Meeses Absage für die Festspiele:Bayreuth braucht den Skandal

Auf spektakuläre Verpflichtungen folgen in Bayreuth spektakuläre Absagen. Aber würden bei den Festspielen nur versierte Opernregisseure arbeiten, wären sie kaum von öffentlichem Interesse. Der Fall Jonathan Meese ist geradezu ein Glücksfall.

Kommentar von Reinhard J. Brembeck

Braucht Bayreuth den Skandal? Schon Richard Wagners Leben und Werk präsentieren sich ja nicht nur als Kunstmysterien, sondern auch als eine Folge von Skandalen. Das ist ein Gemisch aus kruden Sexualpathologien, seltsamen Finanzgebaren, Deutschnationalem, Antisemitismus und Frauenverachtung. Das alles ist der Humus eines Œuvres, das sich dezidiert von Traditionen befreite und sich deshalb nur langsam als Allgemeingut durchgesetzt hat.

Zentral für den Durchsetzungsprozess, der erst seit ein paar Jahrzehnten abgeschlossen ist, war das Festspielhaus in Bayreuth. Bis heute wird es von Wagners Nachkommen bespielt, die immer wieder in die Fußstapfen ihres Ahnen treten. Die Skandale schwappten auch oft auf die Bühne, angefangen bei Patrice Chéreaus erst harsch kritisiertem Jahrhundert-"Ring" bis zu Castorfs Inszenierungen von 2013.

In jüngerer Zeit kam Bayreuth zunehmend mit spektakulären Verpflichtungen und ähnlich spektakulären Absagen in die Schlagzeilen. Prominentester Fall war der Filmregisseur Lars von Trier, dessen "Ring"-Konzept nicht realisierbar war. Er wurde von dem Dichter Tankred Dorst beerbt. Beim folgenden "Ring" ging es ähnlich wild zu. Nach der Absage von Filmemacher Wim Wenders bekam Theaterregisseur Frank Castorf den Zuschlag und schockierte konservative Wagnerianer.

Spektakuläre Verpflichtungen und spektakuläre Absagen

Ein ganz besonderes Terrain bildet der pseudoreligiöse "Parsifal", den einst Christoph Schlingensief mit seiner Privatmythologie bevölkerte, Stefan Herheim dann zur deutschen Geschichte aufblies und in zwei Jahren der so umstrittene wie deutschverrückte Künstler Jonathan Meese aufpolieren sollte. Bayreuth trennte sich nun angeblich aus Kostengründen von Meese. Der sagt, das sei nur vorgeschoben.

Interessanter als die wohl kaum zu klärende Frage, wer da jetzt nun recht hat, ist das Phänomen selbst: Braucht Bayreuth solche Skandale nicht eigentlich? Die Festspiele haben heute mehr als jede andere Institution der klassischen Musik mit Bedeutungsverlust zu kämpfen. Die Bayreuther Alleinstellungsmerkmale, die legendäre Akustik, der Genius Loci, erschöpfen sich. Und die Behauptung, dass Wagners Werke Wesentliches zur Welt und Befindlichkeit beizutragen hätten, wird schon lange nicht mehr eingelöst.

Dazu kommt, dass die Unterhaltungsindustrie heute ständig Neues produziert. Bayreuth kann das nicht, bei allenfalls einer Neuproduktion pro Jahr und einem zudem arg beschränkten Repertoire von nur sieben Stücken. Die werden von allen Opernhäusern und dort oft besser gespielt.

Wagners Werk ist immer noch relevant

Mit der Verpflichtung von Meese zeigte sich zunächst ein für die Klassik und die gesamte Hochkultur mittlerweile typischer Mechanismus. Indem ein populärer zeitgenössischer Künstler wie Meese für die Wiederaufbereitung eines alten Stoffes aus dem bürgerlichen Bildungskanon verpflichtet werden kann, signalisiert Bayreuth unmissverständlich, dass Wagners Werk, Weltsicht und Problematiken noch keineswegs museal verstaubt sind. Damit wird Relevanz bewiesen.

Jede Absage, jeder Aufschrei, jede Beleidigung bringen die Festspiele aber regelmäßig dorthin, wohin sie allein aus künstlerischen Gründen nicht so oft kommen könnten: in die Massenmedien. So ist der Fall Meese geradezu ein Glücksfall.

Würden in Bayreuth nur versierte Opernregisseure arbeiten, wären die Festspiele eben kaum von öffentlichem Interesse, auch wenn dort Christian Thielemann und Kirill Petrenko, der beste traditionelle und der beste moderne Wagner-Dirigent, antreten. Deswegen braucht Bayreuth Skandale, und die Festspiele haben in den vergangenen Jahren eine faszinierende Kultur entwickelt, diese Skandale selbst zu produzieren.

© SZ vom 18.11.2014/cag
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