Netzkolumne:Das Vinyl der Zukunft

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Netzkolumne: Ganz neu sind die Hologramm-Träume mancher Plattenbosse nicht: Fans fotografieren bei einem Konzert der "Gorillaz".

Ganz neu sind die Hologramm-Träume mancher Plattenbosse nicht: Fans fotografieren bei einem Konzert der "Gorillaz".

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Wie die Musikindustrie sich mit NFTs und digitalen Bands neue Einnahmequellen erschließen will.

Von Michael Moorstedt

"Musikfestivals auf der Blockchain" - das klingt zunächst natürlich eher nach einem der üblichen Schlagwörter-Remixe, die wenig inspirierte Digital-Propheten in ihrer Mittagspause ersinnen, um ein paar mickrige Fördergelder abzugreifen. Tatsächlich sollen gleich mehrere dieser Veranstaltungen in den kommenden Wochen stattfinden, im Internet logischerweise, und zwar mit durchaus hochkarätigem Line-up, das auch angesagte und hochkredible Clubs füllen könnte.

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die "Festivals" dann auch weniger als digitale Entsprechung von Moshpit-Romantik und Camping-Exzess, sondern eher als unterkühltes, weil eben auf digitaler Technik basierendes NFT-Projekt. Für ein Investment in Form von Kryptowährungen erhalten Liebhaber kurze Soundschnipsel, eventuell garniert mit einem exklusiven animierten Gif als Sahnehäubchen. Das, was man früher als Hidden Track bezeichnete. Ein kleines Aha-Erlebnis für die Fans.

Könnten die in letzter Zeit so viel gescholtenen Datei-Unikate tatsächlich einen subkulturellen Wert haben? Nicht als schnöde Spekulationsmasse, so wie man sie in den vergangenen Monaten hauptsächlich kennengelernt hat, sondern vielmehr als neues Sehnsuchtsobjekt von tatsächlichen Liebhabern? Kann es gar eine digitale Entsprechung des Vinyl-Junkies geben, der seine Freizeit hauptsächlich in schummrigen Plattenläden verbringt?

Die Chefs der Musiklabels lassen sich auch von der Videospielindustrie inspirieren

Dass strauchelnde Künstler neue Formen der Monetarisierung erproben, kann man ihnen kaum verdenken. Immerhin ist das heute gängige Einkommensmodell des Musikstreamings fundamental ungerecht. Es sind natürlich nicht nur die kleinen Musikschaffenden, die sich durch die Mittel der Kryptoszene ein bisschen besseres Einkommen erhoffen. Auch die Major-Labels mischen mit. Sowohl Warner als auch Universal sind in den letzten Monaten eine ganze Reihe von Kooperationen mit Metaverse- und NFT-Plattformen eingegangen. Etwa mit der Audio-NFT-Plattform Oneof.com oder der virtuellen Welt "The Sandbox".

Oana Ruxandra, ihres Zeichens Chief Digital Officer bei Warner, bezeichnet die Zusammenarbeit als "neue Möglichkeit für noch mehr Engagement, die es uns, unseren Künstlern und ihren Fans ermöglicht, gemeinsam etwas zu schaffen und eine Gemeinschaft aufzubauen". Dreh- und Angelpunkt dieser neuen Form der Interaktion ist die Chat-Plattform Discord. Dort, so weiß das ehemalige Hipster-Magazin Pitchfork, könnten Fans "zu den besten Freunden ihrer Idole werden, mit ihnen kollaborieren oder unbezahlte Praktikanten sein". Früher hätte man das wohl als Traum eines jeden Pop-Anhängers beschrieben.

Hört man auf die Aussagen der verantwortlichen Label-Manager, hat das Fan-Dasein freilich auch in dieser neuen Auslegung des Internet vor allem mit Konsum zu tun. Platten, Streams, Konzerttickets und analoge Merchandising-Produkte reichen nicht mehr aus. Ideen holt man sich dabei unter anderem aus der Videospielindustrie. Dort ist es unter Fans schon seit langer Zeit gängig, digitale "Skins", also etwa Kostüme für die eigene Spielfigur, für bares Geld zu erstehen. Inzwischen handelt es sich dabei längst um einen Milliardenmarkt, und wenn Ruxandra sagt, dass man auf diese Weise "inkrementell monetarisieren" könne, hört sich das beinahe wie eine Drohung an.

Universal Music hat derweil einen Act erdacht, der ausschließlich in virtuellen Welten existiert. Das Projekt namens Kingship, so heißt es in der zugehörigen Pressemitteilung, sei eine "bahnbrechende, exklusive Vereinbarung zur Gründung einer Metaverse-Band". Das erinnert natürlich an die von Blur-Chef Damon Albarn gegründeten Gorillaz, die das bereits seit mehr als 20 Jahren machen, und zeugt dementsprechend von eher geringer Innovationskraft. Auch virtuelle Konzerte sind nichts gänzlich Neues. Mainstream-Musiker wie David Guetta oder Lil Nas X haben die Formate bereits erprobt, und selbst die Mitglieder von Abba haben inzwischen Avatare, die für sie auftreten.

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