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Konstantin Wecker:Wer hat Schuld? "Eindeutig Gottfried Benn"

Die Zeitungen schrieben, Sie seien in Besitz von 1770 Gramm Kokain gewesen.

Das war nur hochgerechnet, durch eine Aussage der Frau des Dealers. Gefunden haben die bei mir nur 30 Gramm.

Koks galt als Yuppie-Droge. Aufputschzeugs für Wall-Street-Karrieristen. Und dafür hat sich ausgerechnet ein Establishment-Hasser wie Sie interessiert?

Das begann bei mir doch viel früher! 1977 habe ich erstmals gekokst. Mit 30. Schuld daran hat eindeutig Gottfried Benn.

Zur Person

Konstantin Wecker wurde 1947 in München-Lehel geboren. Klavier lernte er mit fünf, Geige mit acht, mit 13 dachte er, ein Genie zu sein, wie er später sagte. Als Liedermacher startete Wecker mit Auftritten in Kneipen, bekannt wurde er Ende der 70er-Jahre mit Alben wie "Genug ist nicht genug" oder "Weckerleuchten". Im Zuge seiner Erfolge war er lange kokainabhängig und wurde im Jahr 2000 nach mehreren Prozessen zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt. Wecker ist Vater zweier Söhne. Er schrieb 600 Lieder, Filmmusiken, Musicals und Gedichte. Am 17. April erscheint seine Biografie "Das ganze schrecklich schöne Leben" (Gütersloher Verlagshaus).

Im Infokasten "Zur Person" stand in einer früheren Version fälschlicherweise, dass Konstantin Wecker nach mehreren Prozessen zu zweieinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Richtig ist, dass er letztinstanzlich zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Ach kommen Sie!

Wirklich! In seinen Gedichten gab es Hinweise, dass er die Droge ausprobiert hatte. Da ich seine Gedichte immer sehr ernst genommen habe, wollte ich das auch. Vermutlich wäre ich nicht so hart eingestiegen, wenn ich nicht gleich ein paar Hundert Gramm reinstes Kokain für 75 000 Mark von einem Bolivianer gekauft hätte.

Und diese Summen und Mengen gaben Ihnen nie zu denken?

Damals nicht. Als junger Musiker habe ich außerdem immer mal wieder damit aufgehört, Sport gemacht, normal gelebt und dann wieder eine Zeit heftiger konsumiert. Ich war angefixt, nicht süchtig. Die Tragödie begann erst Anfang der 90er mit dem Backen von Koks mit Natron. Man raucht es in der Pfeife. Ich hatte das bei einer Gruppe von Zuhältern gesehen. Und weil sie es mir vorenthielten, habe ich es erst recht gewollt. Bereits der erste Zug hat mich so was von weggehaut. Ab da konnte ich nicht mehr ins Bett gehen, ohne mir die Pfeife für den Morgen vorbereitet zu haben. Zu der Zeit war ich ein Junkie und ein Penner.

Stadtleben Als Konstantin klaute
Buchvorstellung

Als Konstantin klaute

Konstantin Wecker spricht über Diebstahl mit 18, Pater Anselm über seine Enterbung: Münchner Promis erzählen in einem Buch über "Die wilde Schule des Lebens". Bei der Präsentation fließen Tränen.   Anna Fischhaber

Viele Künstler in den 60er-, 70er-Jahren begründeten ihren Rausch auch damit, dass Drogen angeblich kreativ wirken.

Sagen wir so: Ich habe nur zwei, drei, na ja, vier gute Texte für Balladen auf Koks geschrieben. Aber das sicher nicht wegen, sondern trotz des Kokses. Ich bereue es, dass ich so viel Zeit darauf verschwendet habe, Drogen auszuprobieren. Aber dass ich es probiert habe, bereue ich nicht.

Warum?

Ich bin ein Herdplattenanfasser und muss alles versuchen. Außerdem ist das Thema von allen Seiten eine verlogene Scheiße.

Im Prozess sagten Zeugen über Ihre Paranoia aus, um Ihre Unzurechnungsfähigkeit zu dieser Zeit zu dokumentieren: Angeblich hatten Sie Angst, dass Ihnen Zwerge Ihr Koks stehlen.

Das klingt irre, ist aber gar nicht so unnormal. Ein Beispiel: Als Psychologiestudent habe ich mal etwas erlebt, was man heute so nicht mehr machen würde: Eine Frau mit Paranoia wurde uns da im Hörsaal vorgeführt, die davon überzeugt war, dass die Nachbarn Gase in ihre Wohnung leiten. Sie redete natürlich in Symbolen. Gemeint hat sie, dass ihre Nachbarn bösartig waren. Die Gase waren ihre Metapher dafür. So war es bei mir wohl auch. Offenbar wollte ich den Menschen um mich herum nicht zutrauen, mich zu beklauen. So wurden die Zwerge zu Stellvertreter-Tätern. Eine bildgewordene Vorstellung meiner Ängste. Heilsam war, dass ich damals erkannte: Es gibt Menschen, die im paranoiden Dauerzustand leben; ich wusste immerhin, dass es aufhört, wenn ich die Drogen absetze.

Woody Allen sagt, Komik ist Tragik plus Zeit. Können Sie heute darüber lachen?

Total. Worüber ich nicht lachen kann ist, dass ich vielen Menschen wehgetan habe in dieser Zeit. Ich war oft rücksichtslos.

Was hat Sie damals gerettet? Ihre Frau?

Ganz eindeutig meine Verhaftung. Meine Frau hatte ich drei Wochen zuvor kennengelernt. Dass sie sich in dieses Drogenwrack verliebt hat, ist mir bis heute unbegreiflich. Aber ohne Haft wäre ich nie aus dem Kreislauf rausgekommen. Ich hatte insgeheim gehofft, ich erleide einen Herzinfarkt oder ein Krieg beginnt. Am Ende war es Glück, dass ich nicht in die Entzugsabteilung nach Stadelheim kam, sondern allein in eine Zelle, in der mir niemand Drogen andrehen konnte. Irgendetwas in mir hat es als Rettung angesehen, als Chance.

17 Tage Untersuchungshaft. Ist kalter Entzug nicht hart?

Bei Kokain ist das erst mal kein körperlicher Entzug, sondern ein seelischer. In diesen Tagen habe ich Dinge erlebt, die hätte ich in all den Jahren zuvor nicht erleben können, weil ich fast nie mit mir allein war. In dieser Zelle habe ich plötzlich mich selbst gesehen und hatte vor mir selbst Angst. Ich sah mich aus einer anderen Perspektive, von außen, erlebte Streits nach, die ich vor allem mit Frauen hatte. So erlebte ich mich erstmals als Arschloch.

Ihr Frauenverschleiß galt als ähnlich legendär wie Ihr Drogenkonsum.

Ich brüste mich nicht damit, weil es ja nicht toll war. Letztlich war es nur ein Zeichen von Versagen. In dem Sinn, dass man sich innerlich nach etwas sehnte, was man nicht erreicht hat.

Es heißt, Sie hätten auch Ihre Angestellten nicht gut behandelt.

Das stimmt nicht. Jeder konnte machen, was er wollte, und an mein Geld kam sowieso jeder ran. Manche haben es ausgenutzt, andere waren fair. Nur auf Drogen habe ich sicher rumgeschrien, aber dann ist man - wie gesagt - eh ein Arschloch.

Warum hat man Sie eigentlich nie fallengelassen?

Auch da habe ich wahnsinnig Glück gehabt. Mit Eltern, die mich nicht verstoßen haben, Freunden, die mich auffingen, und trotz der Schulden hatte ich mehr Geld als ein armer Schlucker auf der Straße. Ich war ein privilegierter Abhängiger.

Richtig, dass es den exzessiven Wecker bis heute gibt?

Das hört nie auf. Spätabends nach einem Konzert ist man fertig, aber zugleich noch so aufgedreht, dass man nicht gleich ins Bett gehen kann. Manchmal habe ich bis heute Sehnsucht nach einem Kloster.

Wonach genau suchen Sie eigentlich die ganze Zeit?

Ich habe mir gewünscht, diese Sehnsucht nach dem Wesentlichen zu verstehen. Zu begreifen, "was die Welt im Innersten zusammenhält", wie Goethe im "Faust" schrieb. Alles, was wir versuchen, ob mit maßloser Erotik, Drogen oder was weiß ich, bietet nur einen kurzen Orgasmus. Es ist nicht das, wonach wir uns sehnen.

Und das wäre?

Wir müssen es lernen. Früh erleuchtet werden ja die wenigsten.