Neues Album "Pop Post Depression":Iggy Pop: Bissig, ironisch, maliziös

Iggy Pop

Wunderbar desperat torkelnd: Josh Homme, Dean Fertita, Matt Helders, Iggy Pop.

(Foto: Caroline/Universal)

Die Versuche des großen alten Rock-Wüterichs Iggy Pop, ein überzeugendes Alterswerk aufzunehmen, missglückten bislang zuverlässig. Diesmal nicht.

Albumkritik von Torsten Gross

Jahrelang hatte man die Alten belächelt, um dann doch wieder hinzugehen, wenn die Stones auf Tournee kamen oder Dylan oder McCartney. Der Methusalem-Komplex war zu einem festen Bestandteil der Rockmusik geworden. Ein Betriebsunfall: Der Mythos verlangt ja eigentlich einen frühen Tod. Wer das nicht hinbekam, hatte wenigstens in der Versenkung zu verschwinden.

Nun aber wurden die Gründerväter abermals zu Pionieren, indem sie vormachten, wie das eben doch gehen könnte mit dem Altern im Pop. Agile Musiker mittleren und höheren Alters wurden derart selbstverständlich, dass man sie kaum noch infrage stellte.

Was man sich trotzdem oder gerade deshalb am allerwenigsten vorstellen konnte: das eigentlich Allernormalste überhaupt. Dass nämlich auch ehedem glitzernde Überwesen irgendwann richtig alt und gebrechlich werden könnten, um plötzlich nicht mehr an Überdosen und Unfällen zu sterben, sondern an: Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall. Mit dem minimalen Unterschied, dass dieses Schicksal eventuell etwas früher eintritt als bei Opa Alfred.

Iggy Pop lebt seit Jahren glücklich verheiratet, trocken und clean im Rentnerparadies Florida

Nun scheint die Zeit gekommen zu sein, in der die Endlichkeit aller Dinge auch im Pop zur absoluten Gewissheit wird. Bowie, Lemmy, Keith Emerson, Glenn Frey, Maurice White, George Martin - gestorben wurde zuletzt beinahe im Wochentakt.

Damit einher geht eine andere relativ neue Pop-Erzählung: Die Rockmusik scheint ihr letztes großes Thema gefunden zu haben. Der nahende Abschied spornt einige zu besonderen musikalischen Werken an. Das gilt natürlich besonders für David Bowie, aber auch für Iggy Pop. Die Lebensläufe beider Männer sind seit Jahrzehnten in wundersamer Weise miteinander verwoben, nun auch im Abschied?

Iggy Pop wird im April 69 Jahre alt. Er lebt seit Jahren im Rentnerparadies Florida, ist glücklich verheiratet, raucht nicht mehr, trinkt nur noch gelegentlich ein Glas Rotwein, hat ewig keine Drogen mehr angerührt. Sein bester Freund ist der Gärtner. Und Anfang vergangenen Jahres, der Gärtner hatte vielleicht gerade frei, wir wissen es nicht, nahm dieser Iggy Pop nun sein Handy zur Hand und schrieb eine SMS an Josh Homme.

Hatten die Fans Angst vor ihrem eigenen Alter?

Der Queens of the Stone Age-Kopf ist einer der großen Netzwerker der zeitgenössischen amerikanischen Rockmusik. Immer wenn er so omnipräsent zu sein scheint wie Dave Grohl, zieht er sich eine Weile zurück. Iggy Pop sagt, er habe es noch mal wissen wollen, aber das sagen sie ja immer.

Bislang sind ihm sämtliche Versuche, ein überzeugendes Alterswerk aufzunehmen, eher missglückt. Alben wie "Avenue B" oder "Préliminaires" waren nicht schlecht, aber als altersweisen Crooner wollte man ihn dann doch noch nicht. Vielleicht erinnerte diese Rolle manche Fans ja zu sehr an ihr eigenes Alter.

Die Plattenfirma kam lieber alle Jahre wieder auf die Idee, Iggy Pop mit jungen Punk- und Hardrock-Musikern ins Studio zu stecken, damit er wieder den wilden Mann spielt. Auch Josh Homme ist vergleichsweise jung und Fan, aber wenigstens hat er einen besseren Geschmack als die ehemaligen Kollaborateure Sum 41. Jedenfalls sendete Iggy die SMS, übermittelte bald darauf Aufzeichnungen, Gedichte, Songtexte, Tagebucheinträge aus der Berliner Zeit. Und so näherten sie sich an, schickten schließlich erste Demos hin und her.

Humor hatte Iggy schon immer

Homme stellte eine Band zusammen, die außer ihm selbst aus dem Studioprofi Dean Fertita und Matt Helders von den Arctic Monkeys besteht, einem Berserker am Schlagzeug. Sie gingen in die Wüste, in Hommes Studio, wo er immer arbeitet, und nahmen ein Album auf, das Pops letztes sein soll: "Post Pop Depression".

Ja, Humor hatte Iggy schon immer. Es geht um den Tod, um Abschied und Rückzug, um die Frage nach der eigenen Bedeutung, wenn eigentlich alles vorbei ist, man aber immer noch da ist. Und es geht um Sex, natürlich. Allerdings mit der eigenen Frau, der die erste Single "Gardenia" gewidmet ist. Glückliche Ehe, schönes Haus: Iggy kokettiert, wenn er in "American Valhalla" singt, ihm bleibe "nothing but my name". Nach prekären Jahren ist seine Rente mittlerweile längst mehr als sicher. Es geht also um die Metaebene.

Wie steht es um die eigene Bedeutung, wenn alles vorbei ist, man aber immer noch da ist?

Und dafür findet Pop die richtigen Worte: "Post Pop Depression" ist bissig, selbstironisch, geflissentlich maliziös und bisweilen von einer gewissen Wehmut durchzogen, am ehesten in der Berlin-Pastiche "German Days", in der er sich an "champagne on ice" und "brilliant brains" erinnert. Folgendes aber ist diese Platte zu keiner Zeit: nostalgisch verklärt, verbittert, reumütig.

Das liegt auch an der Musik. "Post Pop Depression" hätte vor 45 Jahren oder eben diese Woche erscheinen können. Einige der Songs beschwören den Berliner Geist heraus, aber diese Musik ist ebenso durchdrungen vom Desert-Rock Hommes und jener Art von Garagenmusik, die niemand beherrscht außer Iggy Pop. Desperat torkelnde Klaviere, alles eher Moll, einmal sogar ein Walzer - wunderbar!

Natürlich gibt's auch wieder ein altes Stilmittel: roh und brutal wirkende Repetition. Iggy höhlt den Hörer aus, weicht ihn auf, erlahmt ihn - um dann im geeigneten Moment zuzustoßen. Das war stets die Paradedisziplin des Mannes, der immer auch so unerträglich sein konnte wie das Geräusch von abrutschender Kreide auf einer Tafel.

"I dream about getting away"

In "Paraguay", jenem Song über einen, der genug hat von einer Welt, die schneller geworden ist, die er nicht mehr versteht und deren Werte nicht die seinen sind, gibt er in einem grandiosen dreiminütigen Outro ein letztes Mal den Wüterich: "There's nothing awesome here / Not a damn thing (. . .) / Just a bunch of people scared (. . .) / I'm tired of it / And I dream about getting away." Das ist nicht nur der altersbedingte Wunsch nach Ruhe, sondern eine ziemlich nachvollziehbare Reaktion auf die aktuelle politische Weltlage.

"I'm a wreck, what did you expect?", raunt er spöttisch in "Sunday", weswegen er sich immer auf den Sonntag freue, "when I don't have to move". Nun: Einmal wird er sich noch bewegen müssen. Es kommt eine Tournee, es soll seine letzte größere sein. Die Männer um Josh Homme, das deuteten die ersten Konzerte bereits an, sind die beste Band, die Iggy Pop seit sehr langer Zeit hatte.

Als er mit ihnen vor einigen Wochen das neue Album in der Show von Stephen Colbert vorstellte, sah der tatsächlich nicht besonders große Pop neben Homme so klein aus wie nie zuvor. Er trug einen Anzug, bewegte sich mit der Bedächtigkeit des Alters, strahlte Würde aus. Wenige Wochen später, beim ersten Konzert in Los Angeles, war es damit vorbei. Iggy hüpfte wie gewohnt mit nacktem Oberkörper über die Bühne. Er wirkte jetzt wieder größer. "Wild animals never wonder why, they just do", singt Pop in "Paraguay". So hat er es immer gehalten. Instinct keeps him running.

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