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Neues Buch über deutsche Italiensehnsucht:Erlösung auf Erden

Victor Hehn Sachbuch Italien

Blick auf die Stadt Malcesine am Gardasee.

(Foto: Johannes Simon)

Goethe wies den Weg nach Italien. Aber das Glück unter Weinranken und Pinien zu suchen, das lehrte die Deutschen Victor Hehn, ein zu Unrecht vergessener Altphilologe aus Estland.

Von Thomas Steinfeld

Nicht nur Goethe war es, der den Deutschen den Weg nach Italien wies. Der entlaufene Weimarer Minister interessierte sich zwar für die Hinterlassenschaften der Antike oder für die vermeintliche Urpflanze im botanischen Garten von Palermo. Die italienische Landschaft zu bewundern, eine mediterrane Natur zu verehren, die fast vollständig in Kultur verwandelt war, das Glück unter Weinranken und Pinien zu suchen: Das lehrte die Deutschen hingegen ein Altphilologe aus der zweitgrößten estnischen Stadt, die früher Dorpat und heute Tartu heißt.

Victor Hehns Sammelwerk "Italien. Ansichten und Streiflichter" galt noch im frühen 20. Jahrhundert als das "herrlichste Italienbuch nach Goethe". Werk und Autor wurden seitdem, den Anstrengungen von Hugo von Hofmannsthal oder Rudolf Borchardt zum Trotz, gründlich vergessen. Das gilt auch für die anderen, einst viel gelesenen Werke Hehns: für sein Buch über die Wanderung der "Kulturpflanzen und Haustiere" (1870) zum Beispiel oder für die kulturhistorische Studie über "das Salz" (1873) - um nicht von den "Gedanken über Goethe" anzufangen, die für viele seiner Zeitgenossen den höchsten Maßstab in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Klassiker bildeten.

Um den Mann, seine Bücher und deren Erfolg angemessen zu verstehen, erklärt der Frankfurter Literaturwissenschaftler Michael Schwidtal in seinem neuen Buch, müsse man den Weg über das deutschsprachige Baltikum nehmen. Dort sei nicht nur eine Gelehrtheit entstanden, die sich als Diaspora begriff und es also besonders ernst meinte. Von der Peripherie aus betrachtet, habe das alte Europa auch intensiver geleuchtet, als man es an den klassischen Stätten, "wo im dunklen Laub die Goldorangen glühn und die Myrte still und hoch der Lorbeer steht", je wahrgenommen hätte.

Victor Hehn (1813-1890) suchte die Geschichte und die Empirie hinter Goethes glühenden Goldorangen.

(Foto: Gemeinfrei)

Die Arbeiten wirken heute seltsam abgelegen und modern zugleich

Aus diesem Gedanken entwickelt Michael Schwidtal die erste wissenschaftliche Monographie zu diesem Gelehrten, dessen Arbeiten heute seltsam abgelegen und modern zugleich wirken: abgelegen, weil sie von einem bildungsbürgerlichen Idealismus vorangetrieben werden, dem in der Zwischenzeit sowohl die Bildung als auch die Bürger abhandenkamen, modern, weil sich Victor Hehn seine Gegenstände auf eine Weise erschloss, wie man sie erst seit zwei, drei Jahrzehnten von den Kulturwissenschaften kennt.

Victor Hehn begnügt sich nicht damit, mit den Goldorangen, der Myrte und dem Lorbeer das Lied der Mignon aus "Wilhelm Meisters Lehrjahren" zu zitieren und so mit der Huldigung an Italien die Goethe-Verehrung des späten 19. Jahrhunderts fortzusetzen. Er sucht die Empirie und die Geschichte. Er will wissen, woher die Gewächse kommen, von denen Mignon singt, wie sie sich verbreiteten und wie sie in eine Landschaft eingingen, die, zumindest in den Niederungen und an den Hängen, überall die Spuren einer Arbeit erkennen lässt, die Jahrtausende zurückreicht.

Zu diesem Zweck verbindet er die Philologie (vor allem in ihrer sprachvergleichenden Variante) mit der Geographie und der Historiographie, verfolgt die Geschichte der beschnittenen Fruchtbäume, vor allem des Ölbaums, der Feige und des Weinstocks. Er spürt den Wanderungen des Esels, der Ziege und des Huhns nach. Er spekuliert über die spezifische Ländlichkeit der russischen Kultur und will die Grenze zwischen dem Norden und dem Süden quer durch Deutschland ziehen.

Ein Briefwechsel trug ihm eine Festungshaft und mehrere Jahre Verbannung in Zentralrussland ein

Victor Hehn, im Jahr 1813 geboren, war nach dem Studium und einer Bildungsreise in den Süden zunächst Gymnasiallehrer und Deutschlektor an der heimischen Universität gewesen. Der Briefwechsel mit einer Sympathisantin der Deutschen Revolution trug ihm eine Festungshaft und mehrere Jahre Verbannung in Zentralrussland ein, wonach er, in einer seltsamen Wendung des Lebenslaufs, ein Amt in der Kaiserlichen Bibliothek in St. Petersburg erhielt. Damit waren auch die Voraussetzungen für weitere Reisen geschaffen, nach Deutschland, Italien und auch nach Griechenland, auf denen er sich die Anschauung für seine Schriften erwarb.

Der letzte, durchschlagende Erfolg, meinte der Wiener Kulturhistoriker Egon Friedell in den Dreißigern, sei Victor Hehn verwehrt geblieben. Er habe zu elegant und geschmackvoll geschrieben, weshalb er "in wissenschaftlichen Kreisen als dilettantisch galt". Daran mag etwas Zutreffendes sein: Die Beschreibung der Palme als eines "Springbrunnens der Erzeugungskräfte" ist alles andere als akademisch.

Genauso wahr ist aber auch, dass sich Victor Hehns Arbeiten der Spezialisierung der Wissenschaften widersetzten, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfaltete - und dass sein Interesse an der Entwicklung und Wanderung der Kulturpflanzen an ein teleologisches Motiv gebunden war: "Einst wird die ganze Erde ein solches Kunstwerk des Menschen sein", schrieb er, die Landschaft zwischen Pisa und Lucca im Blick und das Paradies im Sinn.

Michael Schwidtal: Victor Hehn - Kulturwissenschaft aus dem Geist der Philologie. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2020. 248 Seiten, 52 Euro.

(Foto: Verlag)

Die Italianisierung der nördlichen Lebensverhältnisse, vom Garten über den öffentlichen Raum bis zu den Lebensmitteln, scheint ein Projekt der jüngst vergangenen Jahrzehnte zu sein. Bei Victor Hehn ist sie vorgezeichnet, als empirisch gesättigte Sehnsucht nach irdischer Erlösung. So haltbar viele seiner damals neuen Erkenntnisse jedoch sein mögen, sie münden in ein überhöhtes geschichtsphilosophisches Interesse.

Wenn sich in den vergangenen Jahren ein Forscher für Victor Hehn interessierte, so geschah dies vor allem eingedenk offener Ressentiments gegen alles Jüdische, wie sie etwa in den "Gedanken über Goethe" häufiger auftreten, oder angesichts antisemitischer Tiraden, die sich in einem erst vor Kurzem zugänglich gewordenen privaten Briefwechsel fanden. Michael Schwidtal erwähnt diese Äußerungen, verweist auf den Respekt, den Victor Hehn den Juden in seiner Geschichte des Gartenbaus zollt, konzentriert sich sonst aber auf sein Anliegen, den vergessenen Kulturhistoriker sichtbar zu machen. Dafür gibt es Gründe, im Hinblick auf den maßgeblichen Einfluss, den Victor Hehn auf die Goethe-Rezeption des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nahm, aber auch angesichts seiner Bedeutung als "Vorläufer zahlloser heutiger Kulturwissenschaftler" (Friedrich Kittler). Das deutsche Literaturarchiv in Marbach verwahrt den Nachlass Victor Hehns, nahm sich der Hinterlassenschaften aber darüber hinaus bislang kaum an. Das ist ein Mangel, nicht trotz jener antisemitischen Äußerungen, sondern auch ihretwegen.

© SZ/crab/khil
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