Süddeutsche Zeitung

Rolling-Stones-Album neu aufgelegt:Punk, nur besser

Schon vor 33 Jahren waren sie alt und wurden von den Punks der "Sex Pistols" und "The Clash" als "alte Säcke verhöhnt. Das konnten sich die Rolling Stones natürlich nicht bieten lassen und veröffentlichten 1978 mit "Some Girls" ein Comeback-Album. Zur Neuauflage gibt es zwölf unveröffentlichte Songs - ein Geschenk.

Willi Winkler

Acht Stunden dauerte es, acht Stunden in mehr als fünfzig Grad Stadionhitze, acht Stunden mit überflüssigen Drahtseilakten, Kunstfliegern und Peter Tosh, der fast von der Bühne gejagt wurde vor Ungeduld, aber dann zogen die Roadies den Vorhang von der Bühne, streckten den heraneilenden Musikern die Gitarren zu, und da waren sie: "Ladies and Gentlemen, the Rolling Stones!"

Über Wochen hatte ich in den kanadischen und amerikanischen Zeitungen verfolgt, ob die angekündigte Tournee auch wirklich stattfinden würde. Es sah nicht gut aus: Keith Richards war wieder einmal mit Drogen erwischt worden. Die Mounties in Toronto hatten ihn eingesperrt, und es drohte eine langjährige Haft, gefolgt von einem Einreiseverbot in die USA, womit den Rolling Stones die Existenzgrundlage entzogen worden wäre: keine Stadiontourneen mehr, kein großes Geld.

Aber die Band hatte sich längst überlebt. Mick Jagger lungerte im New Yorker Studio 54 herum, zeigte sich mit Andy Warhol, Bianca kam auf einem Schimmel hereingeritten, dafür kokettierte er mehr noch als sonst mit dem homosexuellen Underground, ein jugendsüchtiger Zombie, dem niemand gesagt hatte, dass die Sechziger vorbei waren.

Alles brach zusammen: Ron Wood und Mick Jagger lebten in Scheidung, und auch Keith Richards war dabei, sich von seiner Freundin zu trennen, schon weil sie noch süchtiger war als er. Dass Ron Wood eine offen zelebrierte Affäre mit der Frau des kanadischen Premierministers pflog, half seinem Bruder Leichtfuß auch nicht besonders. Auf der Höhe von Ruhm und Reichtum war Keith gefährdet wie nur je eine Künstlerseele.

Ehe das Verfahren in Toronto in Gang kam, flogen sie nach Paris, um eine neue Platte aufzunehmen. Zuvor waren sie zwei Mal nach München gezogen, wo sich früher für alle Fälle Uschi Obermaier bereithielt, wo sie aber auch ihre bis dahin langweiligsten Platten im sogenannten Munich Sound abmischten - näher bei Gertrude Wirschinger (vulgo: Penny McLean) als bei Muddy Waters.

Keith Richards ging regelmäßig aufs Klo

Der Nachwuchs drohte sie um den Titel der härtesten Rock'n'Roll-Band zu bringen. Die Punker von The Clash und den Sex Pistols verhöhnten sie als "alte Säcke", und denen mussten sie's zeigen.

Keith hatte bereits einen harten Entzug hinter sich, ging aber während der Aufnahmen regelmäßig aufs Klo, um sich einen Schuss zu setzen. Manchmal war er so fertig, dass Ron Wood seinen Part übernehmen musste. Aber Mick hatte nicht nur monatelang das Nachtleben aufgesaugt, sondern sich auch das Gitarrespielen beigebracht. Auf elaborierte Griffe verzichtete er vorsorglich, aber er gab der Band einen neuen harten Gitarrensound. Punk sollte es werden, nur besser, weil von richtigen Musikern.

Im Mai 1978, einen Monat vor dem Album, erschien die Auskopplung "Miss You", mit seinem rhythmischen Ohrwurm pfeilgrad auf die Disco gerichtet, aber auf der Rückseite der Single schleppte und schlurte sich die göttliche Country-Parodie "Far Away Eyes". Auf dem Weg nach Kalifornien hatte ich in jeder Bar diesen Song gedrückt, die Geschichte von dem Hillbilly, der am Sonntagmorgen im Autoradio den Prediger hört, der ihm versichert, dass er immer Gott an seiner Seite habe. "And I was so pleased to be informed of this", singt der angelernte Cowboy Jagger, und die Steelguitar wimmert dazu, dass einem die Tränen kommen, "that I ran twenty red lights in His honor".

Die Hillbillys im Mittleren Westen, die auf ihre Country-Musik hielten, merkten natürlich, dass sie da einer verarschte, und fanden das gar nicht gut. Lucille Ball beschwerte sich, dass ihr Kopf für die Plattenhülle missbraucht worden sei. Die Schwarzen ärgerten sich, weil sich Mick bei seiner Aufzählung der Frauen über die schwarzen Mädchen beklagte, die, weiß man doch, "just wanna get fucked all night". Dabei hatte Mick doch treuherzig hinterhergesetzt, dass dafür sein Saft gar nicht hinreiche.

Dann wurde die Tournee angekündigt und war angeblich sofort ausverkauft. Dabei war nichts leichter, als in der nächsten Shopping Mall für $ 13,25 ein Ticket zu erwerben. Der Preis wurde gern entrichtet, denn der ergebene Fan der verlässlich chauvinistischen Rolling Stones tat mit seinem Geld doch ein gutes Werk. Marsha Hunt, eine seiner abgelegten Geliebten, hatte vor Gericht Taschenpfändung bei Mick Jagger erwirkt; er musste seinen Anteil an den Einnahmen aus Los Angeles abliefern.

Unglaubliche Doppel-Solos

"Some Girls" wurde vor 33 Jahren tatsächlich das Comeback der Rolling Stones. Die Platte hat sich erstaunlich gut gehalten. Den Glimmer Twins Jagger und Richards, damals erst am Beginn ihrer heute wunderbaren Feindschaft, gelang ein unwahrscheinliches Gemisch konträrer Stile, die Ende der Siebziger in New York koexistierten.

Keith Richards fand seine Inspiration in Queens, bei den exilierten Reggae-Musikern, und Mick Jagger hatte lange genug die semischwule Discomusik aus dem drogen- und untergangssüchtigen Manhattan gehört. Und die reduzierte Besetzung nur mit Bläsern, Saxophon und Billy Prestons Piano, machte sie wieder jung.

Die Bonus-CD, die nun der selbstverständlich neu bearbeiteten Platte beigegeben wird, ist ausnahmsweise die Bezeichnung wert, denn sie ist wirklich ein Geschenk. Für den professionellen Bootlegger sind die zwölf apokryphen Stücke nicht neu. Die herrliche Ballade "Claudine" gab es auf Nachfrage schon immer als fabrikhallenhallendes Schreistück. Jetzt eröffnet es sauber geputzt und neu abgemischt die Bonus-CD.

Hier ist auch Ian Stewart am Piano zu hören, Mitgründer der Band, aber wegen seiner mit dem Showbiz unverträglichen südschottischen Vierschrötigkeit in den Bühnenhintergrund geschoben. Nichts war Stewart mehr zuwider als der Disco-Mist, den seine Kameraden inzwischen unbedingt spielen mussten. Aber sie können auch anders, wie diese zweite CD beweist, und sie sind im Zweifel so gut wie 1963, als sie um Gottes willen nicht als "rock'n'roll outfit" gelten wollten, sondern als treue Blues-Jünger, ferngetauft mit dem heiligen Wasser des Mississippi.

Der versatile Sänger, der als Stimmenimitator nie genug gewürdigte Mick Jagger, versucht sich sogar an "You Win Again". Wieder einmal kann er sich nicht ganz zwischen Parodie und Hommage entscheiden und amalgamiert Hank Williams' Song deshalb zu einem originalen Mick-Jagger-Werk. Auf "Tallahassee Lassie", dem alten Hit Freddy Cannons, ist als Dreingabe auch John Fogertys Händeklatschen festgehalten, einer von vielen unbezahlten, und deshalb immer wieder gern genommenen Beiträgern.

Dichter Müllhagel

Doch der beste Neuzugang, eigentlich ein Bewährungshelfer für den immer wieder rückfälligen Glimmer-Hälftling Richards, ist Ron Wood, der endlich als Vollmitglied in die Band aufgenommen war und sich mit Keith in unglaublichen Doppel-Solos verschwistert. "Honey, I ain't accustomed to lose", singt Mick in "No Spare Parts", ich bin einfach nicht gewohnt zu verlieren, und Keith, dem's nicht anders geht, schlägt gedankenschwer die Gitarre dazu.

In Los Angeles, damals im Anaheim Stadium vor 50.000 sonnenverbrannten, ausgedörrten Zuhörern, erschien Mick Jagger mit einer affigen Sonnendeckmütze. Spindeldürr war er, und ich hatte mich weit genug vorgekämpft, dass ich seine Rippen zählen konnte.

Auf die Klassiker "Let It Rock" und "Honky Tonk Woman" folgten die neuen Stücke von "Some Girls". Lag es an der glühenden Sonne oder doch an diesem irrlichternden Sonnengott auf der Bühne, ich wurde jedenfalls Zeuge eines Klischees, nur dass es keins war. Links und rechts drehten die Mädchen durch. Es waren, wie auf der Platte, nur bestimmte, besonders anfällige Mädchen. Sie alle hatten sich von ihren Männern auf die Schulter nehmen lassen, um Mick Jagger auf der nicht sehr hohen Bühne noch näher zu sein. Sie zuckten im und gegen den Rhythmus, sie kreischten und schrien, die Tränen liefen ihnen übers Gesicht, bis ihnen schließlich der Kreislauf kollabierte und sie weggebracht werden mussten.

Neun Jahre zuvor war in Altamont ein Zuschauer vor der Bühne erstochen worden. In Anaheim war die Hysterie kaum geringer. Das war schließlich das durch Vietnam traumatisierte Amerika, und in den Läden lag ein Buch mit dem Titel "The Man Who Killed Jagger".

Dennoch ging es gut. Irgendwann warf jemand eine seiner Badelatschen auf die Bühne, noch eine folgte und noch eine. Mick Jagger fühlte sich sichtbar belästigt, versuchte auszuweichen und forderte schließlich das Publikum auf, ihre "fucking shoes" alle auf die Bühne zu werfen. Es gab einen kurzen, aber recht dichten Müllhagel, die Band - Bill Wyman hinter seinem steil aufragenden Bass, Charlie Watts hinten in der Schießbude, vorne die Trias Jagger, Wood und Richards - spielte tapfer weiter, bis es keine Schuhe mehr zu werfen gab.

Keith Richards aber war der Held in Anaheim, sang "Before They Make Me Run" und von der Hoffnung, dass sie ihn trotz "booze and pills and powders" vielleicht doch laufen lassen würden. Das Wunder geschah. Keith Richards berichtet davon in seiner Autobiographie: Ein blindes Mädchen, das der Band gefolgt war, bat den Richter um Milde für den Suchtkranken. Am Ende des Jahres erhielt er eine Bewährungsstrafe und musste außerdem ein Konzert für den Blindenverein geben. Noch einmal davongekommen. Oder wie sie damals sangen, wenn's dir richtig dreckig geht, such dir ein Mädchen, "a girl with faraway eyes". Ja, danke der Nachfrage, es hilft. Thank you, Jesus, thank you, Lord.

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Quelle:
SZ vom 26.11.2011/rela/pak
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