"Neues aus der Welt" auf Netflix:Der gute Mensch von Texas

Lesezeit: 3 min

Hoffen auf einen Golden Globe: 'Neues aus der Welt'

Tom Hanks als Captain Jefferson Kyle Kidd und Helena Zengel als Johanna Leonberger.

(Foto: Bruce W. Talamon/Netflix)

In "Neues aus der Welt" zuckelt Tom Hanks kurz nach dem Bürgerkrieg durch die Südstaaten. Versöhnen will er aber das heutige Amerika.

Von Kathleen Hildebrand

Was ist eine Nachricht? Erst einmal nur ein Stück Information, das für die meisten Menschen neu ist. Sie kann aber auch ein Funken sein. Einer, der das Herz erwärmt, oder der ein Pulverfass zum Explodieren bringt. Sie kann, zur richtigen Zeit am richtigen Ort verkündet, einen Aufstand entfachen, vielleicht eine Revolution.

Captain Kyle Kidd weiß, was für eine gewaltige Streichholzschachtel sein Pferd in der Satteltasche trägt, durch ein Texas, nicht lang nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. Kidd zuckelt von einem Wildwest-Örtchen zum nächsten, sein Job ist es, aus der Zeitung vorzulesen. Alle paar Abende stellt er sich auf eine Bühne und erzählt für zehn Cent pro Kopf, was es Neues gibt in der Welt, von der die Bauern, Eisenbahnarbeiter und Gangster im Publikum sonst nichts hören würden.

Er beugt sich dann im Schummerlicht einer Gaslaterne über das Kleingedruckte, blinzelt durch eine Linse und berichtet von einer neuen Eisenbahnlinie. Bei so was gibt es Jubel, der nach "Na endlich!" klingt. Wenn Captain Kidd aber zu den Nachrichten von der Regierung kommt, geht ein Raunen durch den Saal. Man ist hier im besiegten Süden, vom Präsidenten aus dem Norden, diesem "Metzger", wie einer ruft, erwartet keiner Gutes, und nun sollen sie in Texas auch noch die Abschaffung der Sklaverei ratifizieren. Mit einem Mal wird die Lesung zur Polit-Debatte. "Texas first!" ruft ein zerfurchter Alter, die Soldaten in Yankee-Blau, die den Eingang bewachen, gehen in Habachtstellung. Es ist dann aber Captain Kidd, selbst Veteran der Südstaaten-Armee, der die Veranstaltung vor einer Schießerei bewahrt. Mit Worten, die die USA auch heute wieder brauchen könnten: "Ich verstehe euch ja", sagt er. "Wir alle leiden", aber es gehe um mehr als diesen Konflikt.

Tom Hanks nimmt sich der zehnjährigen Johanna an. Sie heilt im Gegenzug sein Herz

Deshalb, und natürlich weil Tom Hanks diesen Captain Kidd spielt, setzt sich der Zerfurchte wieder hin, der Saal kocht runter. Der Anstand hat gesprochen. Der britische Guardian hat Tom Hanks kürzlich eine Art säkularen Evangelisten der westlichen Welt genannt. Sein neuer Film, der erste Western in seiner langen, großen Karriere, zeigt ihn genau so. Als guten, ehrlichen, vernünftigen Mann mit einem großen, vom ungewollten Krieg gebrochenen Herzen. Als Versöhner, der auch mal den Colt zieht, aber natürlich nur gegen die Bösen. In der echten Welt hat Tom Hanks gerade die Amtseinweihungsfeier für Joe Biden moderiert, von den Stufen des Lincoln Memorial aus.

Tom Hanks spielt meistens Männer, denen man ohne zu zögern sein Kind anvertrauen würde. Und so kommt es dann auch in diesem Film. Kidd findet die zehnjährige Johanna, Tochter deutscher Einwanderer, die von Indianern entführt und aufgezogen wurde. Ihre einzigen Verwandten wohnen 400 Meilen weit weg, der Captain bringt sie hin, und, man ahnt es, dieses schweigende, wilde, verwaiste blonde Kind wird sein einsames Herz heilen. Die junge Nachwuchsschauspielerin Helena Zengel ist wirklich aus Deutschland und spielt Johanna mit einer wunderbaren stolzen Kindlichkeit. Als ihr ein steifes Blümchenkleid mit Unterröcken übergezogen wird, kreischt sie wie ein Kleinkind. Ihre Geschichte wird nicht in Flashbacks erzählt, sondern einzig über ihr Gesicht.

"Neues aus der Welt" ist ein Western, ein Roadmovie, ein schön anzuschauendes bewegtes Landschaftsgemälde und ein etwas langsamer Film. Von der rauen Schnelligkeit der "Jason Bourne"-Filme, mit denen sein Regisseur Paul Greengrass berühmt geworden ist, sieht man hier wenig. Die paar spannenden Szenen, die der Film hat, schwelen eher, als dass sie knallen würden. Aber darum geht es Greengrass auch ganz offensichtlich nicht. Er hat einen Film über Versöhnung gemacht, mit der Welt und mit den eigenen Wunden.

Trotzdem hat "Neues aus der Welt" eine unbestreitbar moderne Seele. Kidd, dieser Newsman zweiten Grades, ruft die Debatte um den Einfluss der Medien auf, die nicht nur in den USA tobt. Das Hinterland, durch das er zieht, fühlt sich, wie heute, von Washington verraten. Dass Kidd selbst kein Nordstaatler ist, sondern einer der Verlierer, ist ein kluger Kniff dieser Geschichte, die auf einem Roman von Paulette Jiles aus dem Jahr 2016 basiert. Vielleicht macht es sie anschlussfähig, auch für den Teil des Landes, der sich eigentlich nicht mehr mit Hollywood identifizieren will. Die echten Verlierer der amerikanischen Geschichte sind ohnehin andere. Die Kiowa-Indianer, die Johanna aufgezogen haben, sieht man nur aus weiter Ferne von dannen ziehen und kurz in einem Sandsturm erscheinen - Figuren, die bereits Vergangenheit sind.

News of the World - USA 2020, Regie: Paul Greengrass, Kamera: Dariusz Wolski. Mit: Tom Hanks, Helena Zengel, Elizabeth Marvel. Netflix, 118 Minuten.

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