"Moneyboys" im Kino:In der Falle

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(Foto: epd/Eksystent Filmverleih)

"Moneyboys": Ein Spielfilm über einen jungen Stricher in China, wo Prostitution verboten und Homosexualität immer noch ein Tabu ist.

Von Annett Scheffel

Nur ein einziges Mal sieht man Blut. Getrocknet am Hemdkragen. Trotzdem sind die Widersprüche, die sich in diesem Film auftun, wie eine gewaltige Wunde: tief und roh und schmerzhaft. Eine Heilung erscheint unmöglich in der chinesischen Gesellschaft, von der Filmemacher C. B. Yi erzählt. Das alte und das neue Leben seiner Hauptfigur passen einfach nicht zusammen. Zu weit auseinander klaffen die Strukturen von Hypermoderne und Tradition, von schwulem Lebensgefühl und konservativen Familienmodellen.

Von seinem kleinen Heimatdorf irgendwo auf einer Insel im Inneren des Landes ist Fei wie viele junge Chinesen in die Großstadt gezogen, um sich ein eigenes Leben aufzubauen und um Geld nach Hause zu schicken. Anstatt für einen Hungerlohn in einem Restaurant oder einer Fabrik zu schuften, verdingt er sich als illegaler Sexarbeiter - als sogenannter "Moneyboy". Trotz des Prostitutionsverbots in China verdient er genug für ein Leben mit neuen Klamotten, Restaurantbesuchen und schicker Wohnung über den Dächern der Stadt. Was er dafür tut, muss er vor seiner Familie verheimlichen. Die wartet eigentlich darauf, dass Fei endlich heiratet und für Nachkommen sorgt. Sein Geld nehmen sie gerne, verachten aber seine Homosexualität, die in der chinesischen Gesellschaft oft noch als Beschmutzung der Familienehre gilt. Auch vor der Polizei und gewaltsamen Freiern muss Fei immer auf der Hut sein. Zwischen all den Widersprüchen steckt er fest wie ein Tier in einer Falle. Er ist Ernährer und Aussätziger. Ein Zustand, aus dem er sich nicht befreien kann.

Der Regisseur stammt selbst aus China, er studierte aber bei Michael Haneke in Wien

"Moneyboys" ist der erste Spielfilm des chinesisch-österreichischen Regisseurs C. B. Yi, der mit 13 selbst aus einem chinesischen Fischerdorf wegzog, wenn auch nach Wien, und dort später an der Filmakademie unter anderem bei Michael Haneke studierte. "Moneyboys" lief in Cannes 2021 in der Sektion "Un certain regard" und gewann im Januar 2022 den Max-Ophüls-Preis. Gedreht wurde in Taiwan, weil es in China aufgrund des Themas Probleme mit den Genehmigungen gab. Dabei geht es C. B. Yi weniger um die Darstellung von schwulem Sex und Sexarbeit als um die Migrationsbewegungen der chinesischen Jugend in die Städte und um die Reibungen zwischen den Generationen. Keiner der Orte in seinem Film hat einen Namen. Es geht um kein konkretes Milieu. Es geht um den unauflöslichen Konflikt zwischen persönlichem Freiheitsdrang und sozialem Konformitätsdruck.

C. B. Yi erzählt zwei tragische Liebesgeschichten, die Fei passieren. Erst wird seinem Liebhaber Xiaolai beim Versuch, sich an einem brutalen Freier zu rächen, das Bein zertrümmert. Dann folgt ihm sein Jugendfreund Long in die Stadt und in die Prostitution. Eindrücklich ist vor allem die visuelle Umsetzung. C.B. Yi und sein Kameramann Jean-Louis Vialard durchleuchten das Geflecht aus Konflikten in langen Plansequenzen. Weil die Dialoge meist eher knapp sind, muss man genau hinsehen, um die Verhältnisse zwischen den Figuren - die Verletzungen, die Schuldgefühle, die Sehnsucht - zu verstehen. Die Bilder wirken oft komponiert wie Gemälde. Artifizielle, präzise geplante Tableaus. Mehrmals kommen die Figuren an großen, reich gedeckten Tischen zum Essen und Trinken zusammen. Fei sitzt im Kreis seiner Freunde oder Familie. Egal wo, immer drehen sich die Gespräche um die gesellschaftlichen Erwartungen, und immer sind sie von einer lähmenden Sprachlosigkeit geprägt.

Spürbar ist diese Sprachlosigkeit über die gesamte Länge des Films. Sogar in der Karaokebar, wenn Fei in pink beleuchteter Kitschkulisse mit Xiaolai eine sehnsüchtige Ballade singt. Es ist vielleicht der romantischste Moment des Films. Aber auch hier können die Figuren die Schwere ihrer prekären Situation nicht ganz abschütteln. In ihrer Verschlossenheit bleiben sie auch für den Zuschauer immer seltsam fern. Fei ist zwar Hauptfigur und emotionales Zentrum des Films (eine einfühlsame Leistung des Schauspielers Kai Ko), bleibt aber ungreifbar. In "Moneyboy" werden alle Gefühle gewaltsam zurückgehalten. Nur in einem einzigen Moment, einem Streit zwischen Fei und Long, brechen sie kurz heraus. Und dieser Moment tut richtig weh.

Moneyboys, Österreich/Belgien/Frankreich/Taiwan 2021 - Regie und Buch: C.B. Yi. Kamera: Jean-Louis Vialard. Schnitt: Dieter Pichler. Mit: Kai Ko, J.C. Lin, Yufan Bai, Chloe Maayan, Daphne Low. Eksystant, 118 Minuten. Kinostart: 28.07.2022.

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