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Verena Keßlers Debüt "Die Gespenster von Demmin":Stille Wasser

Verena Keßler, geboren 1988, ist Werbetexterin und seit ihrem Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig freie Autorin.

(Foto: Michael Bader)

Verena Keßler erzählt in ihrem Debütroman "Die Gespenster von Demmin" von einer deutschen Erinnerungslandschaft, in der die Zeitzeugen verschwinden.

Von Nicolas Freund

Am Wasser, an Gezeiten, an schmelzenden Gletschern lässt sich das Vergehen der Zeit ablesen. Wasser taktet die verstreichende Zeit, was in dieser Zeit geschieht, verrät das Wasser aber nicht. Selbst Tausende Tote hinterlassen im Wasser keine Spuren, zumindest keine sichtbaren.

In Verena Keßlers Debütroman lebt die 15 Jahre alte Larry in der kleinen Stadt Demmin in Norddeutschland, die unter anderem deshalb bekannt ist, weil dort im Frühjahr 1945 beim Einmarsch der Roten Armee mehr als tausend Menschen aus Angst vor den Soldaten kollektiven Suizid begingen. Die meisten von ihnen gingen in die Flüssen Tollense und Peene. Ein Denkmal auf dem Friedhof, wo Larry neben der Schule jobbt, erinnert an die Toten. Die Stadt, die im Krieg fast vollständig zerstört wurde, ist heute, in der nur vage bestimmten Gegenwart des Romans, eine andere, aber eine diffuse Trauer scheint noch wie ein Schleier über allem zu hängen.

Das spürt Larry, die eigentlich Larissa heißt, aber nur von ihrer Mutter so genannt wird: "Wer ist in dieser Stadt schon glücklich", fragt sie sich, als ihr Sportlehrer sie fragt, ob sie alle unglücklich machen wolle, weil sie einen Rückwärtssalto von der Sprossenwand gemacht hat. Larry übt solche Sachen, am liebsten hängt sie kopfüber in der Kälte von Bäumen herab, obwohl das natürlich sehr schnell sehr unangenehm wird: "Klar, ist ja auch eine Foltermethode. Und genau deshalb muss ich das üben. Ist nämlich gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass ich in meinem Leben irgendwann gefoltert werde." Dieser vorlaute Ton der jungen Schülerin ist ein gut gesetzter Kontrast zu den finsteren Themen, die hier den Alltag zwischen Schule, Supermarktbesuch und Streit mit den Eltern bestimmen.

Larry möchte nämlich Kriegsreporterin werden, warum, kann sie nicht genau sagen, aber sie bereitet sich schon darauf vor. Ihre Faszination für Morbides hat aber auch zu tun mit dem Aufwachsen in einer langweiligen Kleinstadt, die so tut, als hätte sie keine Geschichte. Etwas stimmt nicht, und Larry merkt das. Der Roman bleibt hier vage, aber vermutlich spürt Larry in Demmin, wo nur zwei Generationen zuvor ein großer Teil der Bevölkerung den Tod suchte, den Drang, alles festzuhalten, was sonst nicht dokumentiert werden würde.

Zwischen den Generationen gibt es eine merkwürdige Barriere

Mit dem interessanten Timo übt Larry sonntags im Keller der Schule heimlich Waterboarding, und spätestens bei dieser Szene wird klar, dass es für Larry beim Ausleben ihrer Faszination für Grausamkeiten aller Art auch um eine Kompensation geht. Es sind Ersatzhandlungen für Gefühle, die sie sich noch nicht erschlossen hat. Der Teenager wiederholt die Unsicherheit eines Umgangs mit Geschichte, mit Verbrechen und Grausamkeiten, die nicht verarbeitet werden können, weil sie auch nicht richtig erinnert werden. Ein Topos der deutschen Erinnerungslandschaft: Man muss schon wissen, was in der Peene passiert ist. Der Fluss selbst erzählt es einem nicht. Und wenn sich niemand erinnert, dann ist es, als wäre es nicht geschehen.

In dem Roman in munterem Plauderton gibt es nur noch eine Figur, die sich erinnert: Larrys Nachbarin. Sie war dabei, als ihre Freunde und Nachbarn in den Fluss gingen: "Jahrelang waren sie weg, jetzt kommen sie wieder, immer häufiger, rauschen vorbei, die Leichen im Fluss." Die Kapitel über diese Frau sind im Gegensatz zu Larrys Passagen in der dritten Person erzählt und kontrastieren mit dem Comig-of-Age-Ton der Teenagerin. Sie denkt bei Menschen, die in Bäumen hängen, an etwas anderes als Larry. Leider gibt ihr der Roman nicht viel Raum, sie dient vor allem als erzählerischer Anker für die historischen Exkurse zum Ende des Krieges. Auf der Handlungsebene findet keine Interaktion der beiden statt, außer flüchtiger Kenntnisnahme.

Verena Kessler: Die Gespenster von Demmin. Roman. Hanser Berlin, 2020. 239 Seiten, 22 Euro.

Eine interessante Entscheidung, eine solche Barriere zwischen den Generationen zu ziehen. Larry erarbeitet sich selbständig die Erinnerung an das, was in Demmin passiert ist. Sie möchte es wissen und hätte auch einfach ihre Nachbarin fragen können. Dass sie es sich auch selbst aneignen kann, ist ein zentrales Argument des Romans gegen alternative Fakten und die Forderung nach einem Ende der Erinnerungskultur. Gerade die wichtige Figur der Zeitzeugin degradiert der Roman so aber zu einer Art Stichwortgeberin, verschärft durch eine etwas klischeehafte Darstellung der alten Frau mit schmerzendem Rücken und austauschbaren Konflikten.

Ein versehrter syrischer Flüchtling, der kurz auftritt, wirkt ähnlich herbeibemüht, obwohl er vermutlich eine viel größere Geschichte mit sich trägt, die der Roman nur andeutet. Auch das ist eine gute Geste, die aber vor allem als Idee funktioniert: Der Leser kann sich Geschichten wie die des Flüchtlings natürlich selbst erarbeiten. Zum Beispiel, indem er einfach fragt. In der Erzählung wirken diese nicht weiterverfolgten Spuren trotzdem manchmal frustrierend.

In seinem Jugendbuchton spricht der Roman trotz loser Enden ganz leise, Themen wie Tod, NS-Verbrechen, Schuld, vergehende Zeit und Generationenkonflikte auf emotionaler Ebene an, setzt sie in Beziehung, ohne zu relativieren oder sich in Befindlichkeiten zu verlieren. "Die Gespenster von Demmin" halten fest, was sonst einfach im Strom verschwinden würde.

© SZ/masc
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