Holocaust-Gedenken Geschichte wiederholt sich nicht?

Nach Martin Walsers Friedenspreisrede warf Ignatz Bubis ihm "geistige Brandstiftung" vor.

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Vor genau 20 Jahren hielt Martin Walser seine Friedenspreis-Rede von der "Moralkeule" Auschwitz. Der Rückblick auf die Debatte demonstriert, dass der Fortschritt ein Kreislauf ist.

Kolumne von Norbert Frei

Manchmal belagern Erinnerungen die Gegenwart wie eine unfaire Großmacht. Ein bisschen wird das an diesem Sonntagvormittag so sein, beim jährlichen Hochamt des abschmelzenden altbundesrepublikanischen Bildungsbürgertums, wenn die beiden Gedächtnisforscher Jan und Aleida Assmann in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen. Dann nämlich käme es einem Kunststück gleich, mit keinem Wort der Kontroverse nachzusinnen, die Martin Walser an dieser Stelle vor 20 Jahren lostrat.

Wer die Szene damals verfolgte, und sei es nur vor dem Fernseher, der kann sie kaum vergessen haben: Wie Walser am Ende seiner Dankesrede, "vor Kühnheit zitternd", von der Kanzel heruntersteigt, wie sich die Festversammlung applaudierend zu seinen Ehren erhebt - und wie drei Menschen in der ersten Reihe reglos auf ihren Plätzen verharren: Ignatz und Ida Bubis, aber auch Friedrich Schorlemmer, der neben den beiden zu sitzen gekommen war. Tags darauf erklärte Bubis, als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland in den Neunzigerjahren so populär und politisch präsent wie keiner seiner Vorgänger, was ihn hatte versteinern lassen: "Leute wie der DVU-Vorsitzende Gerhard Frey und Ex-Republikaner-Chef Franz Schönhuber sagen es auch nicht anders. Das ist geistige Brandstiftung."

"Wir haben eine Errungenschaft zu verteidigen"

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Bubis' Reaktion auf Walsers Vortrag kam nicht aus heiterem Himmel. Schon seit den Achtzigerjahren glaubte der Großschriftsteller, so hatte es sein Laudator Frank Schirrmacher gerade noch einmal erläutert, "die Nation rehabilitieren, die Inflationierung des Faschismus-Vorwurfs außer Verkehr setzen, das Geschichtsgefühl wecken" zu müssen. Dem Holocaust-Überlebenden Ignatz Bubis war das nicht entgangen, und Walsers jüngstes Werk, der autobiografische Roman "Ein springender Brunnen", war Teil dieser Mission. Walser - wie Bubis Jahrgang 1927 - verteidigt darin eine Kindheit im Dritten Reich, die den Knaben in Wasserburg am Bodensee ideologisch unbehelligt heranwachsen lässt. Dass Auschwitz bei dieser Erzählhaltung eine Leerstelle bleibt, war in Marcel Reich-Ranickis "Literarischem Quartett" sogleich bemängelt worden.

Doch was Bubis so empörte und zu dem bitteren Wort greifen ließ, war letztlich nicht Walsers Entwicklungsroman und sein im Grunde konventionell-verklärender Blick auf die eigene Jugend. Es waren vielmehr die geschichtspolitischen Schlussfolgerungen, zu denen sich der Altersgenosse, augenscheinlich gekränkt ob der verhaltenen Reaktionen auf sein neuestes Werk, in Frankfurt bemüßigt fühlte. Tatsächlich ging Walser in seiner Dankesrede weit über alles hinaus, was er bis dahin an Sperrigem zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit formuliert hatte - und zu seiner eigenen, ja keineswegs unbeachtlichen Rolle darin: "Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzig Mal weggeschaut. (...) Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, dass öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung."

Im Denkmal für die ermordeten Juden sah Walser einen "fußballfeldgroßen Albtraum"

Mit solchen Sätzen gab Walser, der vier Jahrzehnte zuvor im neulinken Kursbuch die Insuffizienz der deutschen Strafjustiz angesichts des Judenmords angeprangert hatte ("Unser Auschwitz"), nicht nur seine Selbstentpflichtung aus dem von ihm inzwischen nachgerade verachteten "Erinnerungsdienst" bekannt; der Dichter bediente sich einer Sprache, wie man sie sonst von der revisionistischen Rechten kannte. Und er nahm, das hatte Bubis richtig gesehen, Anleihe bei deren Begriffen. Wo diese von der "Auschwitz-Keule" sprachen, erklärte Walser: "Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets. Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?"

Der in die Frageform gekleidete Normalisierungswunsch war Walser noch wichtiger als das böse Keulenwort. Doch dieses blieb haften, neben seiner ordinären Kritik an dem geplanten Berliner Denkmal für die ermordeten Juden. Zu den Diskussionen darüber meinte er, darin könne "die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Albtraum. Die Monumentalisierung der Schande".

Die Polemik gegen das Denkmalprojekt und den Vorwurf der Instrumentalisierung deutscher Schuld - die beiden Punkte seiner Rede, die ihm seitdem immer wieder vorgehalten worden waren - nahm Walser im vergangenen Jahr förmlich zurück, lange nach dem zu frühen Tod von Ignatz Bubis, der 1999 starb. Bubis hingegen hatte den Vorwurf der "geistigen Brandstiftung" bereits zwei Monate nach der Preisverleihung zurückgezogen, als sich die beiden auf Drängen von Frank Schirrmacher im Haus der Frankfurter Allgemeinen trafen und Walser abermals seine Expertise im Umgang mit der NS-Vergangenheit hervorkehrte ("Ich war in diesem Feld beschäftigt, da waren Sie noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt").

Halbwegs einig zeigten sich die Kontrahenten damals - Helmut Kohl war gerade abgewählt, Rot-Grün frisch an der Macht, die Bonner Republik auf dem Weg nach Berlin -, dass die Sprache des Erinnerns einer "Erneuerung" bedürfe. Zwei Jahrzehnte später wirkt diese Diagnose wie ein vorzeitiges Signal aus ferner Vergangenheit. Jetzt gilt es, das Erreichte zu verteidigen: gegen Forderungen nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" und gegen ein neurechtes Begriffsrecycling ("Denkmal der Schande"), das sich bis heute bei Martin Walsers fataler Paulskirchenrede zu bedienen weiß.

Kolumne von Norbert Frei

Norbert Frei, geboren 1955 in Frankfurt am Main, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena. Er leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.