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Kommentierte Ausgabe:Ein Werk von ungeheuerlicher Antihumanität

Adolf Hitler im Gefängnis in Landsberg

Zu fünf Jahren war Hitler 1924 nach seinem Putschversuch im November des Vorjahres verurteilt worden. Nur neun Monate davon musste er absitzen, in Landsberg unterm Lorbeerkranz, und mit Zeitungen versorgt. Dort begann er "Mein Kampf".

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

"Mein Kampf", verfasst zwischen 1924 und 1926, ist ein Buch des großen Dagegen. Es ist antibolschewistisch, antiparlamentarisch, antikapitalistisch - all das gipfelnd im alle Feinderklärungen zusammenfassenden und vereinheitlichenden Antisemitismus.

Es ist ein Buch, das sich an die eigenen Anhänger richtet, das Propagandatechniken empfiehlt, ein Werk von ungeheuerlicher Antihumanität. Wie die nationalsozialistische Bewegung enthält es Identifikationsangebote für viele, Einladungen zur Zustimmung wenigstens in einzelnen Punkten.

Die kritische Ausgabe wird zeigen, wie Hitler mit "Mein Kampf" auf eine persönliche und politische Krise reagierte. Was nach dem gescheiterten Putsch im November 1923 aus ihm werden würde, welche Rolle er in der vielfältigen, vielfach zerstrittenen völkischen und nationalsozialistischen Bewegung spielen würde - das war ungewiss, als er im Gefängnis Landsberg mit der Niederschrift des ersten Bandes begann.

Auch musste er Rücksichten nehmen. Zwar war ihm die bayerische Justiz skandalös entgegengekommen, aber es blieb die Drohung, ihn nach Österreich abzuschieben. Gelungen war ihm in seinem Leben bislang wenig, das Scheitern des Putsches gefährdete auch seine Stellung als Agitator der Radikalen in Bayern.

Die kritische Ausgabe wird vieles zu korrigieren haben

In dieser Situation entwarf er seine Autobiografie als die eines schicksalhaft grandiosen Scheiterns und stilisierte sich zum Künstler-Genie: vorbestimmt, ein deutscher Held zu werden. Viele kleine Lügen, Halbwahrheiten, Auslassungen in der Lebenserzählung werden zu korrigieren sein.

Den größten Erkenntnisgewinn aber wird man nun erwarten dürfen durch die Offenlegung der Quellen Hitlers, jener Schriften und "Denker", bei denen er sich bediente: Antisemiten, Rassehygieniker, Weltanschauungsverkäufer, Wirrköpfe.

"Mein Kampf" war nicht die Blaupause des NS-Staats. Man wird in der Ausgabe auch sehen, wie stark Hitler auf tagespolitische Veränderungen reagierte, welche Spuren damals aktuelle außen- und innenpolitische Konflikte im Text hinterlassen haben und wie dieser im Lauf der Jahre verändert wurde.

Ob Hitler ein konsistentes ideologisches Weltbild besaß, ein System gar, oder ob er einigen starken Motiven unbeirrt folgte - darüber ist oft gestritten worden. Die Ermordung der Juden, den Krieg, um Gebiete im Osten zu erobern, und andere Gräuel hat er darin angekündigt.

Die schwierigste Aufgabe der Edition ist es, die Proportionen zu wahren. Sie erschließt eine der Hauptquellen zur Geschichte des Nationalsozialismus und muss zugleich zeigen, dass das Dritte Reich, die NS-Herrschaft und der Vernichtungskrieg aus Hitlers Leben und seinen Schriften allein nicht zu erklären sind.

© SZ vom 28.12.2015/jobr/odg
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