bedeckt München 25°

Im Kino: "Klitschko":Abrissbirnen in den Köpfen

Angst, Gewalt, Verzweiflung, Demütigung, Niederlage: Wovor Menschen sich fürchten, wird in einem Boxring ins Scheinwerferlicht gezerrt. Eine eher unkritische Kino-Doku zeigt, wie die Klitschko-Brüder als Boxer funktionieren.

Der Boxring ist die kleinste Schicksalsbühne der Welt. Stellvertretend für die Zuschauer stellt sich der Boxer den schrecklichen Aspekten des Daseins. Er kämpft nicht nur gegen einen anderen Boxer, sondern gegen Angst, Gewalt, Verzweiflung, Demütigung, Niederlage.

Boxen Schwergewicht - Vitali Klitschko - Shannon Briggs

Hamburg 2010: Fühlte jemand mit Shannon Briggs, als Vitali Klitschkos Rechte einschlug?

(Foto: dpa)

Wovor Menschen sich fürchten, wird in einem Boxring ins Scheinwerferlicht gezerrt. Deswegen waren es stets die Begegnungen, bei denen die Kämpfer nicht nur ihre körperliche, sondern auch ihre seelische Gesundheit riskieren mussten, die das Box-Publikum fesselten.

Die Trilogie, die Muhammad Ali und Joe Frazier ausfochten, hatte Kinoformat. Es erscheinen immer noch Dokumentationen über ihren dritten und letzten Kampf, den "Thrilla in Manila", obwohl seit über 35 Jahren geklärt ist, wer damals gewonnen hat. Die heftigen Kämpfe, die sich Mickey Ward und Arturo Gatti lieferten, entfalten dieselbe Sogwirkung. Wards Lebensgeschichte diente als Vorlage für den Film "The Fighter", der in diesem Frühjahr zwei Oscars gewann.

Erst einmal erscheint es also sinnvoll, dass der Film "Klitschko" von Sebastian Dehnhardt das Leben der Brüder Klitschko, die derzeit beide Weltmeister im Schwergewicht sind, für die große Leinwand dokumentiert.

Der Film beginnt mit dem Aufbau eines Boxrings, eben jener Bühne, auf der die Klitschkos in Deutschland zu Stars wurden und sich in den USA zumindest eine gewisse Bekanntheit erboxen konnten.

Nah dran

Es folgen einige Zeitlupenstudien von Klitschko-Schlägen. Man kann ihre Kunst studieren: Wie Vitali, der Ältere, seine Gegner außer Balance bringt - und mit welcher mathematischen Genauigkeit Wladimir, der jüngere, seine rechte Faust platziert. Ihre Schläge landen wie Abrissbirnen in den Köpfen der Gegner. Man ahnt, welche Gewalt sie entwickeln.

Die Kamera ist dabei, wenn die Klitschkos sich in den letzten Minuten vor einem Kampf in der Kabine vorbereiten, genauso beim Training und bei Reisen in die alte Heimat Ukraine. Die Eltern kommen häufig zu Wort. Man ist nah dran. Schließlich sieht man die beiden Brüder gegeneinander Schach spielen - die einzige Schlacht, bei der sie sich messen können, ohne sich gegenseitig zu verletzen.

Dabei wirken sie durchweg gewinnend und klug. Ihre Lebensgeschichte ist spannend, streckenweise auch faszinierend. Doch für die Leinwand fehlt etwas Entscheidendes: Drama.

Keine exzessiven Charaktere

Es spricht für die Intelligenz der Brüder, dass ihr Leben kein Drama liefert. Sie sind keine exzessiven Charaktere wie so viele Profiboxer vor ihnen. Mike Tyson zertrümmerte alle Gegner in Sekunden und schlug dann vor allem sich selbst.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite