"In einem Land, das es nicht mehr gibt" im Kino:Ungern untertänig

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"In einem Land, das es nicht mehr gibt" im Kino: Eine Nische für Individualisten: Szene aus "In einem Land, das es nicht mehr gibt" mit Marlene Burow, Sabin Tambrea (hinten).

Eine Nische für Individualisten: Szene aus "In einem Land, das es nicht mehr gibt" mit Marlene Burow, Sabin Tambrea (hinten).

(Foto: Peter Hartwig/Tobis Film)

Die Regisseurin Aelrun Goette hat einem Film über ein widerspenstiges DDR-Mädchen gemacht, das nur noch eine Chance hat - als Fotomodell. Dieses Mädchen war sie selbst.

Von Juliane Liebert

Dieser Film ist ein besonderer für mich. Weil ich aus Ostdeutschland komme, und weil er von der Modezeitschrift "Sibylle" handelt, die damals im Osten so viel mehr war als eine Modezeitschrift. Ich muss dabei an Arno Fischer und den Apfelstrudel denken, den er mir 2011 serviert hat, beim letzten Interview vor seinem Tod. Fischer war einer der wichtigsten Fotografen der "Sibylle". "Wir haben keine Parteifotografie gemacht," erzählte er mir. "Wir haben Menschen fotografiert, und Situationen."

Er hatte in der DDR mit Widerständen zu kämpfen, die viele sich heute nicht mehr vorstellen können. Außer Menschen wie Aelrun Goette, die ebenfalls für die "Sibylle" gearbeitet hat, als Fotomodell. "In einem Land, das es nicht mehr gibt" ist ihre Geschichte. Im Sommer letzten Jahres, kurz vor Drehbeginn, berichtete sie mir von ihrem langen Kampf für das Projekt. "Mir war immer klar: Ich will diese Geschichte erzählen, und ich will sie groß erzählen: voller Sinnlichkeit, Sehnsucht und Lebensfreude. Filme, in denen der Osten ein Ort des Schreckens ist, dem man entkommen muss, gibt es genug."

"In einem Land, das es nicht mehr gibt" spielt 1989, im Sommer vor der Wende, in der DDR. Suzie (Marlene Burow), die Heldin, steht kurz vor dem Abitur. Sie will Literatur studieren, stattdessen wird sie mit Orwells "1984" in der Tasche erwischt und in ein Kabelwerk verbannt, um ein nützliches Mitglied der sozialistischen Produktion zu werden. Dort wäre sie dann wohl verrottet - aber ein Fotograf lichtet sie auf dem Weg zur Arbeit ab, und ihr Bild landet in der "Sibylle". So kann sie anfangen, als das zu arbeiten, was man in der DDR "Mannequin" nannte.

Klingt ausgedacht, ist aber dicht an der damaligen Realität - nicht nur, weil Aelrun Goette es selbst so erlebt hat. Tatsächlich suchten sich die Fotografen der "Sibylle" in der heißen Phase - in der Zeit, in der das Magazin aufregend war - oft ihre Modelle auf der Straße. Und nicht nur das. Die Zeitschrift brachte eine Serie, in der nur Fotografinnen vorgestellt wurden, was damals sehr ungewöhnlich war. Arno Fischer hat diese Serie betreut.

"Fotografie ist weiblich", sagte er mir 2011. Seine eigene Frau, die zufällig auch Sibylle hieß, Sibylle Bergemann, arbeitete ebenfalls für die "Sibylle". Sie war eine der großen Fotografinnen der DDR. "Die DDR war eine Nischengesellschaft, überall gab es Nischen mit Gleichgesinnten. Die haben keine Bomben gebastelt, keine Flugblätter gemacht, sondern einfach geradeaus gedacht. Wir waren eben Fotoleute", erzählte mir Fischer.

Die "asozialen Subjekte" der DDR müssen zusammenhalten

Diese Nischen sind eines der Herzthemen des Filmes - und einer der "Fotoleute" darin ist Coyote (David Schütter). Seine Bilder dürfen nicht mehr gedruckt werden, er fotografiert aber trotzdem weiter. Als er Suzie kennenlernt, sagt er: "Ich mach', was ich will... weil, ich bin ein asoziales Subjekt". Sie erwidert begeistert, dass sie ebenfalls ein asoziales Subjekt sei. "Du bist schön", sagt er. In der Fabrik, in der er Suzie fotografiert, bittet er auch ihre Arbeitskolleginnen mit ins Bild.

Mehr will man über die Handlung eigentlich gar nicht verraten. Muss man auch nicht, denn der nackte Plot ist nicht das, was den Film heraushebt. Es ist die Tatsache, dass die DDR-Protagonisten, obwohl der Film durchaus politisch ist, endlich einmal nicht als Schablonen für "Stasiopfer oder Zeitzeugen" herhalten müssen. Dass Goette zeigt, dass Filme über die DDR auch wild und farbenfroh sein können, ohne in Ostnostalgie zu versuppen.

Goette wurde eigentlich für ihre Dokumentarfilme berühmt, bei denen sie sich oft Menschen am Rand widmete, und ihren realen Schicksalen. In "Ohne Bewährung - Psychogramm einer Mörderin" ist es Jeanette, die als Teenager ihre 13-jährige Nachbarin zu Tode quälte. In "Die Kinder sind tot" ist es Daniela, die ihre Kinder zu Hause einschloss, ausging und zwei Wochen nicht zurückkehrte - die Kinder verhungerten und verdursteten.

"In einem Land, das es nicht mehr gibt" widmet sich Goette ebenfalls wieder jenen, die am Rand leben. Den "asozialen Subjekten", denen ihre eigentliche Liebe als Filmmacherin zu gelten scheint. Aber diesmal sind es keine Mörderinnen, sondern Modemacher, die für ihr Schwulsein verdroschen werden, staatsverhinderte Schriftstellerinnen oder eigensinnige Fotografen. Was sie verkörpern, hat der Wittenberger Musiker Wenzel, der mir viel bedeutet, in dem Song "Selbstbildnis 1981" einmal beschrieben.

"Noch verschont von großen Kriegen. Noch kann ich auf Wiesen liegen. Noch kann ich das Laue hassen. Mich vom Schnaps verbrennen lassen. Kann noch nach den Sternen sehen. Kann noch mit Dir schlafen gehen. Kann noch dunklen Kaffee kochen. Bin noch nicht geknickt, zerbrochen." Das Lied handelt davon, wie die Stasi Wenzel zu rekrutieren versuchte. Er sagte ihnen Nein, erzählte er mir, bis sie aufgaben. Das Lied endet so: "Bin noch ungern untertänig. Buschig ist mein Haar, ist strähnig."

Auch im Film steht die Protagonistin vor der Wahl: Karriere machen und die Freunde verraten - oder zurück in die Fabrik. Die Wut auf die geregelte Ungerechtigkeit der Welt, das Aufbegehren - das ist für mich die Essenz des Filmes. Auch wenn Suzies Haar in keiner Sekunde des Filmes buschig oder gar strähnig ist, verkörpert sie diesen Geist.

In einem Land, das es nicht mehr gibt, D 2022 - Regie und Buch: Aelrun Goette. Kamera: Benedict Neuenfels. Mit Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, Jördis Triebel. Verleih: Tobis Film, 100 Minuten. Kinostart: 6. 10. 2022.

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