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Regisseur Kenneth Branagh:"Eigenartige Parallellen"

Dafür, dass er so nachdenklich ist, hat Richard Madden als Prinz aber immer noch ganz schön viel Sex-Appeal.

Was sich für mich nicht ausschließt. Verantwortung zu übernehmen, muss nicht zwangsläufig öde sein. Richards große Gabe bestand darin, Männlichkeit mit Gefühl und Reflektiertheit zu verbinden. Er ist ein attraktiver Kerl mit Sex-Appeal, der eine Frau mit seinem funkelnden Blick betören kann, das ist zweifellos richtig. Doch er war auch in der Lage, diesem Prinz eine Tiefe zu geben, die ihn vielleicht schon ein kleines bisschen wie Hamlet erscheinen lässt.

Ist außer dem hamletmäßigen Prinz noch mehr Shakespeare in "Cinderella"?

Es wäre vermessen, wenn ich behaupten würde, da seien alle möglichen Referenzen zu den Theaterstücken eingebaut, die ich inszeniert habe. Ich kann nur Folgendes sagen: Die großen Mythen, die sich quer durch alle Kulturen etabliert haben, sind in aller Regel genau die Geschichten, die große Erzähler von anderen großen Erzählern vor ihnen übernommen haben. In den 35 bis 37 Stücken, die Shakespeare von der Wissenschaft heute zugerechnet werden, hat er sich immer an den Chronisten der Vergangenheit orientiert. Das heißt, er suchte nach Leuten, die bereits erkannt hatten, welche Plots und welche Situationen die Menschen so faszinieren, dass sie Geschichten darüber hören wollen.

Häufig waren das Familientragödien.

So ist es. Ein gutes Beispiel ist für mich immer Shakespeares "König Lear". Ein Mann mit drei Töchtern und einer Erbschaft, die aufgeteilt werden muss. Das heißt, einige Leute werden am Ende unzufrieden sein. Eine Tochter erweist sich als selbstlos, Cordelia (die gutherzige jüngste Tochter König Lears, Anm. d. Red.) übernimmt hier den Part, der Cinderella im Märchen zukommt. Es bestehen also tatsächlich eigenartige Parallelen. Doch ich will vermeiden, durch den Hinweis auf Shakespeare Dinge wichtiger erscheinen zu lassen, als sie es tatsächlich sind. Eigentlich käme durch solche Verweise nur eines zum Ausdruck: Dass die großen Erzähler Familienkonstellationen als tiefenpsychologischen Nährboden vieler zwischenmenschlichen Dramen erkannt haben.

Gilt das auch für unsere aufgeklärten Zeiten, in denen die Religion und Konventionen die Menschen weniger einschränken?

Auch in unserer modernen Welt können die Beziehungen innerhalb von Familien deformiert und sehr kompliziert sein. Mir wurde das zum Beispiel klar, als wir die eine Szene mit Cate (Blanchett, Anm. d. Red.) und Lily (James, Anm. d. Red.) gegen Ende des Filmes drehten, in der Lily Cate entgegenschleudert: "Du warst nie meine Mutter und wirst es nie sein." Da musste ich an die Stiefmütter im Publikum denken, die vielleicht ihre Kinder mitgebracht hatten, die nicht ihre eigenen sind, und denen ein solches Gespräch ziemlich bekannt vorkommen könnte. Und die in dem Moment womöglich wieder den Groll verspürten, den solche Aussagen auslösen. Das ist Drama in Reinkultur, und Shakespeare und Perrault wussten das (Der französische Schriftsteller Charles Perrault, 1628 - 1703, auf den das Aschenputtel-Märchen zurückgeht. Anm. d. Red.).

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