Kolumne "Nichts Neues":Dieser herrliche Lärm

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Kolumne "Nichts Neues": Nichts wie hin ins historische Paris.

Nichts wie hin ins historische Paris.

(Foto: Baedeker/Bearbeitung: SZ)

Ein alter Baedeker nimmt einen mit ins historische Paris.

Von Johanna Adorján

1923 erschien eine neue Ausgabe des schönen roten Baedeker-Reiseführers für Paris. Wer ihn las, womöglich in der Absicht, demnächst nach Paris zu reisen, konnte es mit der Angst zu tun bekommen. Meine Güte, wie teuer dort alles war. Die gesalzenen Restaurantpreise sind ein Riesenthema im praktischen Teil. Wieder und wieder wird darauf hingewiesen, mit welchen Unsummen man etwa rechnen müsse. Vor allem vor den "vornehmsten" Restaurants wird eindringlich gewarnt. Dort seien die Preise nur für die Hauptgerichte angegeben, die "feinen ,hors-d'oeuvre'", die zu Anfang, während die Suppe bereitet werde, gereicht würden, seien nicht verzeichnet, würden aber berechnet, "wenn man sie nicht sofort zurückgewiesen hat".

Was macht der Reisende mit seiner Damenbegleitung, wenn er mal ins Theater will?

Der Baedeker-Leser, natürlich ein Mann, ist nun gewappnet. Er wird die vornehmsten Etablissements meiden, und wenn nicht, dann mit Sicherheit jedes ihm angetragene Horsd'œuvre unverzüglich zurückweisen. Was aber macht er mit seiner Damenbegleitung, wenn er mal ins Theater will? Oder in die Oper? Ach, wäre er doch alleine gereist. Damen sind nämlich in einigen Häusern im Parkett, wo sich laut Baedeker die besten Plätze befinden, nicht zugelassen. Und was macht er während der Vorstellung mit seinem Hut? Er gebe ihn nicht an der Garderobe ab, sondern nehme ihn mit in den Saal und setze ihn nur während der Vorstellung ab. Gut, immerhin das wäre geklärt.

Ach, ist das herrlich, alte Reiseführer zu lesen. Wie ein Roman ohne lästige Charaktere und störende Handlung. Man kann sich direkt selbst hineinwerfen in den aufregenden Lärm der Großstadt, in der sich das höchste Bauwerk der Erde befindet, der gigantisch hohe Eiffelturm. Und alles rast. Über die mit Holz gepflasterten Boulevards brettern neben Pferdedroschken immer mehr Automobile. Elektrische Rolltreppen führen hinunter zur Métro. Jeden Mittag um Punkt zwölf, wenn die Sonne am höchsten steht, entlädt sich eine Minikanone im Park des Palais Royal, nach der man die Taschenuhr stellen kann. Alle Welt trinkt mazagran (kalter Kaffee im Glas, mit Wasser verdünnt). Und in jedem Zigarrenladen brennt ein Licht, an dem man, auch ohne zu kaufen, anzünden kann. Nichts wie hin.

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