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Pop-Autobiografie:Stiefelkauf mit Vivienne Westwood

Viv Albertine

Ohne Musik geht es immer noch nicht: Nach 18 Jahren Pause hat Viv Albertine wieder die Gitarre zur Hand genommen und eine zweite Karriere als Musikerin gestartet.

(Foto: Kevin Cummins/Getty Images)

Die Punk-Gitarristin Viv Albertine erzählt in ihrer Autobiografie von ihren drei großen Lieben: Musik, Menschen, Stil. Die Geschichte einer Befreiung.

Oh, eine Pop-Autobiografie. Zu erwarten ist unter diesem Label eine eher mittelmäßig geghostwritete Anekdotenschleuder, aber Viv Albertine ist offensichtlich die Definition eines Multitalents. "A Typical Girl" (großartig ins Deutsche übertragen von Conny Lösch) ist schon formal ein ungewöhnliches Buch, es erzählt in knapp siebzig Minikapiteln, generell chronologisch, aber doch ziemlich assoziativ und streng persönlich, ihr Leben in einer poetisch-derben Sprache.

Und auch, wenn Albertine, was die Begegnungen mit prominenten Zeitgenossen angeht, eine Art Forrest Gump der britischen Musikgeschichte zu sein scheint - einmal steigt Bowie bei einem Konzert auf sie drauf, es gibt einen gescheiterten Blowjob an Johnnie Rotten, Vivienne Westwood berät sie beim Stiefelkauf, sie verbringt eine Nacht mit Nancy (der Freundin von Sid Vicious), die schrecklich schnarcht - so funkelt ihr Buch weniger wegen der Namen, sondern wegen der Gedanken, die sie sich zwischen den Geschichten macht.

Viv Albertine kommt 1954 in Australien zur Welt. Vier Jahre später übersiedelt die Familie nach London, Albertines Kindheit ist geprägt von Armut, den Gewaltausbrüchen der Erwachsenen und einem offensichtlich von Anfang an vorhandenen Freiheitsdrang. Als ihr Vater erst die Kinder mit einem Gürtel verprügelt und danach die Familie zu einem gemeinsamen Abendessen in der Küche nötigt, lernt sie die Macht der Musik kennen: "Das Radio läuft, die Titelmelodie von Sing Something Simple von den Swingle Sisters sickert durch den Raum, die Gesangharmonien - widerlich schmalzig - durchdrängen die Atmosphäre und verdrängen die Stille. Bis heute kann ich diese Fünfziger-Jahre-Harmonien nicht ausstehen - das ist wie mit alkoholischen Getränken, von denen man als Teenager zu viel getrunken hat; allein vom Geruch wird einem ein Leben lang schlecht."

Den Sinn des Lebens entdeckt die junge Viv zwischen den Rillen einer schwarzen Plastikscheibe

John Lennon rettet die Musik für die kleine Viv, das erste Mal "Can't Buy Me Love" zu hören beschreibt sie als Erweckungserlebnis: "Bis heute dachte ich, das Leben besteht aus traurigen, wütenden Erwachsenen, langweiliger Musik, zähem Fleisch, verkochtem Gemüse, Kirche und Schule. Jetzt ist alles anders: Ich habe den Sinn des Lebens entdeckt, verborgen zwischen den Rillen einer flachen schwarzen Plastikscheibe."

Vivs Vater verlässt die Familie, das Leben wird leichter und glücklicher. Ihre Mutter unterstützt sie in ihren Interessen, gesteht ihr sämtliche Freiheiten zu, arbeitet Tag und Nacht, um sie zur Kunstschule schicken zu können. Und so ist Viv Albertines Geschichte von Anfang an und ganz selbstverständlich auch eine Geschichte der großen Solidarität und Liebe, die es zwischen Frauen geben kann, und der vielfältigen Wege, auf denen Frauen sich gegenseitig stark machen und inspirieren.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Zufällig trifft Viv früh am Morgen vor dem Plattenladen Mick Jones, den sie aus der Kunstschule kennt und der später The Clash mit Joe Strummer und Paul Simonon gründen wird. Doch es ist der Tag, an dem das Album "Horses" von Patti Smith erscheint, und Viv hat keine Zeit für den seltsam gekleideten schlaksigen Vogel: "Mir ist schlecht vor Aufregung (. . .) Ich renne nach Hause und lege die Platte auf. Patti Smith wirbelt durch Bewusstseinsströme, stürzt kopfüber in Poesie und löst sich auf in Sex. (. . .) "Horses" setzt bei mir eine Idee frei: Mädchen besitzen eine eigene Sexualität, die eigenen Bedingungen gehorcht und dem eigenen Vergnügen oder der kreativen Arbeit dient, keinem anderen Zweck, auch nicht dem, einen Mann abzubekommen."

Immer wieder gibt es solche Passagen, in denen jene monumentalen Gefühle zum Leben erwachen, die nicht nur Musik, sondern Popkultur überhaupt bei jungen Menschen auslöst. Das sinnliche Erlebnis erhält immer wieder einen politischen Resonanzraum. Für Viv gehört Kleidung unbedingt dazu: "Ich versuche auf allen möglichen Gebieten zu schockieren, besonders mit meinen Zeichnungen und Klamotten (. . .) Eine Mischung aus Pippi Langstrumpf, Barbarella und Jugendknast. Männer sehen mich verwirrt an, wissen nicht, ob sie mich ficken oder umbringen wollen. Meine Aufmachung bringt etwas in ihren Köpfen durcheinander. Gut so."