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Nachruf auf Max von Sydow:Traumwandler und Teufelsaustreiber

Nachruf: Max von Sydow ist tot.

Ein Solitär des Kinos, erratisch, dominant: der schwedische Schauspieler Max von Sydow (1929 - 2020).

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Der schwedische Schauspieler Max von Sydow, der mit den Filmen Ingmar Bergmans berühmt wurde und auch in Hollywood unentbehrlich war, ist gestorben.

Starr stehen die beiden sich bei der Gedenkfeier gegenüber, der kleine Junge und der alte Admiral. Der Junge hat seinen Vater verloren beim Unfall des russischen U-Boots Kursk, den keiner von der Besatzung überlebte. Der Admiral will die Kinder und Frauen der Toten ehren und trösten - er hatte sich viele Tage gesträubt, für die Rettung der unter Wasser in ihrem U-Boot Eingeschlossenen westliche Hilfe anzunehmen.

Der Junge steht stumm da und weigert sich, die dargebotene Hand des Alten anzunehmen. Der verweigerte Handschlag - das ist inzwischen eine der stärksten Gesten geworden.

Der Admiral Petrenko war die vorletzte Kinorolle von Max von Sydow, in dem Film "Kursk" (2018) von Thomas Vinterberg. Ein Mann, der mit verbissener Überzeugung an den überkommenen Parteiprinzipien festhält, was ihn zum Fremden macht in einer neuen, sich öffnenden Gesellschaft. Diese Fremdheit, diese Unbehaustheit hat von Sydow immer wieder gespielt in seiner jahrzehntelangen Schauspielerkarriere, mit den Filmen Ingmar Bergmans angefangen, die ihn weltberühmt machten. Bald folgten auch zahllose Einsätze in Hollywood, inklusive Auftritte im Universum von "Star Wars" oder "Game of Thrones". Aber natürlich war es gerade andersherum, nicht die Sydow-Figuren waren Fremde, sondern die Gesellschaft, in der sie sich bewegten, hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Und die Figuren haben darauf mit Verstörung und Verschlossenheit und Verhärtung reagiert, und sie haben davon eine somnambule Aura bekommen.

Max von Sydow, geboren am 10. April 1929 in Lund, fing in den Vierzigern am schwedischen Theater an, mit jugendlichen Helden zuerst, später kamen dann die großen in sich zerrissenen Figuren, Peer Gynt oder Faust. In Malmö kam er schließlich mit Ingmar Bergman zusammen, und 1957 machten sie ihren ersten gemeinsamen Film (von über einem Dutzend insgesamt), "Das siebente Siegel". Ein Film, der aus der Zeit gefallen scheint und deshalb die Nachkriegsära, zehn Jahre nach Kriegsende, erschreckend genau trifft. Max von Sydow ist der Ritter Antonius Block, der von einem Kreuzzug heimkehrt, in ein Land, von dem er ahnt, wie sehr es sich verändert hat. Am Strand aber trifft er einen guten Bekannten, den Tod, der sich schreckensvoll kostümiert, schwarzer Mantel und kalkweißes Gesicht, aber seinen Job durchaus spielerisch nimmt. Er nimmt Blocks Angebot gleich an, eine Schachpartie zu absolvieren, als Siegprämie winkt ein längeres Leben.

Man hat, wenn man über Bergman zu reflektieren anfing, immer gleich ins Metaphysische hochgeschwenkt und diesen spielerischen, auch komischen Grundton vergessen. Max von Sydow hat ihn sich zu eigen gemacht, als er für Bergman Maler und Musiker spielte, Quälgeister und Gequälte, Suchende und Getriebene, Grübler und Traumwandler. Und er hat, als die Angebote aus Hollywood oder Rom kamen, allmählich die Seiten gewechselt, weg vom bedächtigen Ritter, hin zu den Schatten des Todes und seiner dämonischen, bedrohlichen Dominanz.

Er war Hamsun und Sigmund Freud, der Steppenwolf Harry Haller und Heidis Alm-Öhi

Also hat Max von Sydow strenge Vaterfiguren verkörpert, Killer, Geheimdienstler, manipulative Wissenschaftler und Industrielle, bis hin zum Admiral Petrenko. Er war Hamsun und Sigmund Freud, der Steppenwolf Harry Haller und Heidis Alm-Öhi, und auch einer der Blofelds - der ewige Gegenspieler von James Bond. Regisseure aus aller Welt wollten ihn in ihren Filmen haben, Martin Scorsese und Steven Spielberg, Sydney Pollack und Wim Wenders, David Lynch - für seinen "Wüstenplaneten" - und Dario Argento, Ridley Scott und John Huston. 1988 hat er sogar selbst Regie geführt, "Katinka", nach Herman Bangs Roman.

Seine erste Rolle im amerikanischen Kino war der Jesus in "Die größte Geschichte aller Zeiten", von George Stevens. "Ich spielte ihn als Menschen, nicht als Gottes Sohn", hat er später William Friedkin erklärt, als der ihn als Teufelsaustreiber Father Merrin inszenierte in "Der Exorzist". Friedkin hat den Film als gläubiger Mensch gedreht und erzählt, wie enervierend es war, die entscheidende Szene zu filmen, in der Father Merrin die Exorzismusformel sagen sollte: "Ich treibe dich aus, unreiner Geist, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes", worauf dann die Decke des Zimmers einen Riss kriegen sollte. Max von Sydow bekam das einfach nicht hin, er war ein strenger Atheist, ein Dutzend Decken musste das Team insgesamt präparieren.

Aus diesem Zusammenwirken von Glauben und Atheismus ist einer der aufregendsten Filme des jungen Hollywood geworden. Am Sonntag ist Max von Sydow im Alter von 90 Jahren in Frankreich gestorben.

© SZ vom 10.03.2020/khil
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