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Kriegsepos "1917" im Kino:Im Niemandsland

1917

Der Lance Corporal Schofield (George MacKay) soll eine britische Kompanie von 1600 Mann vor einem Hinterhalt der Deutschen retten.

(Foto: Universal Pictures / DreamWorks)
  • Regisseur Sam Mendes schickt zwei Soldaten und die Zuschauer in einem Actionspektakel durch die Schützengräben des Ersten Weltkriegs - und das scheinbar ohne Schnitte.
  • Dabei nimmt "1917" im Dienste der Spannung und Ästhetik Handlungslöcher in Kauf und konterkariert so den eigenen immersiven Anspruch.

Dieser Film verdankt seine Existenz unter anderem der Tatsache, dass der Großvater des Regisseurs nur 1,62 Meter groß war. Der Brite Alfred H. Mendes kämpfte als Lance Corporal im Ersten Weltkrieg an der Westfront und wurde aufgrund seiner kleinen und unauffälligen Statur, die in Kriegszeiten eine Überlebensversicherung war, als Bote für Eilmeldungen rekrutiert. Von diesen Einsätzen durchs todbringende Niemandsland im kalten Morgennebel, um Nachrichten von Posten zu Posten zu bringen, hat er später leidenschaftlich berichtet. Wie er um sein Leben rannte, gerade noch einen Gasangriff überlebte. Erzählungen, die seinen Enkel, den Regisseur Sam Mendes, nachhaltig beeindruckt haben.

Mittlerweile ist der Großvater tot und der Enkel ein gefeierter Oscarpreisträger, der die aufregenden Geschichten des Opas gern im Kino erzählen wollte. Zuletzt hat Mendes die zwei James-Bond-Filme "Skyfall" (2012) und "Spectre" (2015) inszeniert, deren kommerzieller Erfolg wohl dazu beigetragen hat, dass er nun ein Blockbuster-Budget von 90 Millionen Dollar für einen Kriegsfilm bekommen hat. Denn dieses Genre finanzieren die Hollywood-Studios mittlerweile ungern, weil es dem Eskapismus widerspricht, den die amerikanische Filmindustrie im Superheldenwahn zu ihrem Fetisch erhoben hat. Da muss schon ein Regisseur wie Mendes anklopfen, der mit seinen teuren Kinoträumen auch kommerzielle Erwartungen erfüllen kann.

Den Kamera-Trick von "1917" hat der Regisseur bei seinem Bond-Film "Spectre" getestet

Dabei war die aufwendige Action-Maschinerie der Bond-Filme der ästhetische Ausgangspunkt für sein Weltkriegsepos "1917". Bereits die Eröffnungssequenz von "Spectre" hat Sam Mendes so inszeniert, als sei sie in einer einzigen, atemlosen Einstellung am Stück gedreht worden, wenn Bond zu Beginn am "Tag der Toten" durchs überfüllte Mexiko-Stadt drängelt, um einen Anschlag zu verhindern. Dieses Prinzip wendet Mendes auch in "1917" an - diesmal auf Spielfilmlänge. Natürlich wurde der Film nicht wirklich am Stück gedreht, aber er sieht so aus, als gäbe es keinen einzigen Schnitt, als würde die Kamera der Handlung ohne Unterbrechung folgen. Ein Trick, um die Zuschauer stärker ins Geschehen hineinzuziehen, wie ihn zum Beispiel auch schon Alejandro Iñárritu in "Birdman" angewendet hat.

Neben den technischen Hürden brachte diese Idee auch inhaltlich eine Herausforderung. Sie ergibt nur Sinn, wenn die Handlung ein möglichst atemloses Tempo hat. Nun hat aber der Erste Weltkrieg den dramaturgischen Nachteil, dass er ein Krieg des Stillstands war, gerade an der Westfront. Deutsche, Franzosen, Engländer kämpften in Frankreich zum Preis von Tausenden Soldatenleben teils nur um ein paar Meter Land, es ging im Schneckentempo vor und zurück, was einer der Gründe dafür ist, dass es viele Filme über den Zweiten, aber nur wenige über den Ersten Weltkrieg gibt.

Eine wahre Schützengrabenimmersion

Um das Tempo zu erhöhen, griffen der Regisseur und seine Co-Autorin Krysty Wilson-Cairns die Geschichte von Opa Mendes auf. Lose basierend auf dessen Erlebnissen als Front-Sprinter, erzählen sie die fiktive Geschichte der Soldaten Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman). Die beiden müssen am 6. April 1917 eine dringende Nachricht an eine andere britische Kompanie quer durch das Feindgebiet überbringen, denn die Deutschen wollen diese Kompanie in einen Hinterhalt locken. 1600 Menschenleben stehen auf dem Spiel, darunter das von Blakes Bruder. "Wenn ihr versagt", sagt kühl der General, der ihnen den Auftrag erteilt, "gibt es ein Massaker."

Die beiden werden losgeschickt, und mit ihnen der Zuschauer, der an ihrer Seite zwei Stunden lang durch Schlamm, Nebel, Wasser, Feuer und Stacheldraht gehetzt wird, während die Uhr tickt und es Bomben, Granaten, Kugeln hagelt.

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Auch der Preis für die beste Regie geht an das Werk von Sam Mendes. Quentin Tarantino räumt mit "Once Upon a Time in Hollywood" ebenfalls ab.

Wie Mendes und sein langjähriger Kameramann Roger Deakins das inszenieren, ist großes Actionkino. Auch der Cutter Lee Smith, der einen Film schneiden musste, der nicht so aussehen durfte, als käme ein einziger Schnitt darin vor, hat ganze Arbeit geleistet. "1917" ist eine extrem physische Erfahrung, man fühlt sich als Zuschauer, als bekäme man einen Stahlhelm aufgesetzt und müsse an der Seite der beiden Soldaten durch den kalten Schlamm robben. Kein Wunder, das der Film für zehn Oscars nominiert wurde. Neben den Hauptkategorien Bester Film und Regie auch in fast allen technischen Sparten, von den visuellen Effekten bis zum Toneffektschnitt. Hier greifen die Handwerkskünste der einzelnen Kinozünfte so perfekt ineinander wie selten - eine wahre Schützengrabenimmersion.

Ein Spiel aus Licht und Schatten, das dem Zuschauer den Schweiß ins Gesicht treibt - vorerst

Die eindrucksvollste Sequenz spielt in einer zerbombten Stadt, die von Deutschen besetzt wurde. Nachts muss die Depesche hier durchgeschmuggelt werden, während ein paar Straßen weiter die Feuer des Krieges brennen und die Ruinen immer wieder für Sekunden gespenstisch aufleuchten. Ein Spiel aus Licht und Schatten, das selbst den Meistern des expressionistischen Kinos die Schweißperlen auf die Stirn getrieben hätte. Einerseits.

Andererseits werfen einige Stationen dieser Abenteuerreise die Frage auf, ob die Filmemacher über der Form ein bisschen das Interesse am Inhalt verloren haben. Da gibt es zum Beispiel eine Szene, in welcher der Soldat Schofield im Keller eines zerstörten Hauses auf eine junge Französin trifft. Diese hat ein Neugeborenes bei sich, das seine Eltern verloren hat, und nun sucht sie in den Wirren des Krieges nach Milch für das Baby. Wie es der dramaturgische Zufall will, hat Lance Corporal Schofield in seiner Feldflasche genau diese Milch zu bieten, die er ein paar Szenen zuvor frisch von einer Kuh gezapft hat. Diese Szene ist dermaßen kitschig, dass man sich wirklich wundert, warum die Verantwortlichen sich beim Schreiben nicht in Grund und Boden geschämt und sie aus ihrem Drehbuchverarbeitungsprogramm gelöscht haben.

Störender für den immersiven Anspruch des Films sind aber andere inhaltliche Entscheidungen. Es gibt einige Szenen, die zwar der Logik der einzelnen Einstellung dienen, dafür aber auf normalmenschlicher Ebene vollkommen unlogisch sind. Zum Beispiel rennt Schofield in ein besetztes Haus, um einen deutschen Scharfschützen auszuschalten. In Wirklichkeit hätte sich jeder Bote mit einer dringenden Nachricht einfach ein paar Bäume weiter um das Haus herumgeschlichen. Die Idee, den Zuschauer durch eine Einstellung möglichst wirklichkeitsgetreu ins Kriegsgeschehen zu schubsen, führt die Filmemacher dazu, zugunsten ihrer Spannungsästhetik Löcher in die Handlung zu reißen - und ihren ursprünglichen Realitätsanspruch komplett zu unterlaufen.

1917, GB/USA 2019 - Regie: Sam Mendes. Buch: Krysty Wilson-Cairns, Sam Mendes. Mit: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Colin Firth, Benedict Cumberbatch. Universal, 119 Minuten.

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