles brach zusammen: Ron Wood und Mick Jagger lebten in Scheidung, und auch Keith Richards war dabei, sich von seiner Freundin zu trennen, schon weil sie noch süchtiger war als er. Dass Ron Wood eine offen zelebrierte Affäre mit der Frau des kanadischen Premierministers pflog, half seinem Bruder Leichtfuß auch nicht besonders. Auf der Höhe von Ruhm und Reichtum war Keith gefährdet wie nur je eine Künstlerseele.

Ehe das Verfahren in Toronto in Gang kam, flogen sie nach Paris, um eine neue Platte aufzunehmen. Zuvor waren sie zwei Mal nach München gezogen, wo sich früher für alle Fälle Uschi Obermaier bereithielt, wo sie aber auch ihre bis dahin langweiligsten Platten im sogenannten Munich Sound abmischten - näher bei Gertrude Wirschinger (vulgo: Penny McLean) als bei Muddy Waters.

Keith Richards ging regelmäßig aufs Klo

Der Nachwuchs drohte sie um den Titel der härtesten Rock'n'Roll-Band zu bringen. Die Punker von The Clash und den Sex Pistols verhöhnten sie als "alte Säcke", und denen mussten sie's zeigen.

Keith hatte bereits einen harten Entzug hinter sich, ging aber während der Aufnahmen regelmäßig aufs Klo, um sich einen Schuss zu setzen. Manchmal war er so fertig, dass Ron Wood seinen Part übernehmen musste. Aber Mick hatte nicht nur monatelang das Nachtleben aufgesaugt, sondern sich auch das Gitarrespielen beigebracht. Auf elaborierte Griffe verzichtete er vorsorglich, aber er gab der Band einen neuen harten Gitarrensound. Punk sollte es werden, nur besser, weil von richtigen Musikern.

Im Mai 1978, einen Monat vor dem Album, erschien die Auskopplung "Miss You", mit seinem rhythmischen Ohrwurm pfeilgrad auf die Disco gerichtet, aber auf der Rückseite der Single schleppte und schlurte sich die göttliche Country-Parodie "Far Away Eyes". Auf dem Weg nach Kalifornien hatte ich in jeder Bar diesen Song gedrückt, die Geschichte von dem Hillbilly, der am Sonntagmorgen im Autoradio den Prediger hört, der ihm versichert, dass er immer Gott an seiner Seite habe. "And I was so pleased to be informed of this", singt der angelernte Cowboy Jagger, und die Steelguitar wimmert dazu, dass einem die Tränen kommen, "that I ran twenty red lights in His honor".

Die Hillbillys im Mittleren Westen, die auf ihre Country-Musik hielten, merkten natürlich, dass sie da einer verarschte, und fanden das gar nicht gut. Lucille Ball beschwerte sich, dass ihr Kopf für die Plattenhülle missbraucht worden sei. Die Schwarzen ärgerten sich, weil sich Mick bei seiner Aufzählung der Frauen über die schwarzen Mädchen beklagte, die, weiß man doch, "just wanna get fucked all night". Dabei hatte Mick doch treuherzig hinterhergesetzt, dass dafür sein Saft gar nicht hinreiche.

Dann wurde die Tournee angekündigt und war angeblich sofort ausverkauft. Dabei war nichts leichter, als in der nächsten Shopping Mall für $ 13,25 ein Ticket zu erwerben. Der Preis wurde gern entrichtet, denn der ergebene Fan der verlässlich chauvinistischen Rolling Stones tat mit seinem Geld doch ein gutes Werk. Marsha Hunt, eine seiner abgelegten Geliebten, hatte vor Gericht Taschenpfändung bei Mick Jagger erwirkt; er musste seinen Anteil an den Einnahmen aus Los Angeles abliefern.

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