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"The White Crow" auf dem Filmfest München:Du sollst dir ein Bildnis machen

THE WHITE CROW, Ralph Fiennes (top), 2018...

Die Bewegung, erklärt Ralph Fiennes als Ballettlehrer (hinten) seinen Schülern, ist im Tanz nur ein Mittel, kein Selbstzweck.

(Foto: picture alliance / Everett Colle)

Als Schauspieler wurde Ralph Fiennes berühmt, doch er arbeitet auch als Regisseur. In München zeigt er sein Drama über die Tänzer-Ikone Rudolf Nurejew, mit dem ihn einiges verbindet.

Der entscheidende Satz des Films kommt nicht vom großen Ballettstar, sondern von seinem Lehrer. Der sitzt mit seiner Frau und dem jungen Rudolf Nurejew, einem der berühmtesten und einflussreichsten Ballettänzer des 20. Jahrhunderts, in Leningrad beim Abendessen. Hier besucht Nurejew gerade das Choreographische Institut, die Kaderschmiede des berühmten Kirow-Balletts. Dem Lehrer (und seiner Frau) ist der begabte Jüngling, der auf der Bühne diese ganz besondere Präsenz hat, längst aufgefallen. Technisch perfekt ist er nicht, da sind andere besser. Aber darum geht es nicht. Die Bewegung, so erklärt der Lehrer, ist im Tanz nur ein Mittel, kein Selbstzweck. Man muss immer auch an die Inhalte denken. Was will man damit sagen? Welche Geschichte will man erzählen?

Der Lehrer spricht das alles ebenso leise und sanft aus, wie er aussieht, mit seiner Halbglatze, seiner Wollweste und seinem Bäuchlein. Tanzend kann man ihn sich nur schwer vorstellen. Ob Ralph Fiennes, der ihn verkörpert, seinerseits tanzen kann, sei dahingestellt. Aber schauspielen kann er ganz sicher, und gerade diese Sanftheit, die er dem Ballettlehrer verleiht, ist ein wesentliches Element seiner Ausdruckspalette.

Die kann man gerade auf dem Filmfest München bewundern, wo Fiennes zu Gast ist und den "Cinemerit"-Ehrenpreis des Festivals für sein Werk bekommt. Begleitend werden einige berühmte Filme gezeigt, in denen Fiennes mitgespielt hat, wie "Der Englische Patient" und "A Bigger Splash". Vor allem aber sind jene drei Arbeiten zu sehen, in denen er nicht nur gespielt, sondern auch Regie geführt hat: "Coriolanus", "The Invisible Woman" und eben "White Crow", sein neuestes Werk über den Tänzer Rudolf Nurejew, gespielt vom Newcomer Oleg Iwenko, dessen Lehrer und Mentor er verkörpert.

Filmstarts der Woche

Welche Filme sich lohnen und welche nicht

Fiennes erzählt darin auf mehreren Zeitebenen aus Nurejews Leben, der 1938 in der Transsibirischen Eisenbahn zur Welt kam, von seiner harten Kindheit in der russischen Stadt Ufa und seiner Zeit an der Tanzakademie. Im Zentrum aber steht die zentrale Episode in Nurejews Leben: die Emigration in den Westen. 1961 darf das Kirow-Ballett Paris besuchen. Nurejews Soloauftritte sind ein Riesenerfolg. Außerdem freundet er sich mit französischen Tänzern an. Den KGB-Agenten, die zum Aufpassen mitgekommen sind, wird Nurejews Verhalten immer suspekter. Als er zur Strafe alleine nach Russland zurückgeschickt werden soll, gelingt es ihm, am Flughafen um politisches Asyl zu bitten. Er wird im Westen bleiben.

Seine erste Regiearbeit war eine moderne Adaption von Shakespeares "Coriolanus"

Vielleicht drückt sich im Ratschlag des Lehrers an seinen Schüler, den Inhalten und Geschichten den Vorzug vor der Technik zu geben, auch Fiennes' Auffassung vom Regieführen aus: Der Film ist klassisch dekoriertes und ausstaffiertes Kino, visuelle Experimente zeigt er nicht. Den Ursprung dieses traditionellen Handwerks findet man vielleicht in der Biografie des1962 geborenen Fiennes. Ursprünglich hatte er vor, Maler zu werden. Es ist vielleicht kein Zufall, dass er Nurejews Liebe zur Malerei betont, sein Verweilen vor den Gemälden im Louvre, speziell vor Théodore Géricaults Gemälde "Das Floß der Medusa", um sich für neue Posen und Bewegungen inspirieren zu lassen.

Aber wie für Nurejew war für Fiennes die Malerei einst nur die Brücke zur Bühnenkunst. Als Kunststudent stellte er fest, dass er Theater spielen möchte, und so wurde er in den Achtzigerjahren auf der Bühne berühmt, am Royal National Theatre und in der Royal Shakespeare Company. Was für ihn als Filmemacher zählt, speist sich vor allem aus diesen Theatererfahrungen. Es sind die Inhalte, die ihn interessieren, die Erzählung, die Figuren. Und natürlich "die Geschichte", im Sinne der großen "Historie".

Historisch-literarische Figuren und Texte vornehmlich britischer Tradition prägen Fiennes' Übergang von der Bühne zur Leinwand. Sein Filmdebüt hatte er 1992 in einer Verfilmung von Emily Brontës "Wuthering Heights", an der Seite von Juliette Binoche. Mit ihr spielte er 1996 auch im "Englischen Patienten", der ebenfalls eine Literaturverfilmung ist, nach dem Roman von Michael Ondaatje, und einer der schönsten Filme der Neunzigerjahre. Für seine Verkörperung des Grafen Almásy, der schwer versehrt am Ende des Zweiten Weltkrieges einer Krankenschwester von einer Affäre mit einer verheirateten Frau während des Kriegs erzählt, wurde Fiennes für den Oscar nominiert.

Was Fiennes' Filme als Regisseur betrifft, so zeichnen sich auch diese durch die Verknüpfung von Geschichte, Literatur und britischer Tradition aus. Welcher Name verkörpert diese Mischung besser als William Shakespeare, dessen Stücke Fiennes als Schauspieler bekannt gemacht haben? Seine erste Regiearbeit von 2011 basiert auf Shakespeares gleichnamigem - und wenig gespieltem - Stück "Coriolanus". Eine klassische Adaption ist es nicht: Fiennes übernimmt Shakespeares Text, verlagert aber die Handlung ins heutige Rom. Er selbst spielt Caius Martius, den römischen Krieger, der die Stadt gegen die Volsker verteidigt und zum Konsul erhoben wird, nach einer Intrige fliehen muss und sich mit seinen alten Feinden gegen Rom verbündet. Das hungernde Volk, dem von Populisten geschmeichelt wird, der autoritäre Staat, der von krawattentragenden Funktionären geführt wird, all das erinnert an unsere Gegenwart, wenn es nicht sogar eine noch dystopischere Zukunft heraufbeschwört.

Fiennes' Martius ist ein beeindruckendes Beispiel für zerstörerische männliche Gewalt, besessen von Hass, vom Krieg, vom Töten. Im Zorn treten ihm die Adern auf die Stirn, die grimmigen Augenbrauen bewegen sich wie ein im Gesicht wippender Stahlbügel. Nicht nur die Sanftheit des Ballettlehrers, auch die aufbrausende, grausame Härte gehören zu Fiennes' Repertoire - das weiß auch jeder, der Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" gesehen hat, in dem Fiennes den SS-Hauptsturmführer Amon Göth spielt. Wie bei Amon Göth gibt es bei Martius einen schnell beendeten Flirt mit der Idee, nicht mehr das Monster sein zu müssen, das man ist. Fiennes' Figuren werden oft von einem Stolz bestimmt, der sie nicht freigibt. Martius soll sich demütig dem Volk stellen, ihm seine Narben zeigen, die ihn als würdigen Konsul ausweisen, doch er wehrt ab. Er hasst den Pöbel, empfindet sich jenseits der Masse als Außenseiter, der sich nicht verstellen will oder kann.

Eine herausragende Persönlichkeit ist auch der von Fiennes verkörperte Charles Dickens in seiner zweiten Regiearbeit. "The Invisible Woman" (2013) erzählt von der Liebesgeschichte einer jungen Schauspielerin mit dem Autor von "David Copperfield" und "Große Erwartungen". Anders als Martius liebt dieser Held die Menschen, wie er von ihnen geliebt wird, aber wie bei Shakespeare sind wir weiter in der Welt des Theaters: Der Film dreht sich um Dickens' Tätigkeit als Theatermacher.

Die Mutter der Schauspielerin, gespielt von Kristin Scott Thomas (Fiennes Partnerin im "Englischen Patienten"), ist besorgt um die Reputation der Tochter - Dickens ist verheiratet. Wie in "Coriolanus" interessiert sich Fiennes für das Aufeinandertreffen der Erwartungen und der Moral der Gesellschaft mit den Leidenschaften und Bedürfnissen des Einzelnen. In "White Crow" findet diese Konfrontation zwischen dem sowjetischen Staat, in dem nur das Kollektiv zählt, und dem Individualisten Nurejew statt. Der hat, als genialer Künstler, der die Massen begeistert, etwas von Dickens; sein aufbrausendes Temperament und sein Stolz erinnern wiederum an Martius. Wenn er im Spielzeugladen nicht die passende Eisenbahn findet oder das Steak im Restaurant mit Pfeffersauce bekommt, geht er an die Decke.

Nachdem sich Fiennes in seinen Filmen bislang selbst in der Hauptrolle und als schillernder Individualist inszeniert hat, zieht er sich nun an den Rand zurück - als zwanzigjähriger Tänzer kommt er natürlich nicht mehr infrage. Fiennes spielt den Ballettlehrer, den Erfüllungsgehilfen, nicht den Star. So wird er noch mehr als Regisseur sichtbar, der andere anleitet und selbst fast unsichtbar bleibt und dem es weniger um die Form geht als darum, aufrichtig Geschichten zu erzählen.

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