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"Live" von Lisa Charlotte Friederich:Gefangene des Überlebens

Live

Angst vor der Einsamkeit: Claire (Karoline Marie Reinke) will in Lisa Charlotte Friederichs "Live" unbedingt ein Konzert vor Publikum geben.

(Foto: UCM.one)

Perfektes Timing: Lisa Charlotte Friederichs Film "Live" handelt von Menschen, die in einem permanenten Lockdown verzweifeln. Hat sie die Pandemie etwa vorausgeahnt?

Von Susan Vahabzadeh

Claire lebt im permanenten Lockdown. In ihrer Welt, Deutschland in einer nicht sehr fernen Zukunft, wurde die Vereinzelung staatlich angeordnet. Dass Claire gelegentlich Patienten sehen darf, ist ein Privileg. Fast alles muss ansonsten virtuell absolviert werden: Musik hören, Freunde treffen, lernen. Die Menschen wurden nicht aus Angst vor bösen Viren nach Hause geschickt, sondern aus Angst vor Terrorismus. Konzerte, Schulen, Supermärkte - alles potenzielle Anschlagziele. Die Musiker spielen einzeln vor leeren Rängen. Und wenn sich doch irgendwo Menschen illegal zusammengefunden haben, kommt Claire und betreut die Opfer, die mit dem Leben davongekommen sind.

"Live" ist der Film zur Pandemie geworden, dabei war es eigentlich gar nicht so gedacht, im Januar hatte er beim Max-Ophüls-Festival seine Premiere. Nun ist auch er nur ohne Publikum, als Download, zu haben. Ein Film, der einer Beschreibung der derzeitigen Verhältnisse so nah kommt: Braucht man das? Durchaus. Es kann sogar sein, dass sich Menschen beim Zuschauen jetzt besonders erhört und verstanden fühlen - denn hier geht es eben nicht um all die Dinge, die man täglich in den Nachrichten sehen kann, sondern um ein paar Menschen, die die Einsamkeit nicht mehr ertragen.

Ein Leben ohne Livemusik - ist das schlimmer als der Tod?

Die Filmemacherin und Schauspielerin Lisa Charlotte Friederich hat mit der Arbeit an ihrer Science Fiction begonnen, als man sich Deutschland im Lockdown noch gar nicht vorstellen konnte, sie ging von Gewalt im öffentlichen Raum aus, die Menschen zu Gefangenen des Überlebens macht. Ihre Heldin leidet an Sehnsucht nach lebenden Körpern und stickiger Luft in vollen Räumen. Er wollte Lehrer werden, erzählt einer am Anfang des Films. Irgendwie ist er das jetzt auch - aber es heißt jetzt anders, und er hat auch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen. Tagaus, tagein setzt er sich vor seine Kamera und rasselt Lehrstoff herunter.

Claire (Karoline Marie Reinke) hat die Eintrittskarte zu einem Konzert gefunden, eine heimliche Zusammenkunft. Livemusik! Und so kündigt sie und fährt aufs Land, in eine weniger stark überwachte Zone, mit ihrem Bruder (Anton Spieker). Die beiden sind leidenschaftliche Musiker, und sie sind bereit, sich einer Gruppe von Hackern im Untergrund anzuschließen, um einmal live spielen zu können. Das schaffen sie auch, aber dann kommen plötzlich die Konflikte zwischen den Geschwistern an die Oberfläche.

Dem Film liegt eine großartige Idee zugrunde, und das perfekte Timing ist ein Wert an sich

Es gibt hier viele futuristische Perspektiven zu sehen, aus der Sicht von Drohnen und Überwachungskameras, Gitter und menschenleere Weite - wunderbare Bilder. Aber ihre Schauspieler hat Lisa Charlotte Friederich inszeniert, als wäre "Live" ein Stück Musiktheater; was Absicht sein mag, aber dann doch ein Wermutstropfen ist, denn ihrem Film hätte ein bisschen Handfestigkeit nicht geschadet. Die Emotionen stimmen, aber die Binnenlogik bleibt auf der Strecke. Wie funktioniert die Logistik in dieser Gesellschaft? Warum gibt es die großen Städte noch, wenn sie so gefährlich sind, dass sich keiner in ihnen frei bewegen kann, und ja doch alles mit dem Laptop erledigt wird? Und was hat es mit der seltsamen Untergrundbewegung auf sich, der sich die Mutter der beiden angeschlossen hat, und die eher eine Übergrundbewegung zu sein scheint, die ihrerseits alles überwacht?

"Live" liegt eine großartige Idee zugrunde, und das perfekte Timing ist ein Wert an sich: Lisa Charlotte Friederich hat auf jeden Fall Gespür dafür, das Unvorstellbare mit der Gegenwart zusammenzubringen. Und die Gefühle und Sehnsüchte, die Friedrichs Figuren umtreiben, sind eben nicht einzigartig - der Mensch ist ein Herdentier, und ein Lockdown läuft dem zuwider. Egal, ob das Miteinander von Terrorismus, Krieg oder einer Pandemie behindert wird.

Ist die Vorstellung, dass Menschen ihr Leben riskieren, weil sie unbedingt ein Konzert geben oder besuchen wollen, abwegig oder übertrieben? Da muss man nur Menschen fragen, die die Belagerung von Sarajevo in den Neunzigern erduldet haben - auch sie mussten, aus Angst vor den Scharfschützen und Granaten, in ihren Wohnungen bleiben. Noch während des Krieges gab es in der zerstörten Stadt 1994 ein erstes Filmfestival, zu dem die Filmemacher Alfonso Cuarón und Leos Carax in gepanzerten Autos durch die Berge gekommen waren und VHS-Cassetten durch den Tunnel in die Stadt hineinbrachten. Was ihnen die Vorstellungen in dunklen Kellern bedeutet haben, konnte man auf dem Filmfestival noch Jahre später hören.

Ein Leben ohne Kunst mag also manchem erscheinen wie ein Schicksal schlimmer als der Tod. Es gibt allerdings, bei aller prophetischen Begabung, die Friederich an den Tag gelegt hat, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Lockdown, wie sie ihn beschreibt, und den Maßnahmen wegen der Pandemie: Wer bereit ist, sich der Gefahr durch Gewalt auszusetzen aus Freiheitsdrang, riskiert nicht das Leben anderer, sondern nur sein eigenes.

Live, Deutschland 2020. Regie und Buch: Lisa Charlotte Friederich. Musik: Rike Juy. Kamera: Ivàn Robles Mendoza, Tom Keller. Mit: Karoline Marie Reinke, Anton Spieker . 84 Minuten, UCM One. "Live" ist über www.kino-on-demand.com, iTunes, Google Play und Amazon erhältlich.

© SZ/kni
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