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Kinofilm "Late Night":Diversität für Fortgeschrittene

Die Moderatorin Katherine Newbury ist eine großartige Rolle für Emma Thompson (rechts)

(Foto: Entertainment One)
  • In "Late Night" spielt Emma Thompson eine Art weiblichen David Letterman in der Midlife-Crisis.
  • Eine Frau als Late-Night-Moderatorin ist in der realen US-Fernsehlandschaft noch ein Fabelwesen.
  • Der Film zeigt aber auch, dass Frausein allein bei der Diversifizierung oft nicht genug ist.

Für die Könige des späten Fernsehabends in Amerika ist im Film "Late Night" ein ganz beiläufiger Seitenhieb enthalten. Emma Thompson spielt darin Katherine Newbury, so eine Art weiblicher David Letterman, mit eigener täglicher Talkshow und komischem Monolog. Es hat aber natürlich in der wirklichen Welt nie eine Frau in einem solchen Job gegeben. Zwar gibt es inzwischen nicht mehr nur zwei, sondern mindestens fünf solcher Shows - aber sie werden alle von Männern moderiert. Und wer Emma Thompson mal auf einer Bühne erlebt hat, der weiß, dass keiner von diesen Männern diesen Job besser kann als sie.

Katherine Newbury ist aber nicht gerade in Bestform zu Beginn des Films, die hat sie schon vor einer Weile verloren. Alle gehen ihr auf die Nerven. Ihr Team, das sie sich nach Kräften vom Leib hält. Der Sender. Und vor allem ihre Gäste. Sie soll nämlich irgendwelche jugendlichen Internet-Größen einladen - sie interessiert sich aber nicht für Mädchen mit Modeblog, und sie ist der nicht ganz abwegigen Überzeugung, dass 20-Jährige oft noch nicht so irre viel zu erzählen haben. Leider merkt man ihr ihre Unlust auch vor der Kamera an. Im Sender hat es gerade einen Wechsel an der Spitze gegeben, und Caroline Morton (Amy Ryan), die neue Chefin, will Katherine sowieso gerne durch einen jugendlichen Herrn mit Tätowierungen und einem Schlag ins Vulgäre ersetzen.

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Frauen an der Spitze garantieren noch keine gleichberechtigte Gesellschaft

Es ist ganz charmant, wie die Regisseurin Nisha Ganatra und die Komikerin Mindy Kaling, die das Drehbuch zu "Late Night" geschrieben haben, sich hier eine Welt imaginieren, in der die Frauen in weiten Teilen unter sich bleiben, ohne auszublenden, dass ein paar Frauen an der Spitze noch lange keine gleichberechtigte Gesellschaft garantieren. Katherine beispielsweise, erklärt ihr Showrunner Brad (Denis O'Hare), könnte ihr Team mal ein wenig diverser gestalten, das mache man jetzt so. Ihre Autoren sind alle weiß und männlich.

Das ist die große Chance für eine junge Frau - diese Möchtergern-Komikerin, die im Moment noch die Belegschaft einer Chemiefabrik mit Lautsprecher-Durchsagen erheitert, spielt Mindy Kaling selbst. Die indisch-stämmige Molly Patel ist Katherines größter Fan und wird sofort eingestellt, um das Team mit nur einer Neubesetzung bunter und weiblicher zu gestalten. Sie ist nur nicht so, wie Brad sich das vorgestellt hat. Für jemanden ohne jede Fernseherfahrung hat Molly eine ziemlich große Klappe und lässt gleich im ersten Meeting jede Menge Kritik vom Stapel. Nicht die beste Methode, sich mit einer Frau anzufreunden, die selbst ihre sonstigen Duckmäuser-Autoren als echte Zumutung empfindet.

Katherine Newbury ist eine großartige Rolle für Emma Thompson - zum einen, weil sie eben tatsächlich eine großartige Komikerin ist, und zum anderen, weil sie mit großer Lust die Zickigkeiten dieser Diva ausspielt. Katherine Newbury ist berühmt und erfolgreich, aber sie hat ihre Mitte verloren - sie macht ihren Job, aber sie weiß nicht mehr, wozu; und der Gedanke, sie könnte tatsächlich in Rente geschickt werden, ist dennoch ganz schrecklich.

Ein weiblicher David Letterman? Im echten US-Fernsehen noch ein Fabelwesen

Nisha Ganatra und Mindy Kaling sind sicher nicht die alleinigen Schöpfer dieser Figur, man erkennt in ihr den Sinn für Humor von Emma Thompson, als Schauspielerin und als Drehbuchautorin mit Oscars ausgezeichnet. Als sie für den Film in einer der echten amerikanischen Late Night Shows warb, gab sie zum besten, wie sie, als sie in Schottland nackt in einem Fluss badete, von einem Nachbarn für einen Mann gehalten wurde. Das ist dann genau die Art von Selbstironie, die auch Katherine Newbury entwickelt. Trotzdem ist "Late Night" Mindy Kalings Projekt, sie ist seit einigen Jahren in den USA immens erfolgreich, in Deutschland war sie zuletzt in "Ocean's 8" zu sehen. Sich für ihr erstes Kinodrehbuch die Geschichte einer Frau in der Midlife-Crisis auszusuchen, ist ziemlich mutig - auf dem Terrain gibt es wenige Vorbilder.

Katherine Newbury, der weibliche Letterman, und die Senderchefin mögen in der amerikanischen Fernsehunterhaltung noch Fabelwesen sei. Die Rolle, die Kaling sich selbst auf den Leib geschrieben hat, ist absolut real. Denn dass die Late Night Shows des amerikanischen Fernsehens ein bisschen arg männlich dominiert sind, ist inzwischen den Machern dieser Shows selbst aufgefallen, und seither werden dann gelegentlich die Frauen aus den Autorenteams vor die Kamera gezerrt. Seth Meyers von NBC lässt regelmäßig zwei seiner Autorinnen all jene Gags reißen, die er selbst nicht machen kann; die eine ist schwarz, die andere lesbisch. Auch da hat Mindy Kaling dann ihre Molly genau nach der Wirklichkeit geformt: Frau sein allein ist bei der Diversifizierung oft nicht genug. Molly soll im Team von Katherine sozusagen eine Doppelquote erfüllen. Aber sie ist so besessen davon, alles richtig zu machen, dass sie sich in die für sie vorgesehene Rolle nicht fügt. Sie kann nicht den Mund halten, und wenn die anderen ihre Gefühle verletzen, bricht sie in Tränen aus. Die anderen wissen nicht, wie sie mit ihr umgehen sollen. Aber die Irritation ist dann die Lösung, um die Routine zu unterbrechen. Was ja dann auch tatsächlich der Sinn von Diversifizierung ist - die Dinge ein wenig anders zu machen.

Es ist eine komische Schlacht, die sich Katherine und Molly liefern, bevor sie sich zusammenraufen. Mollys Besessenheit ist ansteckend, und Katherine ist dann doch die Erste, die versteht, was sie von ihr lernen kann. Komische Frauen unter sich, eine Hauptdarstellerin über fünfzig, ein Plot, in dem es dann irgendwann darum gehen wird, Menopausen-Gags salonfähig zu machen- "Late Night" ist für Hollywood-Verhältnisse ein riskantes Projekt. Daran mag es liegen, dass Kaling im letzten Akt ihres Drehbuchs ein paar Zugeständnisse zu viel an die Konventionen der leichten Komödie macht. Hier wird von einer herben Welt erzählt, und "Late Night" ist im Abgang dann ein wenig zu süß geraten. Aber wie viel Zucker genau zuviel ist - das ist sowieso Geschmackssache.

Late Night , USA 2019 - Regie: Nisha Ganatra. Drehbuch: Mindy Kaling. Kamera: Matthew Clark. Mit: Emma Thompson, Mindy Kaling, Max Casella, Hugh Dancy, John Lithgow, Denis O'Hare, Amy Ryan. Entertainment One, 102 Minuten.

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