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Literatur und Terror:Lockruf des Schreckens

Michel Houellebecq

Feiert laut Charlie Hebdo 2022 den Ramadan: Michel Houellebecq.

(Foto: Miguel Medina/AFP)

Er war auf dem Titelbild der jüngsten Ausgabe von Charlie Hebdo karikiert. Jetzt wird dem Schriftsteller Houellebecq vorgeworfen, er habe durch seinen Islam-Roman "Unterwerfung" den Terroranschlag von Paris herbeigerufen.

Wenn François, der Held und Ich-Erzähler in Michel Houellebecqs jüngstem Roman, durch Paris geht, trifft er überall auf Muslime, auf islamische Einrichtungen und auf islamische Lebensweisen. In seinen Lehrveranstaltungen sitzen verschleierte Frauen, er trinkt seinen Tee in der großen Moschee, isst in marokkanischen Restaurants, und selbst wenn er sich eine Prostituierte bestellt, kommt diese vorzugsweise aus einem arabischen Land.

So dicht sind in diesem Buch die Referenzen an Ausdrucksformen des Islam und seiner Glaubensangehörigen gestreut, dass sie sich schnell zu einem Bild formen: Es ist nicht das Bild einer multikulturellen Gesellschaft, sondern ein Bild des Islam auf französischen Straßen. Es spiegelt nicht Vielfalt, sondern allenfalls eine Zweiheit, wenn nicht gar eine Einheit. Es ist das Bild, das zum Titel des Buches passt: "Soumission", also "Unterwerfung".

Literatur Das Abendland ist nicht zu retten
Literaturkritik
Houellebecqs neuer Roman

Das Abendland ist nicht zu retten

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In Frankreich begann die Debatte über dieses Buch in der vergangenen Woche. Da gab es das Buch noch nicht zu kaufen, und nicht viele Neugierige werden sich die Mühe gemacht haben, nach der Raubkopie zu suchen, die bereits im Internet zirkulierte. Es brauchte nicht viel, um das öffentliche Gerede in Gang zu setzen: dass sich Michel Houellebecq, der bekannteste Autor des Landes, wieder einmal eine Provokation in den Kopf gesetzt hatte, war gewiss.

Und dass dieser Roman davon handelt, dass und wie sich Frankreich in eine islamische Republik verwandelt, war bald auch bekannt. Und es scheint, im Nachhinein, als habe sich sogar eine Hoffnung mit dieser Provokation verbunden: dass die dadurch ausgelöste Diskussion zumindest helfen könnte, den gegenwärtig größten innenpolitischen Konflikt in Frankreich zu überwinden.

Houellebecq auf dem "Charlie Hebdo"-Titel

Mehr als das musste auch der Karikaturist der Zeitschrift Charlie Hebdo nicht wissen, als er für das Titelbild der jüngsten Ausgabe einen schnapsnasigen Michel Houellebecq zeichnete, der bekannt gab, dass er im Jahr 2015 seine Zähne verlieren und im Jahr 2022 den Ramadan feiern werde: Die radikale Individualisierung Michel Houellebecqs war eine Reaktion auf den repräsentativen Charakter der durch ihn ausgelösten Debatte.

Als Ayatollah Chomeini vor 26 Jahren, im Februar 1989, über Radio Teheran die Fatwa gegen Salman Rushdie verhängte, sprach nicht nur ein Priester. Die Fatwa ist ein Urteil, ihr geht ein Rechtsverfahren voraus, muslimische Geistliche werden die "Satanischen Verse" gelesen haben, zumindest in Teilen, und der Ayatollah verkündete seinen Spruch als Vertreter eines Staates. Es mag, unerhörter Weise, auch an der Staatlichkeit dieses Urteils liegen, dass Salman Rushdie lebt.

Eindeutiger als jeder Roman

Karikaturen aber werden nicht gelesen. Man erfasst sie mit einem flüchtigen Blick, dieser Blick liefert unmittelbar "Identität", und weil es auch viele Muslime gibt, die wie das westliche Publikum glauben, es gehöre zum Islam notwendig ein strenges Bilderverbot, das Personal des Heiligen betreffend, reicht immer wieder allein die Nachricht aus, es gebe eine Mohammed-Karikatur, um Mord und Totschlag in die Welt zu bringen. Zudem ist eine Karikatur, anders als ein Buch, schnell kopiert, verschickt und über das Netz in unendlicher Menge zu verbreiten. Und sie ist sehr viel eindeutiger, als es ein Roman je werden kann.

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Aber das ist nicht der einzige Unterschied zu den Verhältnissen von 1989: An die Stelle eines offiziellen Islam, so radikal auch immer, ist ein persönlicher, nicht mehr schriftgebundener Islam getreten, der in jeder Herausforderung eine Ehrverletzung erkennt. Und weil die Ehre, wie ein großer deutscher Philosoph formulierte, das "Verletzliche schlechthin" ist, unterliegt die Entscheidung, was als Frage der Ehre gewertet wird und was nicht, allein der Willkür des potenziell Verletzten. So verwandelt sich, was im Fall der Fatwa ein Urteil war, das nicht vollstreckt wurde, in eine Vollstreckung, die sich selbst das Urteil ist. Diese Vollstreckung aber ist an keine Form, an kein Verfahren gebunden, es kann sie überall und jederzeit geben. Denn sie ist Terrorismus, und auch diesen gibt es nicht, bevor er zuschlägt.