Netzkolumne:Tschüss, Twitter

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Netzkolumne: Was Hobbes' Diktum vom "Krieg aller gegen alle" bedeutet, kann man sehr gut in sozialen Medien wie Twitter beobachten.

Was Hobbes' Diktum vom "Krieg aller gegen alle" bedeutet, kann man sehr gut in sozialen Medien wie Twitter beobachten.

(Foto: Constanza Hevia/AFP)

Elon Musk übernimmt den Kurznachrichtendienst. Welche Alternativen gibt es?

Von Michael Moorstedt

Neben einer Menge Selbstbeweihräucherung - "Ich liebe die Menschheit" - versprach Elon Musk in einem offenen Brief, dass alles gut werde, unter seiner Führung. Nachdem der verspielte Plutokrat die Nachrichtenplattform endgültig übernommen hat, herrscht in der Kommentarsektion unter dem Tweet trotzdem eher Endzeitstimmung. Manche wollen zu der Open-Source-Alternative Mastodon übersiedeln. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales brachte direkt unter dem Musk-Tweet sein Projekt wt.social ins Spiel. Dort soll alles besser werden, leider ist das Projekt aber noch gar nicht fertig entwickelt und fragt erst mal nach Spenden, bevor man mitmachen darf.

Ob Plattformen wie diese die Probleme von Twitter lösen, hängt auch davon ab, was eigentlich die Diagnose ist. Wenn man allein lästige Werbung für das Problem hält, kann das Alternativangebot sogar genügen. Wenn es aber um die Mitnutzer geht, um die Feindseligkeit, die Wut, das Mobbing, die einen Großteil der Inhalte darstellen, dann eher nicht.

"Als Krieg aller gegen alle" beschrieb Thomas Hobbes den vermeintlichen Naturzustand des Menschen. Und kaum irgendwo findet man die These so gut bestätigt wie auf den sozialen Medien, in diesem Fall Twitter. Blickt man mit Anthropologenbrille auf den ungeschriebenen sozialen Kodex der Kurznachrichtenplattform, sieht man eine Art Feudalgesellschaft, in der alle Interaktionen mehr oder weniger auf Solidaritätsbekundungen oder Ankeifereien reduziert werden können.

Die App Geneva wird gerade unter jungen Frauen immer populärer

Paart man einen Verstärkeralgorithmus mit einer Plattform, die Anreize und Belohnungen für extreme und öffentliche Kurzschlussreaktionen bietet, ist es kein Wunder, dass das Verhalten der Menschen außer Kontrolle gerät. Um sich in einem solchen Raum weiterhin bewegen zu können, ohne permanent in Konflikte hineingezogen zu werden, muss man sich ein ganzes Arsenal von auch schon wieder passiv-aggressiven Verhaltensweisen aneignen: Ghosten, Blockieren und Stummschalten, Antwortmöglichkeiten einschränken.

Die Abwanderung zu einer anderen sozialen Plattform wird die Nutzer nicht vor dieser Dynamik schützen. Manche Dinge sind vielleicht einfach einem Medium inhärent, in dem Schimpfduelle zu einem Zuschauersport geworden sind. Doch wenn das Nutzererlebnis sowieso miserabel ist, wieso sollte man es andernorts und unter neuem Management replizieren wollen? Vielleicht brauchen soziale Plattformen ein generelles Umdenken. Wie es anders geht, zeigt etwa die App Geneva, die seit einiger Zeit gerade unter jungen Frauen immer populärer wird.

Ziel ist es, eine neue Art von Online-Gemeinschaft aufzubauen, die nicht von den Follower-Zahlen diktiert wird, sondern in Gesprächen zwischen Menschen wurzelt, die Interessen teilen. Jeder Nutzer kann sich ein sogenanntes Home erstellen: Ein virtueller Zufluchtsort, in dem man die volle Kontrolle hat, wer welche Inhalte sehen kann oder mit wie vielen Menschen man kommunizieren will. Dass man die App nach der Genfer Konvention benannt hat, ist natürlich ein wenig dramatisch, aber der Leidensdruck der Leute ist hoch. Geneva macht sich den Wunsch der Generation Z nach Gemeinschaft zunutze, ohne sich dem Druck auszusetzen, permanent ihre Online-Persona zu kuratieren, Algorithmen zu folgen und Likes zu zählen.

Doch wo Anonymität herrscht, folgen oft Trolle und Fehlinformationen. Geneva versucht, dies durch eine Reihe von Funktionen zu bekämpfen. Zum Beispiel mit sogenannten Gates, die den Zugang zu ihrem Home kontrollieren, einschließlich eingebauter Fragebögen. So soll entschieden werden, ob neue Nutzer geeignet sind, bevor sie aufgenommen werden. Vertrauenswürdigen Mitgliedern der Gemeinschaft können "Schlüssel" freigegeben werden, mit denen die kontrollieren können, wer neue Mitglieder einladen, neue Räume erstellen oder Nachrichten moderieren kann. Die Prinzipien klingen erstaunlich bekannt. Nämlich aus der Pre-Social-Media-Zeit des Internets, in der die Menschen noch selbst Frau und Herr ihrer Foren waren. Mal abwarten, ob sie heute noch funktionieren.

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