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"Weathering With You" im Kino:Und nun zum Wetter

Filmstills

Licht am Ende des Tunnels: Das "Sonnenscheinmädchen" Hina (re.) kann für eine kurze Zeit an einem bestimmten Ort gutes Wetter herbeibeten.

(Foto: Verleih)
  • Seit seinem Überraschungserfolg "Your Name" von 2016 gilt Makoto Shinkai als neuer Star des japanischen Animationsfilms und möglicher Nachfolger von Großmeister Hayao Miyazaki.
  • Der Regisseur macht aus seinem Thema von "Weathering With You", dem Wetter, überwältigend schöne Bilder mit wunderbaren Lichtstimmungen.
  • Die Story des Films jedoch kann mit der Zeichenkunst nicht mithalten.

Im Kino sind die Bösewichte oft die interessanteren Figuren, man denke nur an den Joker oder Schneewittchens diabolische Stiefmutter. Die Guten dagegen sind oft so berechenbar wie ein stabiles Hochdruckgebiet über dem Atlantik.

Makoto Shinkais Anime "Weathering With You" ist der beste Beweis, dass schlechtes und launisches Wetter zwar aufs Gemüt schlagen kann, dafür aber verdammt spannend aussieht. Es tröpfelt, nieselt, gießt oder schüttet; einen so verregneten Sommer wie in Shinkais Animationsfilm hat es in Tokio seit Ewigkeiten nicht gegeben. Was dem Regisseur die Gelegenheit gibt, überwältigend schöne Bilder mit wunderbaren Lichtstimmungen zu kreieren. Mal drücken sintflutartiger Regen und eine Wolkendecke wie Blei die Menschen nieder. Regentropfen springen wie Fischlein über dem Asphalt oder leuchten wie Glasperlen in der Luft.

Dann knipst die Sonne plötzlich das Licht an, durchbricht gleißend das Himmelsgrau, um sich als flüssiges Gold im Fluss Sumida oder auf den Fassaden von Tokios Wolkenkratzern zu spiegeln. Der Himmel als Spektakel. Seit seinem Überraschungserfolg "Your Name" von 2016 gilt Makoto Shinkai als neuer Star des japanischen Animationsfilms und möglicher Nachfolger von Großmeister Hayao Miyazaki, der mit Filmen wie "Prinzessin Mononoke" oder "Chihiros Reise ins Zauberland" die künstlerischen Möglichkeiten von Anime neu definierte, Themen wie Umweltverschmutzung oder Kapitalismus in fantastischen Welten verhandelte.

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Die "Bad Boys" sind zurück, der Dauerregen erzeugt im Tokio des Anime-Shootingsstars Makoto Shinkai überwältigende Bilder und "1917" ist großes Actionkino mit Handlungslöchern.

Was die Zeichenkunst betrifft, kann Shinkai, Jahrgang 1973, durchaus mithalten, das zeigt schon die Überblendung gleich zu Beginn seines Films. Atemberaubend, wie das Panorama der verregneten Metropole Tokio in den traurigen Blick eines Mädchens hinter einer Fensterscheibe fließt, über die der Regen läuft wie ein Fluss von Tränen. Dass Innen und Außen visuell verschmelzen, passt zu einer Story, in der die Gefühle der Menschen und das Wetter miteinander verbunden sind, in der ein "Sonnenscheinmädchen" sogar die Gabe besitzt, gutes Wetter herbeizubeten.

Tokio versinkt in apokalyptischen Bildern. Für die Jugendlichen aber zählt einzig die Liebe

Dass es Menschen mit dieser Fähigkeit gibt, ist die fantastische Prämisse eines Films, der sich sonst um viel Realismus bemüht. Mit dem 16-jährigen Hodaka, der von seiner abgelegenen Heimatinsel abgehauen ist, kommt auch der Zuschauer nach Tokio und lernt die ernüchternden Seiten der Großstadt kennen. Sein Hotelzimmer ist eine winzige Schlafbox; im Rotlichtbezirk wird ein minderjähriges Mädchen für einen Sex-Club angeworben; bei einer digitalen Job-Börse kassiert Hodaka frustrierende Absagen. Mit viel Glück kommt der Ausreißer schließlich bei dem heruntergekommenen Journalisten Keisuke Suga in dessen Redaktionsbüro unter. Keisuke trinkt, hat deshalb das Sorgerecht für seine Tochter verloren, eine typische Noir-Figur, die gerade noch so durchgeht in einem Teenie-Film. Ein weiterer Zufall bringt Hodaka mit der etwa gleichaltrigen Hina zusammen, deren Mutter gestorben ist, die sich und ihren kleinen Bruder mit Aushilfsjobs durchbringt. Das Wetter im Film mit nur gelegentlichen Aufhellungen spiegelt den Schmerz dieser Figuren, die alle in zerrissenen Familien leben und sich kaum über Wasser halten können.

Klar, dass sich Hodaka in Hina verliebt - ob die saccharinsüße Lovestory im Westen ebenso begeistert wie in Japan, wo der Film im Sommer die Box-Office-Listen anführte, bleibt abzuwarten. Klar auch, dass Hinas Fähigkeit, gutes Wetter herbeizubeten, nicht lange verborgen bleibt. Weil die Jugendlichen Geld brauchen, bieten sie Hinas Gabe als "Sonnenscheinmädchen" im Internet an und finden reichlich Kundschaft. Alle sehnen sich nach Sonne; die Betreiber eines Flohmarktes; ein Paar, das sich gutes Wetter für den Hochzeitstag wünscht, auch Keisuke, der mit seiner asthmakranken Tochter in den Park gehen will. Aber natürlich hat Hinas Gabe auch einen Preis, der nichts mit Geld zu tun hat.

Der zweite Star des Films neben dem Wetter sind jedenfalls nicht die verliebten Kinder, sondern ist Tokio, das Shinkai als wurlige, vitale Metropole zeigt, faszinierend und nicht ungefährlich. Manche Stadtansichten sind realistisch wie Fotografie, Miniaturen von Straßen oder Vierteln, dazu gibt es weite Panoramablicke, die mit ihrer wetterbedingten Dramatik an alte Schlachtengemälde erinnern. Spätestens, wenn Shinkai ein Feuerwerk über Tokio abbrennt, das mit der Farbexplosion der Sonne konkurriert, die Hina pünktlich herbeizaubert, wird deutlich, dass "Weathering With You" auch eine Liebeserklärung an die Stadt ist.

Wie schon bei "Your Name" hat Shinkai einen seiner eigenen Romane verfilmt und auch selbst das Drehbuch geschrieben. Leider kann die Story mit der Zeichenkunst nicht mithalten, sie ist immer wieder recht löchrig und schlicht. Dem noch größeren Thema des Films aber, dem Klimawandel, für den Shinkai mit dem Dauerregen und der im Meer versinkenden Stadt Tokio eindrucksvolle apokalyptische Bilder findet, ist er als Autor nicht gewachsen. Klar müsste der Einzelne Opfer bringen, wenn die Welt gerettet werden soll, das sagen auch seine Teenager. Dass Tokio untergeht, ist am Ende aber doch ziemlich wurscht. Es ist einzig die Liebe, die zählt. Nicht nur jugendliche Fridays-for-Future-Aktivisten dürften das befremdlich finden.

Tenki no ko, Japan 2019 - Regie, Buch, Schnitt: Makoto Shinkai. Kamera: Ryôsuke Tsuda. Musik: Radwimps. Verleih: Universum, 114 Minuten.

© SZ vom 16.01.2020
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