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James Bond: "Skyfall" im Kino:Der stärkste Widersacher seit langem

Zunächst aber muss Bond halbwegs wiederhergestellt, muss das Pflichtprogramm absolviert werden: exotische Einsatzorte wie Shanghai und Macao, ein Abend im Spielcasino, Smoking, Martinis, und wunderschöne Frauen mit zittriger Stimme, hin- und hergerissen zwischen Furcht und Begehren. Obwohl er schon wirklich eine alte Seele ist und eine zombiehafte Erschöpfung in ihm steckt, deckt Daniel Craig auch diese andere Seite, diesen eigentlich unvereinbaren Widerspruch wirkungsvoll ab: Der Körper ist sein Heiligtum. Oben-ohne-Szenen sind inzwischen Pflicht für ihn, nicht mehr für seine Gespielinnen - und unter diesen Muskeln schlummert ein pubertärer Trotz, der Bond dann auch wieder sehr jung macht. Die Welt dreht sich längst zu schnell für ihn, und trotzdem kann er niemals erwachsen werden. Das Schicksal der ewig Vierzigjährigen unserer Zeit, die ja oft auch schon fünfzig oder sechzig sind.

50 Jahre James Bond

Girls, Girls, Girls

In Macao darf er dann auch endlich seiner Nemesis gegenübertreten - Silva, gespielt von dem großen Spanier Javier Bardem. Der ist der Mastermind hinter den gestohlenen Daten, und auch seine Inszenierung sprengt den Rahmen des Üblichen.

Der erste Auftritt zum Beispiel: ein endloser Gang, dem gefangenen und gefesselten 007 entgegen, begleitet von einer länglichen Erzählung, die wohl als "Rattenparabel" in die Bond-Historie eingehen wird. Der stärkste Widersacher seit Langem, keine Frage: einerseits Camp, bunt und unbeschwert, überraschend sexualisiert. Und andererseits ist da ein schrecklicher, erstaunlich realer Schmerz, bis hin zur wimmernden Sucht nach Erlösung. Mit Javier Bardem steigt auch "Skyfall" in eine Liga auf, die nur wenige Bondfilme erreicht haben. Und man darf schon andeuten, dass diese Bedrohung nicht ganz von außen kommt. Mitleidlose Entscheidungen zwischen Loyalität und Verrat, im Kern der Geheimdienstarbeit - hier schlagen sie mit dem Furor eines rächenden Gottes auf ihre Verursacher zurück.

Es geht zurück in die Heimat, zurück ins Herz des Empire, und zum ersten Mal muss James Bond auch in London um sein Leben rennen. Die Sünden sind nicht vergessen, Zinseszinsen haben sich angehäuft, der Tag der Abrechnung naht. Das passende Symbol dafür ist das unterirdische, altertümliche Gemäuer, das M, Bond und all die anderen zwischenzeitlich beziehen müssen. Ihre glitzernde Zentrale am Themse-Ufer ist zerstört, jetzt sitzen sie wieder in Churchills altem Bunker, und über London tobt ein neuer, technologischer "Blitz". Wie Hitlers Bomben aber bringt er auch das Beste im Briten hervor, die Bereitschaft zu Blut, Schweiß und Tränen, oder sagen wir: die Kraft der Bulldogge.

Am Ende werden die Toten begraben und die Trümmer weggeräumt. Eine neue Zeit beginnt, frisch wie die junge Miss Moneypenny. So muss das gewesen sein, kurz nach dem Krieg, als James Bond aus dem Kopf von Ian Fleming geboren wurde. Und die nächsten fünfzig Jahre können beginnen.

Skyfall, GB/USA 2012 - Regie: Sam Mendes. Buch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Paul Epworth. Kamera: Roger Deakins. Mit Daniel Craig, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Ben Whishaw. Sony, 143 Minuten.