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Kino: Up in the Air:Niemand ist schuld

Das ist die Rolle seines Lebens: George Clooney verkündet in "Up in the Air" Hunderten Menschen, dass sie gefeuert sind - mit ehrlichen braunen Hundeaugen. Ein Filmjuwel.

Vielleicht sieht das Böse ja wirklich wie Ryan Bingham aus. Der Mann verdient sein Geld damit, andere Menschen zu feuern. Dutzende am Tag, 322 Tage im Jahr. Heute hier, morgen dort, immer unterwegs in der großen Wüste des Niedergangs, die einmal das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war.

Jede Zeit hat ihren Unglücksboten: George Clooney, frisch oscarnominiert als Vielflieger Ryan Bingham in "Up in the Air".

(Foto: Foto: Filmverleih)

"Ich bin gefeuert?" fragen die Menschen fassungslos, die Ryan Bingham gegenübersitzen. Sie werden, zwecks größerer emotionaler Durchschlagskraft, von Laien gespielt, die auch in der Wirklichkeit gerade ihren Job verloren haben. Ryan Bingham sagt nein.

"Gefeuert würde bedeuten, dass Sie gegen die Grundsätze Ihres Unternehmens verstoßen hätten. Was natürlich nicht der Fall ist. Ihre Position existiert nur einfach nicht mehr."

Rechtliche Komplikationen minimieren. Büromassaker und Selbstmorde verhindern. Eine nichtvorhandene Perspektive eröffnen. All das tun, was irgendein Pussyboss drei Stockwerke höher nicht selbst zu tun wagt. Glücklicherweise. So kommen Aufträge rein. Für Bingham ist dies eine Boomzeit.

Wie war nochmal sein Name?

"Niemand ist schuld", sagt Ryan Bingham zu schluchzenden, stammelnden, zornigen neuen Arbeitslosen. "Ihre Position ist nur einfach verschwunden. Vergangenheit. Sie dagegen sind ja noch da. Sie sind die Zukunft. Darauf müssen Sie sich jetzt konzentrieren." Dabei schaut er, aus ehrlichen braunen Hundeaugen, ehrlich besorgt. Der Blick sagt auch noch etwas anderes. Verdammt bin ich gut, sagt er. Und: Gott sei Dank werde ich diesen Trottel, wie war sein Name doch gleich, in fünf Minuten nie mehr wiedersehen.

Das Dumme ist, dass man Ryan Bingham trotzdem mag. Erstens wird er von George Clooney gespielt. Clooney, gerade oscarnominiert, ist der einzige Filmstar, der ehrlich besorgt und zugleich absolut zynisch schauen kann. Dies ist die Rolle seines Lebens. Man muss an den Hundeaugen-Bullshit denken, den er sicher schon tausend Frauen erzählt hat. Und gleichzeitig an seinen ernstgemeinten Einsatz für Darfur. Niemand wagt sich derzeit so nah an die neuralgischen Punkte der eigenen Star-Persona heran. Niemand zieht mehr Gewinn daraus.

Aber es ist nicht nur das. Ryan Bingham ist wirklich gut. Er ist ein Meister der Worte. "Unser Job ist es, das große Nichts tolerierbar zu machen", sagt er einmal. "Wir befördern verwundete Seelen über den Fluss der Angst und Erniedrigung und Selbstzweifel, bis die Küste der Hoffnung von Ferne sichtbar wird." Was für ein Arschloch.

Was für ein Held! Denn es liegt ja auch eine Schönheit und Eleganz darin, sich den Zwängen des Kapitalismus nicht nur zu unterwerfen, sondern sie ganz und gar zu der eigenen Sache zu machen. Man beginnt, mitten in diesem amerikanischen Mainstream-Film, der ein hypersmarter und auch sehr mutiger Mainstream-Film ist, etwas zu verstehen. Die großen Vollstrecker, die Unheilsbringer unserer Zeit - vielleicht sind sie wirklich vor allem stolz darauf, sehr gut zu sein in dem, was sie tun.

Man muss nur sehen, wie Ryan Bingham vor einem Abflug, einem seiner vielleicht tausend Abflüge im Jahr, den Sicherheitscheck absolviert. Trolleygriff rein, Slipper aus, Uhr und Börse in den rechten Schuh, Laptop extra, Bordkarte in die Hintertasche, beide Hände in Aktion.

Keine falsche Bewegung, alles innerhalb von Sekunden. Beglückende Perfektion. Bezwingende Meisterschaft.

Gott liebt die Asiaten

Regeln von Ryan Bingham für das Schlangestehen vor Röntgengerät und Metalldetektor: niemals hinter Vätern mit Kinderbuggys. Niemals hinter Senioren - "Körper voll versteckter Metallteile und kein Gefühl dafür, dass ihre Zeit auf Erden schon reichlich knapp ist." Niemals hinter nahöstlichen Vollbarttypen - "zufällig ausgewählt für besondere Untersuchungen", haha. Immer gut: Asiaten! "Wenig Gepäck. Hohe Effizienz. Slipperträger. Gott liebt sie." Von diesem Mann können wir alle noch etwas lernen.

Jason Reitman, der Autor und Regisseur, der die Figur in dem Roman "Up in the Air" von Walter Kirn gefunden, dann aber um 180 Grad gedreht und ganz zu seiner eigenen gemacht hat, liebt Ryan Bingham natürlich auch. Überhaupt hat er eine Schwäche für Typen, die am Rand des Verachtungswürdigen eine gewisse Virtuosität entfalten. Nick Naylor, der Held seines Debütfilms "Thank You For Smoking", war der oberste Pressesprecher von Big Tobacco, der Mann, der die Gefahren des Rauchens kleinreden musste bis zum letzten Atemzug. Auch der war wirklich gut in dem, was er tat.

Mit seinem tiefen Verständnis für Antihelden und seiner kongenialen Verfilmung eines fremden, ebenfalls sehr brillanten Drehbuchs namens "Juno", ist Jason Reitman - gerade mal 32 Jahre alt - einer der wichtigsten Regisseure seiner Generation geworden.

Nun verlangen Hollywood und auch das Publikum, dass Typen wie Ryan Bingham irgendwann ihre Irrwege einsehen, die Hohlheit ihres Lebensentwurfs, die Sinnlosigkeit ihrer Brillanz. Zumindest müssen sie in ihrer Sicherheit schwer erschüttert werden, sonst gäbe es keine Geschichte. Ryan Bingham wird von zwei Frauen erschüttert. Beide sind ganz wunderbar. Sie sind reine Erfindungen Jason Reitmans. Nicht nur Antihelden schreibt er inzwischen besser als jeder andere, sondern auch weibliche Wesen.

Denk an dich selbst, nur mit Vagina!

Da ist Alex, zum Leben erweckt von der wirklich grandiosen, ebenfalls für den Oscar nominierten Vera Farmiga, die scheinbar genauso tough, genauso vielfliegend, genauso bindungsängstlich ist wie Bingham. "Wenn du mich verstehen willst, denk an dich selbst, nur eben mit Vagina", sagt sie zu ihm. Und Bingham, der König der Kunst, allen nur das zu sagen, was sie am liebsten hören wollen, merkt nicht, was hier gespielt wird.

Wie sie ihn für seine Platinkarten, seine astronomischen Meilenzahlen, seine Restauranttips bewundert. Wie sie vom Sex in Flugzeugtoiletten erzählt, in denen er sich nicht einmal umdrehen könnte. Es ist wie in den besten der alten Screwball-Komödien, mit denen "Up in the Air" in guten Momenten zu vergleichen man sich nicht zu scheuen braucht: Der große Manipulator muss selbst manipuliert werden, bevor er zu verstehen beginnt.

Und dann ist es fast herzergreifend zu sehen, wie Bingham nach dem (selbstverständlich großartigen) Sex Alex' Hotelzimmer verlässt, beide müssen ja früh raus am nächsten Morgen, vom Zimmer gegenüber ein "Bitte nicht stören"-Schild nimmt und leise an ihren Türknauf hängt. Das ist Liebe in den Zeiten des Businessnomadentums.

Die andere Frau ist Natalie (Anna Kendrick, auch sie im Oscarrennen). 23 Jahre alt, klug und ehrgeizig, die besten Noten. Dies ist ihr erster Job. An Sex denkt sie eher weniger - dafür sieht sie sofort, dass man Ryans Job auch effizienter gestalten könnte. All diese Flugmeilen, all diese Reisekosten, das ganze Leben, das er so liebt - es wäre überflüssig, wenn man die Leute einfach übers Internet feuern würde, per Videokonferenz. Sie geht mit Ryan auf Tour, um das Geschäft zu erlernen, aber gleichzeitig schreibt sie ein Konzept, um ihn überflüssig zu machen. So entschlossen haut sie dabei in die Tasten ihres Notebooks, dass er daneben plötzlich wie ein menschliches Wesen aussieht. Und dann weiß sie doch schon mehr von Gefühlen als er.

Der Überflieger

Dieser Existentialist des leichten Gepäcks, der sein Leben im Rollkoffer mit sich führt und Beziehungen für unnötigsten Ballast hielt, muss am Ende eine dunkle Stunde der Einsamkeit durchleben. Sie kommt, nachdem er die Hochzeit seiner Schwester besucht hat, wo er überraschend Gefallen daran fand, sich nicht wie ein Arschloch aufzuführen. Sie kommt ausgerechnet im Moment seines größten Triumphs, als er ein Ziel erreicht, für das er lange geackert hat. Nun könnte er sich als der Überflieger schlechthin fühlen. Aber wie das so ist mit den hart erkämpften Träumen - im Augenblick ihrer Erfüllung fühlen sie sich irgendwie wertlos an. Ryan Bingham weiß nicht mehr weiter.

Das gewöhnliche Hollywood hätte diesen armen Sünder nun irgendwo anklopfen lassen, an einem Heim, einem Hafen, einem Ruhepunkt. Und dann, all seiner Missetaten zum Trotz, eingelassen. Mit genau jener Art der Verlogenheit, die es dem System da draußen erlaubt, ungehemmt immer weiter zu wüten. So verlogen ist Jason Reitman nicht. Wenn ihm eine Tragödie begegnet, so lustig und absurd und unterhaltsam sie auch sein mag, will er nicht mehr wegschauen. Der nächste Abflug nach irgendwohin geht in ein paar Minuten. Ryan Bingham wird an Bord sein.

UP IN THE AIR, USA 2009 - Regie: Jason Reitman. Buch: Reitman, Sheldon Turner. Kamera: Eric Steelberg. Schnitt: Dana E. Glauberman. Musik: Rolfe Kent. Mit George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Danny McBride, Jason Bateman, J.K. Simmons. Paramount, 110 Minuten.

Im Video: Kinostarts der Woche: George Clooney hebt ab, ein verstorbener Krimiautor versetzt uns in Angst und Schrecken und Michael Douglas ist korrupt. Soweit die Kurzfassung der neuen Kinofilme dieser Woche.

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