Neuer Song Kanye West, die USS Enterprise des Pop

Kanye West hat das unendliche Album erfunden.

(Foto: REUTERS)

Der Rapper hat seinem aktuellen Album einen neuen Song hinzugefügt. Das klingt nach nichts, aber Kanye West geht dahin, wo vor ihm noch kein Mensch gewesen ist.

Von Julian Dörr

Sicher, Kanye West ist ein Schaumschläger, ein Großkotz und ein Dampfplauderer. Aber er ist auch ein Visionär. Und zwar einer der größten, den die Popmusik in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Seit seinem Debüt "The College Dropout" Mitte der 2000er hat er den Hip-Hop mit jeder Platte ein bisschen weiter vorangetrieben. Hat das enge Neunzigerjahre-Narrativ vom Gangster-Hustler für den schwarzen Mittelstand geöffnet, eine neue Verletzlichkeit im Genre der harten Jungs etabliert.

Im Februar dieses Jahres veranstaltete Kanye im Madison Square Garden die größte Laptop-Hörprobe der Musikgeschichte, um der Welt - versammelt im Stadion, vor dem Live-Stream oder in Kinos rund um den Globus - sein neues Album zu präsentieren: "The Life of Pablo". Das hätte nun die ganze Geschichte sein können. Aber nicht für Kanye West, die USS Enterprise des Pop. Er musste dorthin gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Und so schuf er ein Kunstwerk im ewigen Wandel, das erste Album, das nie vollendet sein wird.

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Seit Februar wurde "The Life of Pablo" millionenfach illegal heruntergeladen - die einzige legale Möglichkeit Kanyes siebtes Studioalbum zu hören, war lange Zeit der exklusive Tidal-Stream. Seit der großen Sause im Madison Square Garden werkelt West beständig weiter an seinem Album. Er entfernte Frank Oceans Stimme aus "Wolves", schob "Famous" und "Ultralight Beam" eine neue Textzeile unter, veränderte das Outro von "30 Hours". Nun hat er mit "Saint Pablo" einen gänzlich neuen Song ans Ende des Albums gestellt.

Musik, so flüchtig und wandelbar wie die Daten, aus denen sie besteht

Kanye versucht also gerade, was noch kein Künstler vor ihm gewagt hat. Er dehnt die Kunstform Album aus, testet, wie viel er auflösen kann, bevor das ganze Konzept überflüssig wird. Warum sollte Musik im Zeitalter der Streaming-Abos nicht genauso flüchtig und wandelbar sein wie die Daten, aus denen sie besteht? Kanye West zielt nicht mehr auf das analoge Plattenregal, sondern auf die Zukunft. Auch wenn ihm dahin bislang kaum ein Fan folgen konnte. Zu filigran waren die Veränderungen an "The Life of Pablo", zu unwichtig im Kontext des großen Werkes. Bis jetzt.

Der neue Song, "Saint Pablo", ist nun ein kleines Meisterwerk - auf jeder Meta-Ebene. Sechs Minuten rollt er dahin, eine schwere Produktion, ein Geister-Synthie haucht im Hintergrund. Reduzierter Bombast, wenn man so will. Textlich ist "Saint Pablo" wie geschaffen für kulturwissenschaftliche Proseminare - feinste Mise en abyme. Ein Song im Album über das Album. Ein Song, der die Rezeption von "The Life of Pablo" verarbeitet und aus der Sicht des Künstlers kommentiert. Er habe "Saint Pablo" geschrieben, nachdem er auf Twitter seine größte Schande, seine persönlichen Schulden, eingestanden hätte, sagt Kanye. "People tryna say I'm goin' crazy on Twitter", heißt es jetzt im Song. Und: "The media said he's way out of control".

Tatsache ist aber, dass Kanye nie mehr Kontrolle über seine Arbeit hatte. Deadlines und Abgabetermine sind bedeutungslos geworden, seine kreative Vision strahlt ungetrübt. Auf "Saint Pablo" mischt er, der er auch Vordenker einer wiederentdeckten Spiritualität im Hip-Hop ist, religiöse Demut ("God, I have humbled myself before the court") mit neuen Steigerungsformen der bekannten Hybris ("This generation's closest thing to Einstein").

"I can see a thousand years from now in real life", sagt Kanye an einer Stelle. Da mag wieder der Schaumschläger, der Großkotz und Dampfplauderer sprechen. Aber die Wahrheit ist ja: Niemand sieht zurzeit weiter.

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