Graphic Novel:Verbotene Küsse

Als die Männerliebe noch eine Straftat war: "Parallel" von Matthias Lehmann erzählt vom Schwulsein in Deutschland in der Nachkriegszeit - und einer zerrissenen Biografie. Der Comic geht unter die Haut.

Von Thomas von Steinaecker

Wäre diese Rezension ein Comic, würde sie vielleicht so beginnen: Ein Leser, der den Klappentext der vorliegenden Graphic Novel studiert und dabei ein skeptisches Gesicht mit eng zusammengezogenen Augenbrauen zieht. "Parallel" ist ein 450-Seiten-Comic übers Schwulsein in der Nachkriegszeit, über das geteilte Deutschland, ein Arbeiterklasse-Schicksal und einen Generationenkonflikt. Viel Holz also, man könnte auch sagen: Da legt jemand die Latte schon sehr hoch, noch dazu in seinem Debüt. Außerdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei all diesen Themen um seit Längerem viel beachtete Debatten handelt und Verlage manchmal gern aus gar nicht mal so unkommerziellen Interessen auf diesen Zug aufspringen, was dann aber eher selten zu künstlerisch wirklich interessanten Werken führt. In diesem Moment erscheint also über dem Kopf des Lesers in einer Denkblase ein dickes Fragezeichen.

Karl hat seinen Mitmenschen immer etwas vorgemacht - vor allem aber auch sich selbst

Allerdings lösen sich all diese Bedenken - mit einem Speedword à la "piff" - in Sekundenschnelle und noch vor der Lektüre in Luft auf, ist der Band einmal aufgeschlagen. Denn sofort nehmen die Zeichnungen gefangen: schwarz-weiß und mit einer Vielzahl an wässrig-grauen Schattentönen. Die Landschaften wirken dadurch auch dann dunkel, wenn die Sommersonne scheint, als stehe ein Unheil unmittelbar bevor, von dem die mit wenigen Strichen präzise charakterisierten Figuren nichts ahnen. Ein ziemlich meisterlicher Stil ist das, bei dem man sofort neugierig wird, welche Geschichte damit erzählt wird. Sie beginnt mit einem Ende. Der Werksarbeiter Karl Kling wird in den 1980ern in die Rente entlassen. Zusammen mit seinen Kollegen wird der neue Lebensabschnitt feucht-fröhlich gefeiert. Die Macho-Runde zieht Karl mit vermeintlichen Frauengeschichten auf und beglückwünscht ihn, dass er es sich nun endlich gutgehen lassen könne. Doch obwohl Karl mitspielt, ahnt man, dass hier irgendwas nicht stimmt.

Graphic Novel: Matthias Lehmann: Parallel. Graphic Novel. Reprodukt Verlag, Berlin 2021. 464 Seiten, 29 Euro.

Matthias Lehmann: Parallel. Graphic Novel. Reprodukt Verlag, Berlin 2021. 464 Seiten, 29 Euro.

Er hat zwar eine erwachsene Tochter, Hella, zu der wegen eines Streits vor Jahren der Kontakt abriss, aber an kleinen Gesten der Unsicherheit, auf die die Zeichnungen subtil fokussieren, merkt man, wie unwohl sich Karl in seiner Haut fühlt. Bald erfahren wir, warum. In einem Brief an Hella erklärt er sich ihr. Es ist die Lebensbeichte eines Mannes, der seinen Mitmenschen, vor allem jedoch sich selbst, immer etwas vorgemacht hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg sieht alles zunächst nach einem klassischen westdeutschen Lebenslauf im kleinbürgerlichen Milieu aus, und das heißt: vermeintlich idyllisch, aber vor allem sehr piefig und patriarchalisch. Karl heiratet die Tochter des Bürgermeisters einer Kleinstadt, der ihm dann praktischerweise einen Job besorgt. Und so wie erwartet wird, dass sich seine Frau in ein Heimchen am Herd verwandelt, so soll er zum Versorger und Vater eines Stammhalters werden - eine Rolle, die er fürs Erste annimmt. Als Karl jedoch seine homosexuellen Neigungen entdeckt und sie auszuleben beginnt, kommt es zur Katastrophe. Denn wenn die "warmen Brüder" heimlich auf dem Klo knutschen, ist das nicht nur eine Straftat, sondern auch ein Angriff auf die Codes der Männlichkeit, auf denen die gesamte Nachkriegsgesellschaft gründet. Als "Abschaum", bei dem man sich nicht so ganz sicher ist, ob seine "Krankheit" nicht ansteckend ist, wird Karl eingesperrt und schließlich von seinem Schwiegervater aus dem Dorf gejagt. Karl flieht zu einer Bekannten nach Leipzig, wo sich nun seine Geschichte wie in einem weiteren Kreis der Hölle wiederholt: Er findet eine Stelle in einem Werk, trifft die gutmütige Lieselotte, heiratet sie, bekommt mit ihr eine Tochter, Hella, - und sucht doch bald wieder jene stillen Orte und geheimen Plätze auf, an denen sich die Homosexuellen treffen. Fast unmerklich tritt hier zu der schwulen Thematik jene der Teilung Deutschlands. Denn wir befinden uns am Anfang der 1960er-Jahre. Und als Lieselotte von Karls Doppelleben erfährt, stellt sie ihn vor die Wahl: entweder Familie und Ausreise in Richtung Westdeutschland oder Trennung. Die Sache verkompliziert sich, als sich Karl zwar entscheidet mitzukommen, aber seine Affäre, der schnittige Helmut, erst zum Untermieter der Familie und dann auch noch zum Liebhaber Lieselottes wird.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu mit seinen Posen der Männlichkeit

Warum geht dieses Buch so unter die Haut? Die Nachkriegszeit und die deutsche Teilung gehören zu den beliebtesten Settings hierzulande, und auch Coming-out-Schicksale haben Konjunktur, sodass man jedem jüngeren Zeichner den Rat geben wollen würde, erst einmal die Hände davon zu lassen. Es ist ja nicht nur so, dass man die Urszenen dieser Geschichten mittlerweile auswendig zu kennen meint, sodass da zunächst wenig Spielraum für Überraschungen zu bleiben scheint; gerade im Comic ist die Crux mit Ausflügen in die Vergangenheit, dass es hier doppelt sorgfältig zu recherchieren gilt, für die visuelle wie auch für die sprachliche Ebene. Doch die Graphic Novel des Leipziger Zeichners Matthias Lehmann verfolgt von Anfang an einen ebenso ungewöhnlichen wie absolut überzeugenden Ansatz: Alles spielt sich hier im sozialen Gefüge des Werks und seines Arbeitermilieus ab, das die Posen der Männlichkeit unhinterfragt feiert - genau wie Karl, der das gesellige Saufen mit seinen Macho-Kumpels in gleichem Maße liebt wie das stille gemeinsame Schwimmen im See mit seinen Affären. Ein toxisches Umfeld, in dem Karl, der sich einerseits nach einer bürgerlichen Existenz mit Familie sehnt und andererseits nicht gegen seine Neigungen ankommt, immer ein Zerrissener bleiben muss. Sehr subtil und nie auftrumpfend knüpft Lehmann hier die Zeitgeschichte ein und findet besonders in seinen ganzseitigen Tableaus fantastische Sinnbilder für die Situation seiner Hauptfigur: Wenn Karl eine lesbische Leidensgefährtin gefunden hat, sehen wir die beiden beim Besuch im Zoo aus der Gitterperspektive der eingesperrten Raubtiere.

Nach einer Boomphase vor nun schon längerer Zeit mit Werken wie Mawils "Kinderland" oder Barbara Yelins "Irmina" sind epische, umfangreiche Graphic Novels hierzulande wieder seltener geworden. Nur wenige Autoren sind bereit oder können es sich leisten, über einen langen Zeitraum an einem Comic zu arbeiten. Matthias Lehmann jedoch ist mit "Parallel" in jahrelanger Arbeit Erstaunliches gelungen: Ein hervorragend erzählter, oft bedrückender Comic über ein wichtiges Thema, über das man so noch nicht gelesen hat.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB