Kolumne "Nichts Neues":Gesundheit!

Lesezeit: 1 min

Kolumne "Nichts Neues": Schöner als in diesem Band von Sempé wurden Arzneimittel nie beworben.

Schöner als in diesem Band von Sempé wurden Arzneimittel nie beworben.

(Foto: Laboratoires Le Brun/Sempé)

Erkältungen, liebevoll gezeichnet von Sempé.

Von Johanna Adorján

Zu den schönsten Sachen, die die Pharmaindustrie je hervorgebracht hat, dürfte eine Serie von Illustrationen gehören, die davon handeln, wie man sich erkälten kann. Von 1952 bis 1973 brachten die Laboratoires Le Brun, Paris, jedes Jahr als Werbung eine solche Karikatur-Sammlung heraus. In einem Umschlag waren jeweils zwölf Zeichnungen, für jeden Kalendermonat eine, auf den Rückseiten wurden Eukalyptusbonbons und Harnwegs-Antiseptika angepriesen. Zweimal, 1957 und 1961, wurde dafür Sempé engagiert, der große melancholische Meister der Menschenliebe, der er da bereits war, mit Mitte/Ende zwanzig.

Er zeichnete damals noch ausführlicher, die Bilder, von denen man mit Sicherheit sagen kann, dass er sie von Hand koloriert hat, sind bis ins kleinste Detail ausformuliert.

Wie erkältet man sich in Paris im Sommer?

Auf seinem ersten Titelbild steht ein Ehepaar im Regen. Sie hält den Schirm, während er sich Augentropfen in die Augen tropft. Überall auf dem Bild tropft es, nur unterm Schirm nicht, es ist eine Komposition aus dem Rot und Grün ihrer Mäntel und den vom Himmel fallenden Tropfen, gemischt mit den Augentropfen, unten verschwimmt ihre Spiegelung zu einer roten und grünen Pfütze. Man kann dieses Bild nicht ansehen, ohne sich nach einer Heizung zu sehnen. Ja, diese beiden werden sich erkälten. Auf dem anderen Titelblatt sitzen fünf womöglich bereits erkältete Personen äußerst missmutig im Winter auf einer Bank. Auf der Straße vor ihnen steht der Verkehr in mehreren Reihen. Für sie unerreichbar fährt der ohnehin überfüllte Bus an ihnen vorbei. Im Februar erkälten sich Mannequins beim Fotoshooting im schulterfreien Cocktailkleid in den Tuilerien. Im November ereilt es die Menschen, die vorm Kino Schlange stehen. Wie aber erkältet man sich in Paris im Sommer?

Sempé zufolge fällt man als turtelndes Paar versehentlich bei einem Kuss in die Seine. Springt fröhlich betrunken nachts in einen Brunnen. Sonnt sich auf einem Dach, und genau über einem endet das Abflussrohr, durch das in wenigen Sekunden das Abflusswasser der Nachbarin rauschen wird, die im obersten Stockwerk den Abwasch macht.

Leider nur noch antiquarisch erhältlich, aber schöner wurden Arzneimittel nie beworben.

Weitere Folgen der Kolumne finden Sie hier.

Zur SZ-Startseite

Kolumne "Nichts Neues"
:Dieser herrliche Lärm

Ein alter Baedeker nimmt einen mit ins historische Paris.

Lesen Sie mehr zum Thema