"National Gallery" im Kino:Ein Dokumentarfilmer, der völlig neue Möglichkeiten eröffnet hat

"National Gallery" von Frederick Wiseman ist in den Kinos angelaufen.

Eine Tanzperformance vor Bildern: Hier das Fleisch in Ölfarbe, dort der durchtrainierte Körper der Tänzerin.

(Foto: Kool)

An diesem Neujahrstag ist der Dokumentarfilmer 85 Jahre alt geworden. Seine Produktivität hat im Alter aber kaum nachgelassen, immer noch dreht Wiseman nahezu im Jahresabstand einen Film. Beim Filmfestival in Venedig hat er 2014 den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk bekommen.

Es ist die passende Ehrung für den vielleicht größten lebenden Dokumentarfilmer: Wiseman hat dem Direct Cinema, das auf Kommentare und Interviews verzichtet und mit einer möglichst agilen und unauffälligen Kamera das Leben überrumpeln will, völlig neue Möglichkeiten eröffnet, hat es vom Oberflächenrealismus emanzipiert und scharfsichtige Analysen amerikanischer Institutionen geschaffen, die sich im Gesamtwerk zu einem Porträt Amerikas fügen.

Mit dem Blick des gelernten Juristen hat er Justiz, Polizei, Psychiatrie oder das Militär unter die Lupe genommen, im Alter zunehmend auch Kulturinstitutionen. Zu seinen schönsten Filmen zählte 2009 "La Danse" über das Ballett der Pariser Oper. Und Wiseman ist ein kenntnisreicher Liebhaber der Künste. Das merkt man auch "National Gallery" an.

Der Film ist ein Alterswerk, im besten Sinn. Eine Hommage an die Kunst und ihre Vermittler, mit leisen Abschiedstönen. Dass ein Gemälde, im Unterschied zum Film oder zum Roman, keine Zeit kennt, dass es eine Erzählung auf einen Moment komprimiert, hat den 85-Jährigen sichtlich fasziniert.

Auch Bilder werden irgendwann vergehen

Dass aber auch die Kunst kein Weg ist, der Zeit zu entkommen, weiß der Filmemacher genau. Zwar überleben große Werke häufig ihre Schöpfer, aber auch Bilder altern und werden irgendwann vergehen. Ausführlich sind Restaurierungsarbeiten im Museum zu sehen. Wir erleben sogar einen kleinen Kunstkrimi, ein Rembrandt unter einem Rembrandt wird entdeckt. Aber selbst die beste Restaurierung kann den Verfall eines Bildes nicht aufhalten. Am Ende konfrontiert Wiseman die scheinbar ewigen Alten Meister mit der flüchtigsten aller Künste - dem Tanz.

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