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Japan: Kunst und Katastrophe:Die Angst der Unversehrten

Shohei Imamura hat "Schwarzer Regen" 1989 verfilmt. Auf beklemmende Weise wird in Film und Buch auch ein anderes Thema in den Blick gerückt, nämlich der schwierige Umgang der übrigen Gesellschaft mit den Überlebenden der Katastrophe. Die Opfer leiden nicht nur an den gesundheitlichen, sondern auch an sozialen Spätfolgen der atomaren Verstrahlung. Die Familie der in den schwarzen Regen geratenen jungen Yasuko (die später an der Strahlenkrankheit sterben wird) versucht vergeblich, über eine Heiratsagentur einen Ehemann für sie zu finden. Zu groß ist die Angst der Unversehrten vor dem Kontakt mit den verstrahlten Menschen. Den Überlebenden, denen die Ärzte körperliche Arbeit verboten haben und die nun ihre Tage mit Angeln an einem Karpfenteich verbringen, wird aus der Dorfgemeinschaft böse hinterhergezischt, so bequem wie die wolle man es auch einmal haben.

Das Unverständnis, das den Hunderttausenden Hibakusha, den "Explosionsopfern", wie die Überlebenden der Atombomben auf Japanisch genannt werden, entgegenschlug, und die soziale Isolation, in die sie von ihren Mitmenschen - sei es aus Angst oder aus Unwissenheit - zuweilen getrieben wurden, illustrieren die Kehrseite der so oft betonten großen Homogenität der japanischen Gesellschaft - die Opfer sterben durch ihre kollektive Exklusion den sozialen Tod. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg war es für Menschen aus den Gegenden von Hiroshima und Nagasaki oft schwer, in anderen Regionen des Landes Arbeit, geschweige denn Ehepartner zu finden. Andererseits wird man erkennen müssen, dass die Diskrepanz zwischen offiziell bekundeter Anteilnahme und privater Ausgrenzung nichts genuin Japanisches ist. In Deutschland mussten die Ausgebombten und Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs oft genug ganz ähnliche Erfahrungen machen.

1955 drehte Kurosawa mit "Ein Leben in Furcht" den einzigen Film, der sich direkt mit der Angst vor dem Atomkrieg auseinandersetzte. Er wurde bald darauf zu einem Meister der Abstraktion, mit der sich die japanische Kultur oftmals mit ihren Ängsten und Traumata auseinandersetzt. Viele dieser Auseinandersetzungen mit den Verheerungen des Weltkriegs und der existenziellen Verunsicherung der Nachkriegszeit wurden in eine andere Epoche verlegt, etwa in die mehr als hundert Bürgerkriegsjahre der späten Muromachi-Zeit der Samurai im 14. bis 16. Jahrhundert.

Im Lauf der Jahrzehnte wurde in der Kunst die Vergangenheitsbewältigung immer häufiger von Zukunftsvisionen abgelöst. Der Science-Fiction-Autor Sakyo Komatsu beschrieb in seinem 1973 erschienenen Buch "Japan sinkt", wie eine Serie von Erdbeben und Tsunamis die japanische Landmasse zerreißt und im Ozean versinken lässt. Als einzige Rettungsmöglichkeit bleibt der Regierung die Umsiedlung der Bevölkerung und ihre Verteilung in verschiedenen Ländern der Erde. Einen großen Teil seiner Dramatik bezieht das Buch aus der Frage, welche Folge das Zerreißen der Nation für die japanische Identität haben würde. Da griff er eine andere Frage auf, die in so vielen Werken eine Rolle spielte - wie gerade die japanische Nation, die sich doch stark als Großfamilie begreift, mit der Katastrophe umgeht.

Natürlich ist die japanische Nachkriegskultur zu komplex, zu heterogen und für Europäer zu schwer nachzuvollziehen, als dass man sie in einem Zeitungstext gültig entschlüsseln könnte. Sucht man allerdings nach einem halbwegs verständlichen Kondensat, stößt man unweigerlich auf Takashi Murakami. Der Tokioter Maler und Bildhauer hat es meisterhaft verstanden, zwei Hauptströmungen der japanischen Massenkulturen in einen Kontext zu stellen, der sie vom Ballast der Konsumkultur befreit. Gerade in der Comic- und Spielzeugindustrie, um die sich in Japan eine ganz eigene Popkultur gebildet hat, spiegelt sich ja die kollektive Psyche in immer weiteren Facetten. Da sind zum einen die sogenannten Otaku-Welten, fast endlos epische Science-Fiction-Sagen, zu denen es Comics, Zeichentrickfilme, Spiele und Spielzeug gibt und deren leidenschaftliche Fans sich in den jeweiligen Universen verlieren können.

Und dann ist da die Kawaii-Kultur der überniedlichen Figuren, man denke an das Kätzchen aus "Hello Kitty". Die Otaku- und die Kawaii-Figuren begleiteten die Flucht der Nachgeborenen in eine Konsumgesellschaft. In diesen Zusammenhang gehören auch die kulleräugigen Mangafiguren, die für viele Interpreten Zeichen der Infantilisierung einer Gesellschaft unter der Besatzungszeit darstellen. Nur selten findet sich da eine so direkte Auseinandersetzung mit dem Trauma, wie in der Manga-Serie "Barfuß durch Hiroshima" des Atomschlag-Überlebenden Keiji Nakazawa.

In Murakamis Bildern und Skulpturen verbinden sich die Otaku-Welten und die Kindchenschemata der Kawaii-Figuren zu einem Destillat, das die jeweilige Formensprache auf ihren Kern reduziert. Im Westen ist er umstritten. Weil die Elemente so ansprechend wirken. Weil er Auftragsarbeiten für den Modekonzern Louis Vuitton und den Rap-Star Kanye West angefertigt hat. Weil sich die Ebenen seiner Abstraktion und die untergründigen Botschaften seiner Werke nur einem Betrachter erschließen können, der mit der extremen Farben- und Formenwelt der japanischen Spielzeug- und Konsumkultur aufgewachsen ist.

Murakami ist aber nicht nur ein Weltstar der Kunst, sondern vor allem der Kopf einer neuen Künstlergeneration, die sich in den neunziger Jahren aufgemacht hat, all die sublimierten Traumata und gesellschaftlichen Tabus der japanischen Kultur aufzubrechen und wieder beim Namen zu nennen. Wenn Murakami den Atompilz als Märchenfigur abbildet, dann ist das weder die Verniedlichung des Grauens noch die Persiflage der Niedlichkeitskultur. Es ist die Befreiung aus dem Verdrängungsmechanismus einer Kultur, die das Grauen und die Ohnmacht in Popbilder sublimiert hat.

Dieses Leitmotiv findet sich in Yoshitomos grimmigen Mädchen, in Chiho Aoshimas comicbunten Pastoralen der Apokalypse und in Aya Takanos Nymphengestalten. Es ist die wiederholte Beschäftigung mit einem Trauma, das so oft gedreht und gewendet wurde, bis es sich in nahezu jeder kulturellen Nische wiederfand. Selten sind die Bilder so direkt wie in der Traumsequenz "Fujiyama in rot". Die Epizentren der Atomschläge nannte man Ground Zero. Das Beben ist eine neue Stunde null.

© SZ vom 15.03.2011/kar
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