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"Irreversible: Straight Cut" auf DVD:Ein Schocker, der seinem Schöpfer keine Ruhe lässt

Irreversible Straight Cut

Giftgewalt auch in den Liebesszenen, mit Monica Bellucci und Vincent Cassel: Gaspar Noé hat seinen "Irreversible" von 2002 umgeschnitten.

(Foto: Arthouse)

Gaspar Noé hat "Irreversible", seinen Klassiker des Gewaltkinos von 2002, umgeschnitten und neu herausgebracht. Dabei macht man seltsame Entdeckungen.

Von Joachim Hentschel

Das ist einer der Filme, die man erst unbedingt gesehen haben muss, von denen man aber dann allen anderen noch unbedingter abrät. Wie Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom", wie "Audition" von Takashi Miike oder, je nach Schmerzgrenze, Lars von Triers "Antichrist". Man fühlt sich, als hätten die Bilder einen verprügelt, gequält, beschmutzt. Aber als Quatsch oder Müll lassen sie sich nicht abtun, denn dazu sprechen sie zu ernsthaft, zu klar und verbindlich.

Irgendwann unterhält man sich dann fast wie in Selbsthilfegruppen. "Irreversible" von Gaspar Noé gesehen? Die Szene in der Fußgängerunterführung? Die Sache mit dem Feuerlöscher? Ja, aber bitte nichts sagen, das die Umstehenden verstören könnte.

Und diesen "Irreversible" von 2002 sollen wir jetzt noch einmal anschauen, am besten sogar, wie es ja immer heißt: mit neuen Augen. Eine DVD- und Blu-ray-Edition, die in diesen Tagen erscheint, enthält neben dem Original eine von Regisseur Noé revidierte Schnittfassung (die schon 2019 beim Festival in Venedig lief, 2020 sogar ins Kino kommen sollte). Der Witz am sogenannten "Straight Cut": Während die Urversion von "Irreversible" ihre 14 Sequenzen in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge zeigt, also mit der Klimax beginnt und mit der Exposition endet, hat Noé die Teile jetzt, 18 Jahre später, in die korrekte Chronologie gebracht. Eine Volte, wie man sie eher von fleißarbeitenden Youtube-Freaks kennt, die nachts im Kellerchen "Pulp Fiction" umschneiden.

Was das soll, dafür liefert Noé selbst - für den "Irreversible" auch dank der beteiligten Superstars Monica Bellucci und Vincent Cassel der Eintritt in die inoffizielle Weltliga der Arthouse-Regisseure war - keine wirklich aufschlussreiche Antwort. Er habe den neuen Cut als verspielten Blu-ray-Bonus erstellt, lässt er sich zitieren, ihn dann aber stark genug für eine separate Auswertung gefunden. Zudem sei die Chronologie fürs Publikum nun besser verständlich. Eine derart absurde Aussage, dass sie praktisch nur ein Köder sein kann.

Wer den Film kennt, weiß nämlich, dass der alte "Irreversible" nicht nur von hinten nach vorn läuft, sondern auch schräg, rauf, runter, um jede denkbare Achse herum. Die Kamera, die sich gegen alle Naturgesetze durch den Raum bewegt, ist bis heute eine von Noés Spezialitäten und dabei alles andere als ein Stil-Gimmick. Denn es ist genau diese extrem riskante Dynamik, die ständig unsichere Perspektive, die seine Erzählungen vorantreibt, eine Art virtuelle Hyperrealität. Damit, dass er nun plötzlich die Plot-Linie zum Ordungsprinzip erhöht, schnippelt Noé an der eigenen Strategie herum wie an einem Gemälde, das einfach nicht in den neuen Rahmen passen will.

Was ist der Plot? Drei Mittelklasse-Großstädter, eine Frau, zwei Männer, besuchen im nächtlichen Paris eine Party. Es kommt zum Streit, die Frau macht sich allein auf den Heimweg. Wird in einer Fußgängerunterführung von einem Zuhälter angegriffen, aufs Bestialischste vergewaltigt. Als die zwei Männer, Freund und Ex-Freund der Protagonistin, von dem Verbrechen erfahren, machen sie sich auf die Suche nach dem Täter, spüren ihn in einem schwulen Sexklub auf. Beim Kampf zertrümmert einer der zwei Helden einem Unbeteiligten den Kopf, durch 23 Hiebe mit einem Feuerlöscher, die nichts mehr mit Notwehr zu tun haben. Polizei und Krankenwagen holen die zwei ab.

Die alte Fassung setzte die Rache vor die Tat, die gerächt werden sollte, das war brillant

Dass Gaspar Noé die Story rückwärts erzählte, wird meist so erklärt, dass er damit die filmische Manier aushebeln konnte, die Gewalt oft allzu relativiert darstellt. "Irreversible" setzt die Rache vor die Tat, die gerächt werden soll, zeigt die vermeintlichen Gerechtigkeitsritter als Aggressoren. Auch die Rolle der gedemütigten Frau bewertet er neu. In einer chronologisch erzählten Vergewaltigungsgeschichte würde sie nach der Tat vor allem als Opfer auftauchen - hier hat die Protagonistin ihre großen Szenen als ungetrübtes, strahlendes Subjekt erst nach der Sequenz mit der Attacke.

Was in der Analyse theoretisch und haarspalterisch klingt, entfaltet im Film eine furiose, körperlich spürbare Kraft. Und die fehlt der neuen, chronologisch geglätteten Version zumindest teilweise. Der "Straight Cut" läuft wie ein konventionelles, fast etwas ungelenkes Revenge-Drama, wirkt durch die Umstellung der Szenen erstaunlicherweise viel mehr wie ein Männerfilm. (Dass ein sekundenkurzer, aber sehr starker Bellucci-Moment beim Neuschnitt unter den Tisch fiel, vermutlich aus Anschlussgründen, werden nur Noé-Ultras bemerken.) Wer sich an die dennoch sehr empfehlenswerte, um eine Doku ergänzte Edition heranwagt, sollte also auf jeden Fall mit der Urversion einsteigen. Vor Spoilern muss man keine Furcht haben, dafür vor genug anderem.

Aber ein letztes Mal: Der Regisseur, dem wir diese Intelligenz durchaus zutrauen dürfen - was will er nun wirklich mit diesem seltsamen Re-Cut?

Vielleicht ist er ja vor allem ein kunsthandwerklicher Performance-Akt. Ein Zeichen dafür, dass Gaspar Noé diesen Film von 2002 einfach nicht in Ruhe lassen konnte, dass er ihn umkreist hat, wie seine Kamera es mit dem Geschehen tut. Dass er am Schorf von "Irreversible" kratzen und nibbeln musste, bevor die Wunde verheilen konnte. Und dass er uns damit nun auch zwingt, diese bis oben mit Kinobezügen, literarischen Anspielungen und werkimmanenten Referenzen gefüllte Geschichte noch einmal zu sehen, ohne die Erregung vom ersten Mal. Dem von Cassel gespielten Hauptcharakter wiederzubegegnen, dessen Rassismus, Homophobie und Klassenarroganz vor 18 Jahren wohl weniger drastisch wirkte. Und endlich die Giftgewalt zu spüren, die hier auch in den idyllischsten Liebesszenen liegt.

"Die Zeit zerstört alles", dieser Mottosatz von "Irreversible" kommt nun erst ganz am Schluss. Für erschreckend großartige Filmkunst gilt er offenbar nicht.

Irreversible - Straight Cut und Kinofassung. Gaspar Noé, 2019 und 2002. Arthaus DVD & Blu-ray.

© SZ/kni
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