Mykki Blanco im Porträt:Aber was genau ist Mykki Blanco nun?

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Dabei fällt auf, wie unglaublich freundlich die sogenannte queere Szene ist. Während normale Konzerte, zumal im Hip-Hop, prähistorische Überlebenskämpfe sind, vor denen der Gast besser doppelte Ausfertigungen seines Testament unterschreibt. Nicht zu sprechen von Indiepop-Konzerten - oft steife, verlegene Angelegenheiten. Hier dagegen sind alle sind auf selbstverständliche Art bezaubernd zueinander, und gerade diese Freundlichkeit im Umgang erschafft Platz für Freizügigkeit, Eskalation und geahnte Wildheit.

Denn Mykki Blanco ist eben nicht nur Musikerin, sondern auch LGBT-Aktivistin. Sie will in den Mainstream. Hinter ihrer Musik steckt ein noch größerer Plan: Blanco will auf dem Land Gemeinschaften erbauen, in denen LGBT-Menschen, die keine regulären Jobs bekommen können, für eine Weile leben können. Das Geld und die Macht nutzen, um Mikroökonomien zu erschaffen, Gegengewichte zur Stadt. "Wir leben in einer Zeit der Massenverstädterung", sagt Blanco. Und weiter: "Eine Menge Städte überall in der Welt sagen im Grunde: Wir wollen hier nur Reiche. Es geschieht nicht nur in New York und London, sondern überall. Ich denke, in fünfzig Jahren werden Künstler nicht mehr in den Städten leben."

Wie emanzipatorisch ist eine Liberalisierung, die aus Profitgründen geschieht?

Aber - was ist Mykki Blanco nun? "Transgender"? "Multigender"? Manchmal würde man sich wünschen, nicht alles ständig labeln zu müssen. Das ist ein merkwürdiger Widerspruch in der Genderproblematik: Indem man für fließende Identitäten eintritt, schafft man in Wirklichkeit oft nur immer mehr neue Schubladen. Es ist wichtig, über solche Fragen nachzudenken, denn sie spielen eine zentrale Rolle für die Genese des Hasses und Unbehagens bei vielen Menschen. Selbst Mykki Blanco musste sich Vorwürfen stellen, sie sei nicht "wirklich" transgender.

Schwulen, Lesben und Transgender vorzuwerfen, dass sie ihre Labels gezielt als Distinktionsmerkmale in einem Selbstvermarktungs-Wettbewerb ums "Besonderssein" einsetzen, wäre zynisch - angesichts der realen Vorurteile, mit denen Minderheiten konfrontiert sind. Ja, Hip-Hop und Pop im Allgemeinen sind offener geworden. Aber es bleibt die Frage, ob die Akzeptanz der LGBT-Bewegung im Pop nicht zunehmend auch Marketingkalkül ist.

Schwulen Rappern wird in den Medien viel Aufmerksamkeit gewidmet, aber ob sich unter der Oberfläche etwas an ihrer Diskriminierung geändert hat, ist fraglich. Der Rapper A$AP Rocky hat kürzlich erklärt, er sei früher homophob gewesen, aber das ändere sich gerade. Bei einem Fotoshooting weigerte er sich laut Mykki Blanco trotzdem, mit ihr zu sprechen. "Lady Gaga hat der Unterhaltungsindustrie gezeigt", erklärte sie in einem Interview, "wie rentabel es ist, eine homosexuelle Fangemeinde zu haben. Homosexuelle Menschen verdienen in der Regel mehr Geld als Heterosexuelle. Cher weiß das, Bette Middler weiß das, Céline Dion weiß das. Madonna, Kylie Minogue, Elton John wissen das. Eine homosexuelle Fan-Basis ist eine hingebungsvolle Fan-Basis, die dir und deiner Franchise und deiner Produktion mehr Geld bringen wird."

Der Gesinnungswandel ist einer, der neben zeitgeistigen auch ökonomische Gründe hat. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach Fakt. Aus dem Konflikt, dass Identität eben längst auch als ein Vermarktungsspiel genutzt wird, kommt man nicht heraus. "Das ist nicht Schwulenstolz, das ist schwules Marketing, entworfen, um Schwule auf Ecstasy bis sechs Uhr morgens Dreckmusik spielen zu lassen", schreibt Mykki Blanco auf Twitter und setzt hinzu: "Ich bin keine Bitch, ich bin einfach kein Idiot." Oder Idiotin. Oder wie sie sich eben nennen will.

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