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Fotografie:Rom und Neapel, ganz nackt

Rom und Neapel im Frühjahr 2020. Dokumentationsfotografie im Lockdown

Menschenleer, vor einem Jahr: die Spanische Treppe in Rom.

(Foto: Marcello Leotta/Bibliotheca Hertziana)

Menschenlose Städte und der Horror Vacui: Die Bibliotheca Hertziana zeigt Fotografien von Rom und Neapel, die im Frühjahrslockdown 2020 entstanden.

Von Thomas Steinfeld

Als die Fotografie zu einer verbreiteten Technik und zu einer Ware wurde, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wurden in allen größeren Städten Italiens Ateliers gegründet, die mit Bildern der kulturhistorisch bedeutsamen Bauwerke handelten. Dort konnten die vorbeiziehenden Touristen aus dem europäischen Norden, aus Großbritannien oder aus Nordamerika Bilder der Stätten erwerben, die in ihren Reiseführern für sehenswert erklärt worden waren: Die Piazza San Marco in Venedig, das Kolosseum in Rom, der Dom in Florenz. Diese Bilder konnten mitgenommen, in Alben gebunden und zu Hause vorgezeigt werden.

Unter den Reisenden gab es viele Menschen, die an der Erhaltung und Restaurierung der historischen Ortskerne lebhaften Anteil nahmen, was etliche mäzenatische Engagements zur Folge hatte. Den Ausländern war daran gelegen, die historischen Stätten in einem möglichst authentischen Zustand zu erhalten.

Historische Gebäude ohne den Klimbim der Gegenwart

Die Fotografien kamen solchen Bedürfnissen entgegen: Die Dokumente der Vergangenheit galten mehr als das Leben, und nur selten sind Menschen auf den Bildern zu sehen. Meist steht ein Bauwerk für sich allein, als wäre es über die Jahrhunderte einfach stehengeblieben, während allenfalls die Jahreszeiten darüber hinwegzogen. In der Kunstgeschichte bilden solche Aufnahmen nach wie vor den wissenschaftlichen Standard, während sich der unbefangene Betrachter wundert: War die Welt damals so leer?

Dann überlegt er sich, ob sie tatsächlich so war, oder ob vor der Aufnahme aufgeräumt worden war, vielleicht der langen Belichtungszeiten wegen. Man weiß es nicht. Doch bleibt die Vorstellung, damals hätte man allein vor Michelangelos David stehen können. Und auch diese Idee: Damals, denkt man sich, hätten die historischen Gebäude noch "richtig" ausgesehen, ohne die Autos, ohne die vielen Menschen, ohne Plakate und Werbetafeln und den ganzen Klimbim der Gegenwart.

Die Bibliotheca Hertziana, das deutsche kunstgeschichtliche Institut in Rom, zeigt gegenwärtig im Internet die Ausstellung "Rom und Neapel im Frühjahr 2020. Dokumentationsfotografie im Lockdown", die sich den Innenstädten von Rom und Neapel widmet, wie sie die Fotografen der Hertziana im Frühjahr 2020 fotografieren konnten, im "Lockdown". Für drei Monate waren die Menschen in ihren Behausungen eingesperrt. Die Städte waren leer.

Das nackte Rom in einem beinahe traumhaften Zustand

Man sieht das Kolosseum, man sieht das Pantheon und den Campo de' Fiori. Man sieht das Castel Nuovo, die Galleria Umberto I, den Straßenzug in der Altstadt Neapels, den man "Spaccanapoli" nennt. Man sieht nicht einmal den Schatten eines Menschen. Sogar die Autos scheinen sich in ein paar Nischen zurückgezogen zu haben.

Was bleibt, sind die Straßen und Gebäude, eben das, was man auf den alten Gebäuden auch sah, in einem beinahe schon traumhaften Zustand. Begleitet werden die Bilder nun von der Überraschung, wie wenig sich in hundert oder hundertfünfzig Jahren verändert hat - und von der bangen Frage, ob das, was man da betrachtet, nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft dieser Straßen und Plätze darstellt: in Städten, in denen kein gemeinschaftliches Leben mehr möglich ist, weil sich die Seuche auf Dauer in ihnen niedergelassen hat.

Marcello Leotta, einer der ausgesandten Fotografen, erklärt seine Stadt zu "Roma nuda", zum "nackten Rom". Das Wort ist gut gewählt: Denn so, wie die Nacktheit keineswegs der natürliche Zustand des Menschen ist (das "Nackte" ist immer das "Ausgezogene"), so ist das vom sozialen Leben befreite Gebäude nicht das Denkmal. Es ist "deserto", wie der Kollege Enrico Fontolan meint, "verlassen", wobei sich die Spannung zwischen der belebten und der verlassenen Stadt nicht dadurch vermindert, dass sich der "Lockdown" seitdem wiederholt hat.

Im Gegenteil: Es ist, als wäre die Zeit aus der Stadt entwichen. Und es ist, als wäre Rom nicht die "ewige Stadt", weil sie Jahrhunderte oder Jahrtausende überdauert hätte, sondern weil sich das Leben aus ihr zurückzog, vergleichbar vielleicht dem Zustand Roms im frühen Mittelalter, als nur noch ein paar Tausend Menschen in der ehemaligen Hauptstadt der Antike lebten.

Nackt ist auch Neapel, so wie die Stadt von Luciano, Marco und Matteo Pedicini fotografiert wurde. Aber die Entblößung hat hier einen anderen Charakter: Sichtbar wird nicht nur der steinerne Körper der Stadt. Erkennbar wird vielmehr auch das Maß, in dem dieser Körper misshandelt wurde, durch Reklametafeln und Graffiti, durch eine in großen Teilen improvisierte Modernisierung, durch die grünen Netze, die vor historischen Gebäuden aufgespannt sind, damit herunterfallende Steine nicht die Passanten verletzen.

Anders, als man erwartet, erscheint dieser Zivilisationsschutt nicht als eine Zutat, die man entfernen könnte, woraufhin die reine Substanz hervorträte. Nein, längst ist der Kram in den Körper selbst eingedrungen, sodass er gleichsam Narben bildet, schlecht verheilte Wunden oder Verstümmelungen. Auch über das Ausmaß solcher Schäden klärt der Blick auf die entkleidete Stadt auf.

In der Kunstgeschichte besaßen die Bilder der von Menschen befreiten historischen Stätten eine praktische Bedeutung: Sie wurden hinzugezogen, wenn historische Bauwerke im ursprünglichen Zustand erhalten werden sollten.

In vielen Fällen hatte diese Technik zur Folge, dass die Vorstellung von einem Original, der einer Restaurierung zugrunde lag, auf eine Fotografie aus dem 19. Jahrhundert zurückging - woraufhin die Wiederherstellung zur Kopie einer Kopie wurde. Ob die Fotografien der im Lockdown von Menschen entkleideten Städte eine vergleichbare Verwendung finden werden? Wahrscheinlicher ist, dass sie weniger zurück- als vielmehr vorausweisen: auf eine Zukunft, in der Innenstadt und Museum zusammengefallen sein werden.

© SZ/rjb
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