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NS-Raubkunst:Letzte Chance

Amsterdamer Raubkunst-Prozess: Erben wollen Kandinsky zurück

Das Gemälde 'Bild mit Häusern' (1909) von Wassily Kandinsky hängt im Amsterdamer Stedelijk Museum.

(Foto: picture alliance/dpa/Collectie S)

Schluss damit, Museumsinteressen höher zu werten als die Rechte enteigneter Juden: In Amsterdam könnte nun der Raubkunstfall um Kandinskys "Bild mit Häusern" neu aufgerollt werden.

Von Kia Vahland

In den Niederlanden wird um NS-Raubkunst viel grundsätzlicher gestrittenes als in Deutschland. Es geht nicht nur darum, welche Werke in öffentlichen Museen während des Nationalsozialismus jüdischen Sammlern abgepresst wurden. Stattdessen steht auch eine "Abwägung der Interessen" im Raum, was heißt, nicht nur das Interesse der Enteigneten und ihrer Erben sei zu berücksichtigen, sondern auch das Interesse der Niederländer, die sich an den Anblick der Werke im Museum gewöhnt haben. Die Rechte von Privateigentümern, die ansonsten auch in den Niederlanden nicht zur Debatte stehen, werden damit ausgerechnet dann relativiert, wenn es um das Leid der Juden im Nationalsozialismus geht. Die staatliche Restitutionskommission selbst vertrat bis vor Kurzem diese Position.

Doch dagegen regt sich nun Widerstand. Erst protestierte der Jurist Jacob Kohnstamm, der die Arbeit der niederländischen Restitutionskommission im Auftrag der Regierung evaluierte. Die Rückgabe von geraubter oder erpresster Kunst an die Erben der Sammler sei "eine der letzten greifbaren Möglichkeiten zur rechtlichen Wiedergutmachung" und schon deshalb für die betroffenen Familien und die jüdische Gemeinschaft von immenser Bedeutung. Dieser Einspruch fand die Sympathie der niederländischen Kulturministerin Ingrid van Engelshoven. Daraufhin traten diejenigen Mitglieder der Restitutionskommission zurück, die das mutmaßlich anders sehen.

Die Amsterdamer Bürgermeisterin fordert, die Rückgabe von Kandinskys "Bild mit Häusern" zu erwägen

Ob aus dem Stimmungswandel aber auch Taten folgen? Danach sah es erst einmal nicht aus, schließlich hatten Gerichte die Entscheide der Restitutionskommission schon bestätigt. Jetzt aber distanzieren sich auch die Amsterdamer Bürgermeisterin Femke Halsema und der Rat der Stadt von einer Abwägung der Interessen. Das könnte in einem der prominentesten NS-Raubkunstfälle zur Wende führen: Das städtische Stedelijk Museum verfügt über Wassily Kandinskys "Bild mit Häusern", das es auf einer NS-Auktion im Jahr 1940 ersteigert hatte. Das Gemälde stammt aus dem Eigentum der jüdischen Amsterdamer Familie Lewenstein. Deren Erben fordern die Restitution dieses Gemäldes sowie von Kandinskys "Das bunte Leben", das sich heute im Besitz der Bayerischen Landesbank befindet und als eines der Hauptwerke das Münchner Lenbachhaus schmückt. Hiermit wird sich in den kommenden Wochen die Limbachkommission befassen, die in Deutschland Empfehlungen zum Umgang mit NS-Raubkunst ausspricht.

Bisher waren die Amsterdamer Museumsleute der Ansicht, es genüge, ein Schild mit der Geschichte neben das "Bild mit Häusern" zu hängen, schließlich hatten sowohl die Restitutionskommission als auch ein Gericht die Restitution verweigert. Nun aber sagt die Bürgermeisterin selbst, man wolle kein Raubgut, und fordert, der Fall möge wieder aufgerollt werden. Lewensteins Erben, vertreten durch die Kunstrechercheagentur Mondex, fordern eine unverzügliche Rückgabe des "Bildes mit Häusern".

© SZ/rjb
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