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Hauptstadt des Jemen:Report aus einer zerfallenden Welt

(200807) -- SANAA, Aug. 7, 2020 (Xinhua) -- Workers inspect the ruins of a historic building after it collapsed due to d

Inspektion eines der vielen, nach harten Regenfällen kollabierten Häuser im jemenitischen Sanaa in diesem Sommer.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die frühen islamischen Bauten von Sanaa leiden unter Klimawandel und Krieg. Das Welterbe könnte unwiederbringlich verloren gehen.

Von Paul-Anton Krüger

Wenn Maged Tameh an seinem Haus in der historischen Altstadt von Sanaa, der Hauptstadt Jemens, hinaufblickt, schaut er direkt in sein früheres Schlafzimmer. Zwei Nischen in der weiß getünchten Wand, davor stand das Bett. Die Holzbalken, weiß verspachtelt, darüber Reisig, das die Decken Jahrhunderte lang getragen hatte. Doch im August hat die Fassade nachgegeben, die tragende Mauer stürzte in die Straße vor dem Haus.

Das Unheil hatte sich lange angekündigt, berichtet Maged Tameh. Der Regen hat das Haus dann letztlich zum Einsturz gebracht. Wasser tropfte von der Decke, quoll aus den Ritzen. Er hat seine Familie in Sicherheit bringen können und das Hab und Gut, das ihnen geblieben ist. Ein paar Möbel, Kochgeschirr, Kleidung. Doch das Haus, in dem er geboren wurde, wie schon sein Vater und davor dessen Vater, es ist zerstört. Ob er es je wieder aufbauen kann, weiß Maged Tameh nicht. Wochen nach dem Unglück liegt ein Haufen aus Lehm und Ziegeln noch immer auf der Straße, dazwischen Plastikplanen, mit denen er vergeblich versucht hatte, den drohenden Kollaps doch noch zu verhindern.

Die lebkuchenbraunen Turmhäuser aus Lehm mit den charakteristischen weißen Ornamenten in der Stadt haben die Jahrhunderte überdauert. Doch die verheerende Kombination aus Klimawandel und Krieg könnten das seit 1986 als Weltkulturerbe eingestufte Ensemble von 6 000 Gebäuden unwiederbringlich zerstören, ein einmaliges Juwel früher islamischer Architektur.

Die heftigsten Regenfälle seit Jahrzehnten haben im Juli und August vier Häuser komplett zerstört, wie Aqeel Saleh Nasari der Süddeutschen Zeitung sagt, er ist Vertreter der Allgemeinen Organisation für die Erhaltung der historischen Städte Jemens (GOPHCY). Bei mehr als 100 seien die Dächer teilweise oder ganz eingebrochen. Bei 251 Häusern müsse schnell eingegriffen und renoviert werden, um zu verhindern, dass sie bei weiteren Gewitterstürmen oder spätestens in der nächsten Regenzeit zusammenbrechen. Bei 5 000 der Häuser seien die Dächer undicht - was oft den Beginn des Verfalls markiert.

Den gestampften Lehm der bis zu 1000 Jahre alten Häuser weichen die Fluten nun auf

Der Klimawandel verschärft in der Republik Jemen wie auch in anderen Ländern auf der arabischen Halbinsel die Wetterextreme. Mehr als 170 Menschen sind landesweit durch Überflutungen in diesem Sommer gestorben, Tausende wurden obdachlos. Sanaa, in einem Talkessel auf 2 200 Metern Höhe gelegen, bekommt wegen der nahegelegenen Berge, die auf bis auf 3 600 Meter ansteigen, schon immer in der Regenzeit reichlich Niederschlag ab, ein Segen in dem Land, das unter akutem Wassermangel leidet. Seit Jahren aber ergießen sich immer stärkere Gewitter über die Hauptstadt, was regelmäßig zu Überflutungen führt. Den gestampften Lehm der bis zu 1 000 Jahre alten Häuser weichen die Fluten auf. In den engen Gassen der Altstadt stand das Wasser knietief, was die Fundamente der Häuser ins Rutschen bringt. Risse in den Wänden sind bei mehr als 1 000 der zumeist als Wohnhäuser genützten Türme Zeichen unverkennbares Anzeichen statischer Probleme.

Bei vier von fünf Häusern sind die Fundamente ohnehin schadhaft, weil ihnen Feuchtigkeit, Salz, Mikroorganismen zu schaffen machen. "Irgendwann stürzen sie einfach unter ihrem eigenen Gewicht ein", sagte der damalige Generalkonservator der Altstadt, Naji Thowabeh, der SZ schon vor fünf Jahren. "Und wenn eines fällt, dann sind die anderen auch nicht mehr stabil." Denn die Häuser sind in vielen der Sträßchen dicht an dicht gebaut.

Dazu kommt der Krieg. Die Raketen und Bomben der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition haben zwar nur selten direkt die Altstadt getroffen. Die Druckwellen der Detonationen in den nahegelegenen Bergen, wo die aufständischen Huthi-Milizen verbunkerte Stützpunkte der Armee übernommen haben, ließen aber die Altstadt beben, rissen Fenster aus den Rahmen. Gerade erst haben die Huthis Raketen auf Ziele in Saudi-Arabien gefeuert, nach Monaten der Ruhe warfen dann Jets wieder Bomben über Sanaa ab.

Der nun seit mehr als sechs Jahren andauernde Konflikt hat aber eine noch viel gravierendere Folge: Die Häuser gehören in ihrer ganz großen Mehrheit alteingesessenen Familien. Zwar fanden manche moderne Betongebäude praktischer und zogen weg. Die meisten Bewohner aber pflegten die jahrhundertealten Bauwerke mit Stolz, betrachteten sie gleichermaßen als Familienerbe wie auch als Zeugnis jemenitischer Kultur. Doch den meisten ist längst das Geld ausgegangen, um die nötigen Reparaturen zu machen. Sie haben ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren, und viele haben auch ihr gesamtes Vermögen aufgebraucht. Kundige Handwerker sind immer schwerer zu finden. Und vom Staat, zumal der von den Huthis geführten, international nicht anerkannten Regierung, haben die Menschen nichts zu erwarten.

Einer der Bewohner der Altstadt sagte: "Die Regierung hat nicht mal das Geld für die Gehälter, wie soll sie dann für die Reparatur der Häuser zahlen?" Die Hilfsorganisationen haben nicht einmal genug Geld für die Lebensmittelhilfe, auf die mehr als 20 Millionen Jemeniten zum Überleben angewiesen sind. Dazu kommen steigende Preise. Einige Geschäftsleute sammeln Spenden für Plastikplanen, um zumindest einige der Dächer abzudecken und die Schäden durch den Regen zu begrenzen.

Den meisten Hausbesitzern ist längst das Geld ausgegangen, die nötigen Reparaturen zu besorgen

Aqeel Saleh Nasari von der Denkmalbehörde appelliert an die Unesco, schnell einzugreifen und die Altstadt zu bewahren. Er hofft auch, dass die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nach Sanaa zurückkehrt, wo sie früher Projekte zum Erhalt der Altstadt betrieben und finanziert hat. In Zabid und in Shibam Hadramaut gebe es noch Projekte, die von Deutschland unterstützt würden. Was er nicht sagt: Die Zusammenarbeit mit den Huthis ist für internationale Organisationen extrem schwierig. Zum einen sind sie verpflichtet mit der international anerkannten Regierung von Präsident Abd Rabbo Masur Hadi zusammen zu arbeiten, die sich großteils in Riad im Exil befindet. Zum anderen wollen die Huthis bei der Verteilung von Geldern mitbestimmen, behindern Hilfsorganisationen bei ihrer Arbeit. Auch haben sie viele Experten aus der Regierung durch eigene Leute ersetzt, die politisch linientreu sind. Bewohner der Altstadt berichten von Korruption, das Geld versickere und werde abgezweigt.

Maged Tameh kann es sich nicht leisten, das Haus wieder aufzubauen. Er will so viel wie möglich retten von dem Baumaterial. Einige historisch besonders wertvolle Häuser sind originalgetreu wieder aufgebaut worden, darunter eines, dass bei einem saudischen Luftangriff zerstört worden war. Doch solange der Krieg tobt und die Regenfälle andauern, ist daran nicht zu denken. Normalerweise endet die Regenzeit Ende September. Aber normal ist im Jemen schon seit Jahren nichts mehr.

© SZ vom 22.09.2020
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