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Deutscher Horrorfilm:Ökomärchen mit Zombie-Feminismus

Filmstills "Endzeit"

Gefährlich sind Zombies auch während der Öko-Apokalypse: Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und Eva (Maja Lehrer) fliehen vor den untoten Horden.

(Foto: Farbfilm Verleih)
  • "Endzeit" ist ein feministischer deutscher Zombiefilm nach einer Comicvorlage, der seine Genremotive mit weiblicher Handschrift überschreibt.
  • Regie bei "Endzeit" führte die in Berlin lebende schwedische Regisseurin Carolina Hellsgård, die ein überwiegend weibliches Team um sich versammelt hat.
  • Dass sich Frauen mit einem Genre beschäftigen, das als ausgesprochen "männlich" gilt, ist die schöne Überraschung dieses Films.

Das Anthropozän war gestern. Zwei Jahre nach der Zombie-Apokalypse haben nur in Weimar und Jena Menschen überlebt. Ein mit Stacheldraht verstärkter und von Scharfschützen bewachter Zaun soll die Bewohner vor den Untoten schützen. Wer bei der Arbeit am Schutzzaun gebissen und dadurch mit dem Zombievirus infiziert wurde, wird selbst sofort getötet. Das Goethe-Schiller-Denkmal im Zentrum von Weimar steht zwar noch, Solarzellen sorgen für die nächtliche Beleuchtung. Klassik, Humanismus und Harmonie aber sind Geschichte. Abgrenzen und Abknallen ist nun in der deutschen Dichterstadt die Politik.

"Endzeit" ist ein feministischer deutscher Zombiefilm, der seine Genremotive mit weiblicher Handschrift überschreibt. Zart und hart. Das Land jenseits des Zauns ist menschenleer und paradiesisch im Spätsommerlicht. Weimar ist entvölkert und wirkt mit seinen dunklen Gassen und der Horrorbeleuchtung wie aus einem expressionistischen Film. "Meldet euch zur Arbeit am Schutzzaun", fordert ein Plakat an einer Hauswand. Einer bei der Arbeit am Zaun Gebissenen und dadurch Infizierten wird von einer Kollegin erst der Arm abgehackt, dann wird sie vorsorglich doch noch getötet. Viel mehr muss man gar nicht wissen, um zu ahnen, wie diese postapokalyptische Gesellschaft funktioniert.

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Mitreißend ist "Blinded by the light" von "Kick it like Beckham"-Regisseurin Gurinder Chadha. "Gloria" verliert in der Neuverfilmung an Charme - trotz Julianne Moore.

Vorlage für "Endzeit" war der gleichnamige tolle Comic von Olivia Vieweg. Sie wurde in Jena geboren und lebt nun in Weimar - "Endzeit" ist also gewissermaßen auch ein Heimatfilm. Vieweg hat für die Adaption auch selbst das Drehbuch geschrieben, ihr Stoff wirkt in der Verfilmung nun deutlich bedrohlicher und brutaler. Hatte ihr am Manga orientierter Zeichenstil den Schrecken noch auf Distanz gehalten, so ist er in der Verfilmung zum Greifen real.

Bei der gefährlichen Arbeit am Zaun treffen die zarte, durch den Tod ihrer Schwester traumatisierte Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und die toughe Eva (Maja Lehrer) aufeinander. Und sie treffen sich wieder im automatisierten Güterzug, der zwischen Weimar und Jena verkehrt. Die Städte zu verlassen ist eigentlich verboten, aber beide Frauen haben gute Gründe, aus Weimar zu fliehen. Als der Zug liegen bleibt, müssen sie sich in der Todeszone durchschlagen, wo die Zombies lauern. Und sie werden so etwas wie Freundinnen in einer Zeit, in der jeder eigentlich nur die eigene Haut retten will.

Regie bei "Endzeit" führte die in Berlin lebende schwedische Regisseurin Carolina Hellsgård, es ist ihr zweiter Film nach "Wanja". Um sich hat sie ein überwiegend weibliches Team versammelt. Dass sich Frauen mit einem Genre beschäftigen, das als ausgesprochen "männlich" gilt und sich gewöhnlich durch Splattereffekte und unappetitliche Pointen auszeichnet, ist die schöne Überraschung dieses Films. Die umso gelungener ist, weil "Endzeit" das Genre zwar genießt (die Regisseurin hat erkennbar Spaß an den Actionszenen), es aber dennoch umdeutet und die Kämpfe gegen sabbernde, grunzende Unholde nicht im Mittelpunkt stehen.

In diesem Zombiefilm steckt auch ein Öko-Märchen

Mehr noch als für die Zombies interessieren sich Olivia Vieweg und Carolina Hellsgård für die menschenleere "Zone", in der sich die Frauen bewegen. Gefährlich ist es hier, hinter jeder Ecke und in jedem verlassenen Haus können tödliche Überraschungen lauern. Gleichzeitig ist das entvölkerte Thüringen unwirklich schön, faszinierend und fremd, ein wenig wie die "Zone" in Andrei Tarkowskis "Stalker" (Kamera: Leah Striker). In der Toilette des liegen gebliebenen Versorgungszugs entdeckt Eva eine Schmetterlingskolonie. Pflanzen überwuchern die Häuser. Einmal sind grasende Giraffen auf einer Wiese zu sehen, wahrscheinlich sind sie aus dem Erfurter Zoo entlaufen. Es sind Bilder wie aus einem Traum. Und die köstlichen Tomaten (die ja in manchen Gegenden auch Paradeiser oder Paradiesapfel genannt werden) wachsen auf Gräbern.

"Ich glaube, die Erde ist eine kluge alte Frau", sagt Eva einmal. "Und die Menschen haben keine Miete bezahlt. Das da draußen ist die Räumungsklage." Das ist etwas dick aufgetragen, aber macht klar, dass in diesem Zombiefilm auch ein Öko-Märchen steckt. Zu der märchenhaften Zartheit des Films passt auch die - scheinbar - unbeholfene Art, wie Gro Swantje Kohlhof ihre Vivi spricht: als ob sie ihren Text ablesen würde, so tastet sich die am Anfang passive Vivi in ihr neues Leben hinein. Während Maja Lehrer als Eva zunächst die Alphafrau und Zombie-Killerin gibt mit einem ebenso "künstlichen" Spiel. Auch das passt, schließlich spielt sie da auch nur eine Rolle, um sich in der Zero-Tolerance-Gesellschaft zu behaupten.

Die Frauen werden sich verändern in der "Zone", wo das Gesetz der Metamorphose herrscht. Nichts und niemand ist nur das eine oder das andere. Eine Untote ist noch als Braut erkennbar. In Eva wächst bereits ein Zombie heran. Alles ist in steter Veränderung. Vivi und Eva entdecken mitten im Niemandsland eine geheimnisvolle Frau, aus deren Körper Pflanzen wachsen. Sie nennt sich "die Gärtnerin" und wird von Trine Dyrholm als ebenso sanfte wie unerbittliche Sphinx einer neuen Zeit verkörpert. Herrliches Gemüse wächst in ihrem Garten. Der Mensch, sagt die Gärtnerin, sei zu Recht aus dem Paradies, das die Erde war, vertrieben worden. Nun schlägt die Natur zurück, und der Mensch wird selbst das Paradies. Gräber haben einen perfekten Humus.

Endzeit , D 2018 - Regie: Carolina Hellsgård. Buch: Olivia Vieweg. Kamera: Leah Striker. Schnitt: Ruth Schönegge, Julia Oehring. Musik: Franziska Henke. Mit: Gro Swantje Kohlhof, Maja Lehrer, Trine Dyrholm. Verleih: Farbfilm, 90 Minuten.

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