Kreuzfahrtschiffe und Design:In Seh-Not

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Kreuzfahrtschiffe und Design: Was früher die Kunst der Galionsfiguren war, ist heute eine Ästhetik des Wahnsinns: Blick auf das fast fertige Kreuzfahrtschiff "Global Dream". Man kann dem Schiff für bis zu 12 000 Menschen förmlich ansehen, dass es ein "Titanic"-Problem hat.

Was früher die Kunst der Galionsfiguren war, ist heute eine Ästhetik des Wahnsinns: Blick auf das fast fertige Kreuzfahrtschiff "Global Dream". Man kann dem Schiff für bis zu 12 000 Menschen förmlich ansehen, dass es ein "Titanic"-Problem hat.

(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Das Kreuzfahrtschiff "Global Dream" für 9500 Passagiere ist ein globaler Albtraum. Die Nachricht, dass es trotz Insolvenz doch noch zu Ende gebaut werden könnte, ist gut für die Ökonomie. Andererseits heißt das für Umwelt und Ästhetik: SOS!

Von Gerhard Matzig

Das für 9500 Passagiere und 2500 Crew-Mitglieder konzipierte Kreuzfahrtschiff Global Dream ist zu 75 Prozent fertig und wartet in Wismar auf bessere Zeiten. Und darauf, trotz der Insolvenz der MV Werften, die vergangene Woche bekannt wurde, doch noch Meerwasser unter den Kiel zu bekommen. Die Tränen des von der Corona-Krise gebeutelten Eigners, das ist die Genting Group mit Sitz in Kuala Lumpur, deren Aktienkurse aktuell in Richtung Marianengraben sinken, kann man sich zwar so voluminös wie Ozeane vorstellen; aber ein Schiff, 342 Meter lang, 57 Meter hoch, von der Größe einer gar nicht mal so kleinen Kleinstadt: Das tragen die Tränen der Insolvenz womöglich doch nicht. Am 1. März soll das reguläre Insolvenzverfahren eröffnet werden.

Schadenfreude ist nicht angebracht: Es geht in einer strukturschwachen Region Deutschlands auch um die Zukunft der schon lange im Schiffsbau darbenden Mitarbeiter und um Hunderte Familien. Die Dezembergehälter stehen noch aus. Derzeit werden, wie es heißt, "konstruktive" Gespräche geführt zwischen dem vorläufigen Insolvenzverwalter und dem in finanzielle Schieflage geratenen Eigner Genting. Mehr als eine halbe Milliarde Euro fehlen, um das titanische Schiff zu vollenden.

Im Handelsblatt wird der Insolvenzverwalter so zitiert: "Ich möchte das Schiff zu Ende bauen." Mit Blick auf die Bizarrerie der Lüftlmalerei am Bug, die seltsamerweise schon seit Wochen vollendet ist, könnte, ja muss man sich aber auch fragen: Sollen die restlichen 25 Prozent wirklich fertig gebaut werden? Soll eine derartige Monstrosität als einzigartiges Architekturverbrechen der Weltmeere vom Stapel laufen?

Wer braucht krankhaft aufgedunsene Pötte, die kaum mehr etwas mit dem Reisen, gar nichts mit Schiffen und nur sehr selten etwas mit Umweltverträglichkeit zu tun haben? Kreuzfahrtschiffe sind die Dinosaurier unserer Epoche: groß, schwer, dumm, in diesem Fall: absurd hässlich - und überflüssig. Was sich in Wismar ereignet, ist in rein gestalterischer Hinsicht eine Form der gnadenvollen Evolution. Wobei auch die Menschen, die solche Schiffe bauen, die sich aber den Wahnsinn des offenkundig im Amok befindlichen Kreuzfahrtsystems nicht ausgedacht haben, zu Opfern des Sauriersterbens werden.

Im Delirium der Gestaltung

Im Baudock der Werft ist die Titanic 2.0 - schon jetzt ein Wrack ihrer selbst - in aller Absurdität zu besichtigen. Auf dem Bug tanzen sich Schmetterlinge, Himmelskörper und Raketen in sinnfreier Bricolage ins Delirium der Schiffsgestaltung. Ein Astronaut (wenn nicht ein Taikonaut, denn das Schiff ist vor allem für chinesische Touristen gedacht, was im Ästhetik-Ergebnis rassistisch sein dürfte) entsteigt der aufgewühlten See wie eine ferne Erinnerung an die einst große Kunst der Galionsfiguren. Dabei schafft dieser Major Tom der Reisebranche das Kunststück, außer an die botticellihafte Geburt der Venus auch noch an Michelangelos Gottvaterdarstellung in der Sixtinischen Kapelle zu erinnern.

Nach fünf Minuten mit Blick auf den globalen Traum vom Schiff als utopischem Sehnsuchtsort wäre sogar eine Übermalung mit Motiven nach den Bestiarien des Hieronymus Bosch zu bedenken, um mal wieder was Heiteres sehen zu dürfen. Das Schiff, ein Kompliment an seine Designer, bringt Form und Funktion also in aller Schärfe zur Deckung. Es ist ein Monster voller KI-Kabinen, Putzroboter und Achterbahn - und sieht auch exakt so aus.

Auf der MV-Homepage heißt es: "außen moderne Eleganz, innen eine Ausstattung, die ihresgleichen sucht (...) die Reisenden erwartet ein breit gefächertes Angebot an aufregenden Entertainment-Neuheiten. In der bordeigenen Shopping-Mall, Badelandschaft, im Themenpark oder Bordkino kommen sowohl Actionliebhaber als auch Ruhesuchende voll auf ihre Kosten." In den Animationen ist zu sehen, wie die "Global Class" vor Hafenstädten in aller Welt anbrandet. Feindlichen Eroberern, biblischen Plagen oder Ungeheuern aus dem Meer nicht unähnlich. Augenblicklich verzwergen die Städte: Die fahrbaren Hauszeilen genügen sich selbst wie Zerstörer. Man muss übrigens gar nicht mehr an Land gehen - wozu auch? Das Beste aber: Wer auf einem solchen Kreuzfahrtschiff das Dasein vergisst, weil er sich gut verpflegt im Inneren des maritimen Sondermülls befindet, muss das sogenannte Schiff von außen nicht mehr ertragen. Der Rest der Welt leider schon: SOS.

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