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Klassikkolumne:Wortetraumwandlerin

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Ein Konzert über die Lotus-Blüte, ein durchgekneteter Brahms und Rezitationen von Jutta Lampe: Neues vom Klassikmarkt.

Von Wolfgang Schreiber

Toshio Hosokawa, der derzeit erfolgreichste Komponist Japans, ließ sich zu seinem Klavierkonzert durch Wolfgang A. Mozart inspirieren. Die Uraufführung 2006 mit dem Mito Chamber Orchestra unter Seiji Ozawa spielte die Pianistin Momo Kodama, der das Stück gewidmet ist. Mozarts unstillbarer Drang nach Austausch, Konversation, Dialog und Spannung im A-Dur-Klavierkonzert KV 488 entfacht den empfindsamen Intellekt der Pianistin und die feine Achtsamkeit des Dirigenten. "Lotus under the moonlight" nannte Hosokawa, dezidiert romantisch, sein Konzert, das er aus dem elegischen fis-Moll-Adagio des Mozart-Konzerts heraushörte. Die Lotus-Blüte sei "die am höchsten geschätzte Blume in der buddhistischen Welt", sagt Hosokawa und komponierte eine lichte Musik, die die Mozart-Farben gläsern umspielt und verdichtet (ECM).

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Dirigenten von einst und ihre Orchester haben Zulauf, die Archive quellen über von betagtem Material, die CD-Boxen werden dick und dicker. Der gebürtige Pole Artur Rodzinski (1892-1958) konnte als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra ab 1943 zeigen, was die 16-teilige Box bestätigt - dass er, der Schüler Franz Schrekers, Symphonien von Brahms, Tschaikowsky und Prokofjew, von Rachmaninow und Sibelius mit den New Yorkern notenperfekt und inspiriert zu durchdringen verstand. Genauso brillante Stücke von Rossini und Liszt oder Ibert, Satie und Gershwin. Die Schellack-Aufnahmen, fast alle sind in der New Yorker Carnegie Hall während der Vierzigerjahre entstanden, klingen erstaunlich frisch. Der Höhepunkt ist der komplette dritte Aufzug von Richard Wagners "Walküre" mit dem großartigen Brünnhilde-Wotan-Paar der Met, Helen Traubel und Herbert Janssen. Dazu Ausschnitte aus "Lohengrin" und dem "Tristan". Artur Rodzinski war Stokowskis und Toscaninis Assistent gewesen, als streitbarer Chefdirigent blieb er nur vier Jahre in New York. Immerhin mit Weitsicht: Den blutjungen Leonard Bernstein machte er zu seinem Assistenten (Sony).

Große Orchesterkunst kann sich manchmal ganz klein machen, ohne dabei ihre Dimension einzubüßen. Johannes Brahms selbst war es, der seine Dritte Symphonie für zwei Klaviere bearbeitete. Daraus entstand die Fassung von Andreas N. Tarkmann, die das Notos Quartett - Violine, Viola, Violoncello, Klavier - jetzt mit Passion und Feuer durchknetet. Im Klangvordergrund freilich die Pranke, die der Pianist Brahms besaß: Sie rückt den Streichern massiv nahe, ohne dabei die Herbheit und Innigkeit in vier Sätzen aufzukündigen. Statt in symphonischer Breite erscheinen die musikalischen Gedanken in scharfen, sogar polternden Konturen. Das Klavierquartett g-Moll op. 25 ist dazu eine Art Saft- und Kraftvorspiel (Sony).

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Die fällige Umkehrung dazu heißt: Aus dem Symphonischen drängen Musiker in die Kammermusik. Sie weiten so ihr künstlerisches Weltbild, sie steigern die solistische Potenz. Der Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker Martin Löhr hat mit seiner Kollegin, der Solo-Harfenistin Marie-Pierre Langlamet, ein gemeinsames Projekt ins Leben gerufen. Sie stemmen dabei keine Schwergewichte des Repertoires, lassen aber ausdrucksstarke, teils wenig bekannte Miniaturen von Robert Schumann und Gabriel Fauré poetisch funkeln. Für das nobel singende Violoncello wird der sanfte Ton der Harfe zur stimmigen Begleitung (Indesens / Klassik Center).

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Ein sehr anderes Duo-Arrangement stellt eine vom Klavier begleitete Prosalesung vor, es ist die letzte der im Dezember verstorbenen Schauspielerin Jutta Lampe, von vielen verehrt als Königin der Berliner Schaubühne. Ulrich Eckhardt, der frühere Intendant der Berliner Festspiele, auch Pianist, hatte sie zu der Lesung im April 2011 in die Jesus-Christus-Kirche zu Berlin-Dahlem eingeladen. Jetzt erst entschloss er sich zur Veröffentlichung dieses Abends. Jutta Lampe rezitiert, an der Schwelle ihrer Demenz-Krankheit, eine Auswahl der Gedichte Michelangelos, Eckhardt fügt da hinein kurze Stücke aus dem Zyklus "Musica callada" des katalanischen Komponisten Frederic Mompou. Eine eigentümliche Faszination entsteht: Die Wortetraumwandlerin Jutta Lampe erweckt die tiefe Gedankenlyrik des Renaissancekünstlers zum Leben, an ihre Rhythmen schmiegen sich die minimalistischen Klangfiguren Mompous an, vollenden den Zauber: "Es weicht die Ursache der Wirkung / wenn von Kunst besiegt wird die Natur" (Note & Ton).

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Jutta Lampe

© SZ/RJB/khil
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