Süddeutsche Zeitung

Japan: Kunst und Katastrophe:Visitenkarten des Todes

Der Zweite Weltkrieg und die Atombombenabwürfe haben sich den Japanern als kollektive Nahtod-Erfahrung ins Gedächtnis eingebrannt. Die Angst vor der nuklearen Katastrophe wurde zum Hauptmotiv der japanischen Nachkriegskultur.

N. Hofmann und A. Kreye

In der Traumsequenz "Fujiyama in Rot" gegen Ende von Akira Kurosawas Episodenfilm "Träume" starrt eine panische Menge voller Angst auf den Berg Fuji, hinter dem vor tiefrotem Himmel Flammenwolken aufsteigen. "Ist der Fuji ausgebrochen?", ruft ein junger Mann. "Wie furchtbar." Doch eine Mutter mit zwei kleinen Kindern berichtigt ihn: "Viel schlimmer! Wissen Sie denn nicht, dass das Kernkraftwerk explodiert ist?" Als die Menge in Panik gerät, ruft ein Herr im Anzug: "Japan ist zu klein. Es gibt kein Entkommen."

Ihre gemeinsame Flucht endet an einer Klippe am Meer. Dort aber wird das Grauen sichtbar: Die Strahlen leuchten als giftige Farbschwaden, die nun übers Land ziehen. Plutonium ist rot, Strontium gelb, Cäsium lila - das seien die Visitenkarten des Todes, sagt der Herr im Anzug. "Sogar die Delfine fliehen." - "Gückliche Delfine", sagt die Mutter. Doch er antwortet: "Es wird nichts nutzen. Die Radioaktivität wird sie kriegen."

Die acht Episoden des Films aus dem Jahr 1990 beruhten auf wahren Träumen des Regisseurs Kurosawa. Kritiker warfen ihm vor, sie seien zu schlicht, zu plump für das Alterswerk eines solchen Meisters. Und doch wirkt gerade "Fujiyama in Rot" angesichts der durch das Erdbeben und den anschließenden Tsunami verursachten Katastrophe von Fukushima auf unheimliche Art prophetisch. Gerade weil die siebeneinhalb Minuten so besonders deutlich sind. Eine filmhistorische Ironie ist außerdem, dass Kurosawa diese Sequenz nicht selbst drehte, sondern seinen ehemaligen Assistenten Ishiro Honda Regie führen ließ. Honda hatte 1954 mit der Riesenechse Godzilla genau jenes Filmwesen erfunden, das im Rest der Welt als Paradebeispiel für die kollektive Angst vor der nuklearen Katastrophe steht, die sich als roter Faden durch die japanische Nachkriegskultur zieht.

Das Motiv der apokalyptischen Endzeit, in der nicht nur alle Infrastruktur und staatliche Gewalt vernichtet sind, sondern auch alle Grundregeln des Lebens außer Kraft gesetzt werden, ist in sämtlichen Kunstgattungen der japanischen Nachkriegskultur omnipräsent. Das geht von der Literatur über den Film und die Manga-Comics bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Die Wurzel dieses Motivs ist zweifellos die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Damit sind nicht nur die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gemeint. Ähnlich erschütternd wirkten auch die zerstörerischen Brandbombenangriffe auf Metropolen wie Tokio, das im März 1945 nahezu vollständig niedergebrannt wurde, und schließlich die als schockartig empfundene Kapitulation, die den Zusammenbruch des Tenno-Staats bedeutete.

In einer Radioansprache forderte Kaiser Hirohito am 15. August 1945 seine Untertanen, die seine Stimme zuvor nie vernommen hatten, auf, nun das "Untragbare zu ertragen" und die Niederlage zu akzeptieren. Dabei darf man nicht vergessen, dass die hypernationalistische Propaganda zuvor stets eine Kapitulation kategorisch ausgeschlossen hatte, so dass nicht nur die extremistischsten Generäle im Militär für den Fall einer Invasion einen Kampf des japanischen Volks bis zum sicheren Ende erwarteten.

In seinen Lebenserinnerungen schildert Akira Kurosawa, wie er sich an jenem Tag mit einem Kollegen auf den Weg ins Studio machte, um dort die angekündigte Ansprache zu hören, und wie er auf dem Weg dorthin die Ladenbesitzer und Handwerker in ihren Geschäften sitzen sah, manche von ihnen schon mit dem Messer in der Hand, um der erwarteten Aufforderung zum kollektiven Selbstmord Folge zu leisten. Selbst der nicht sonderlich fanatisierte Kurosawa wollte sich umbringen, war aber entschlossen, vor dem Seppuku noch die Beamten der Filmzensurbehörde zu erschlagen.

Obwohl sich der Krieg als kollektive Nahtoderfahrung eingebrannt hat, wurde dieses Trauma allerdings nur selten direkt thematisiert. Das Buch "Schwarzer Regen" von Masuji Ibuse, 1965 erschienen, war eines der wenigen Werke der Hochliteratur, das sich unverschlüsselt mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und seinen katastrophalen Folgen beschäftigt hat. Beruhend auf Tagebuchaufzeichnungen von Überlebenden schildert Ibuse, der aus der Nähe von Hiroshima stammt, aber den Bombenabwurf nicht selbst miterlebte, in aller Drastik den grauenhaften Irrzug einiger Überlebender durch die brennenden Trümmer ihrer Stadt. Und er berichtet auch von denen, die erst glaubten, glimpflich davongekommen zu sein, die dann aber in den Schwarzen Regen geraten, den radioaktiven Niederschlag des atomaren Fallouts, der sie zu Opfern der Strahlenkrankheit machen wird.

Die Angst der Unversehrten

Shohei Imamura hat "Schwarzer Regen" 1989 verfilmt. Auf beklemmende Weise wird in Film und Buch auch ein anderes Thema in den Blick gerückt, nämlich der schwierige Umgang der übrigen Gesellschaft mit den Überlebenden der Katastrophe. Die Opfer leiden nicht nur an den gesundheitlichen, sondern auch an sozialen Spätfolgen der atomaren Verstrahlung. Die Familie der in den schwarzen Regen geratenen jungen Yasuko (die später an der Strahlenkrankheit sterben wird) versucht vergeblich, über eine Heiratsagentur einen Ehemann für sie zu finden. Zu groß ist die Angst der Unversehrten vor dem Kontakt mit den verstrahlten Menschen. Den Überlebenden, denen die Ärzte körperliche Arbeit verboten haben und die nun ihre Tage mit Angeln an einem Karpfenteich verbringen, wird aus der Dorfgemeinschaft böse hinterhergezischt, so bequem wie die wolle man es auch einmal haben.

Das Unverständnis, das den Hunderttausenden Hibakusha, den "Explosionsopfern", wie die Überlebenden der Atombomben auf Japanisch genannt werden, entgegenschlug, und die soziale Isolation, in die sie von ihren Mitmenschen - sei es aus Angst oder aus Unwissenheit - zuweilen getrieben wurden, illustrieren die Kehrseite der so oft betonten großen Homogenität der japanischen Gesellschaft - die Opfer sterben durch ihre kollektive Exklusion den sozialen Tod. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg war es für Menschen aus den Gegenden von Hiroshima und Nagasaki oft schwer, in anderen Regionen des Landes Arbeit, geschweige denn Ehepartner zu finden. Andererseits wird man erkennen müssen, dass die Diskrepanz zwischen offiziell bekundeter Anteilnahme und privater Ausgrenzung nichts genuin Japanisches ist. In Deutschland mussten die Ausgebombten und Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs oft genug ganz ähnliche Erfahrungen machen.

1955 drehte Kurosawa mit "Ein Leben in Furcht" den einzigen Film, der sich direkt mit der Angst vor dem Atomkrieg auseinandersetzte. Er wurde bald darauf zu einem Meister der Abstraktion, mit der sich die japanische Kultur oftmals mit ihren Ängsten und Traumata auseinandersetzt. Viele dieser Auseinandersetzungen mit den Verheerungen des Weltkriegs und der existenziellen Verunsicherung der Nachkriegszeit wurden in eine andere Epoche verlegt, etwa in die mehr als hundert Bürgerkriegsjahre der späten Muromachi-Zeit der Samurai im 14. bis 16. Jahrhundert.

Im Lauf der Jahrzehnte wurde in der Kunst die Vergangenheitsbewältigung immer häufiger von Zukunftsvisionen abgelöst. Der Science-Fiction-Autor Sakyo Komatsu beschrieb in seinem 1973 erschienenen Buch "Japan sinkt", wie eine Serie von Erdbeben und Tsunamis die japanische Landmasse zerreißt und im Ozean versinken lässt. Als einzige Rettungsmöglichkeit bleibt der Regierung die Umsiedlung der Bevölkerung und ihre Verteilung in verschiedenen Ländern der Erde. Einen großen Teil seiner Dramatik bezieht das Buch aus der Frage, welche Folge das Zerreißen der Nation für die japanische Identität haben würde. Da griff er eine andere Frage auf, die in so vielen Werken eine Rolle spielte - wie gerade die japanische Nation, die sich doch stark als Großfamilie begreift, mit der Katastrophe umgeht.

Natürlich ist die japanische Nachkriegskultur zu komplex, zu heterogen und für Europäer zu schwer nachzuvollziehen, als dass man sie in einem Zeitungstext gültig entschlüsseln könnte. Sucht man allerdings nach einem halbwegs verständlichen Kondensat, stößt man unweigerlich auf Takashi Murakami. Der Tokioter Maler und Bildhauer hat es meisterhaft verstanden, zwei Hauptströmungen der japanischen Massenkulturen in einen Kontext zu stellen, der sie vom Ballast der Konsumkultur befreit. Gerade in der Comic- und Spielzeugindustrie, um die sich in Japan eine ganz eigene Popkultur gebildet hat, spiegelt sich ja die kollektive Psyche in immer weiteren Facetten. Da sind zum einen die sogenannten Otaku-Welten, fast endlos epische Science-Fiction-Sagen, zu denen es Comics, Zeichentrickfilme, Spiele und Spielzeug gibt und deren leidenschaftliche Fans sich in den jeweiligen Universen verlieren können.

Und dann ist da die Kawaii-Kultur der überniedlichen Figuren, man denke an das Kätzchen aus "Hello Kitty". Die Otaku- und die Kawaii-Figuren begleiteten die Flucht der Nachgeborenen in eine Konsumgesellschaft. In diesen Zusammenhang gehören auch die kulleräugigen Mangafiguren, die für viele Interpreten Zeichen der Infantilisierung einer Gesellschaft unter der Besatzungszeit darstellen. Nur selten findet sich da eine so direkte Auseinandersetzung mit dem Trauma, wie in der Manga-Serie "Barfuß durch Hiroshima" des Atomschlag-Überlebenden Keiji Nakazawa.

In Murakamis Bildern und Skulpturen verbinden sich die Otaku-Welten und die Kindchenschemata der Kawaii-Figuren zu einem Destillat, das die jeweilige Formensprache auf ihren Kern reduziert. Im Westen ist er umstritten. Weil die Elemente so ansprechend wirken. Weil er Auftragsarbeiten für den Modekonzern Louis Vuitton und den Rap-Star Kanye West angefertigt hat. Weil sich die Ebenen seiner Abstraktion und die untergründigen Botschaften seiner Werke nur einem Betrachter erschließen können, der mit der extremen Farben- und Formenwelt der japanischen Spielzeug- und Konsumkultur aufgewachsen ist.

Murakami ist aber nicht nur ein Weltstar der Kunst, sondern vor allem der Kopf einer neuen Künstlergeneration, die sich in den neunziger Jahren aufgemacht hat, all die sublimierten Traumata und gesellschaftlichen Tabus der japanischen Kultur aufzubrechen und wieder beim Namen zu nennen. Wenn Murakami den Atompilz als Märchenfigur abbildet, dann ist das weder die Verniedlichung des Grauens noch die Persiflage der Niedlichkeitskultur. Es ist die Befreiung aus dem Verdrängungsmechanismus einer Kultur, die das Grauen und die Ohnmacht in Popbilder sublimiert hat.

Dieses Leitmotiv findet sich in Yoshitomos grimmigen Mädchen, in Chiho Aoshimas comicbunten Pastoralen der Apokalypse und in Aya Takanos Nymphengestalten. Es ist die wiederholte Beschäftigung mit einem Trauma, das so oft gedreht und gewendet wurde, bis es sich in nahezu jeder kulturellen Nische wiederfand. Selten sind die Bilder so direkt wie in der Traumsequenz "Fujiyama in rot". Die Epizentren der Atomschläge nannte man Ground Zero. Das Beben ist eine neue Stunde null.

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Quelle:
SZ vom 15.03.2011/kar
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