Im Gespräch: Hannelore Elsner Ein Verlassensein im Herzen

SZ: Ihr Bruder starb mit knapp fünf Jahren bei einem Tieffliegerangriff. Da war der Krieg schon fast vorbei.

Hannelore Elsner: Ich war zwei Jahre jünger als Manfred und sehr mit ihm verbunden. Er war mein Anführer, mein großer Bruder. Meine Mutter hatte gerade unseren kleinen Bruder auf die Welt gebracht, und Manfred war mit einem Nachbarmädchen auf dem Weg zu unserer Großmutter von Burghausen nach Neuötting. Während der Fahrt wurde der Zug bombardiert. In seinem Körper fand man sechs Patronen, die meine Mutter später in einem Leinensäckchen aufbewahrte, zusammen mit zwei winzigen Holzpferdchen, die Manfred immer bei sich hatte. Dieses Leinensäckchen besitze ich immer noch. Meine Erinnerungen sind verblasst, aber die Gefühle sind da. Ein unglaubliches Verlassensein in meinem Herzen. Es war ein unsagbarer Schmerz in der Familie. Und gleichzeitig totale Sprachlosigkeit.

SZ: Man sprach zu Hause nicht darüber?

Hannelore Elsner: Moderne, aufgeklärte Eltern würden das heute tun. Damals tat man das nicht. Der Verlust war im Hinterkopf, immer da. Man fühlte ihn. Später, als ich über den Holocaust und den Krieg las, kam in mir sogar das Gefühl auf, wir hätten gar kein Recht gehabt, darüber zu trauern. Was bedeutete vor diesem Hintergrund so ein kleines Kind? Auch, als mein Vater so jung starb - da war ich acht Jahre alt - sprach meine Mutter nicht mit uns darüber. Die innige Beziehung hatte ich mit meiner Großmutter, und die verloren wir auch zu früh. Mein anderer Bruder und ich wissen auch ohne viele Worte, dass wir beide einsam waren und etwas sehr Trauriges durchgestanden haben.

SZ: Und dann kamen Sie auch noch auf ein Kloster-Internat.

Hannelore Elsner: Ich empfand es als normal, auch wenn ich nie verstanden habe, warum ich von Schulwechsel zu Schulwechsel geschubst wurde. Immer war ich die Fremde. Aber irgendwann war ich auch stolz darauf. Es gab einfach kein trautes Heim mit einem gütigen Vater und einer fürsorglichen Mutter. Es hatte keinen Sinn, davon zu träumen, das habe ich mir nicht angetan. Da wäre ich ja total unglücklich geworden. Und es war mein Glück, dass ich so lebensbejahend war und immer auch das Schöne sehen konnte.

SZ: Kirchliche Internate sind zuletzt in Verruf geraten. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Hannelore Elsner: Natürlich ist man geschlagen worden, na klar. Mit dem Stock. Ohrfeigen und so kleine Rüffler, die waren völlig normal. Beim Klavierspielen in dem kalten Saal hat die Nonne manchmal mit dem Stock auf meine Finger gehauen. Das hat sehr wehgetan. Nachts hat man sich oft nicht auf die Toilette getraut, aus Angst vor der Aufpasserin im Schlafsaal. Und all die Phantasien, die wir Mädchen hatten: Dass die Nonnen etwas mit den Priestern hätten, oder dass sie ihre Babys in den Klostermauern vergraben hätten. Ist das normal, dass man sich als Kind damit beschäftigt? Oder lag da doch so etwas in der Luft?

SZ: Haben Sie Ihrer Mutter vorgeworfen, Sie fortgeschickt zu haben?

Hannelore Elsner: Nein. Ich glaube, sie dachte, dass sie mir etwas Gutes tut. Ich habe ihr gegenüber eher dauernd ein schlechtes Gewissen.

SZ: Weswegen?

Hannelore Elsner: Auch weil ich so böse über sie geschrieben habe. Dass sie mir auf die Nerven ging mit ihrer überfreundlichen Art. Mit ihrem lächerlichen Stolz auf mich. Ich habe auch ein schlechtes Gewissen, dass ich eine so ruppige, schwierige Tochter war. Ich konnte erst später begreifen, dass meine Mutter es selbst so schwer hatte mit uns Kindern, die sie alleine durchbringen musste, mit den Geldsorgen, mit Beziehungen, die nie von Dauer waren.

SZ: Und am Ende keine Aussprache.

Hannelore Elsner: Nein. Kurz bevor sie starb, gab es einen Moment, wo wir uns verabredet hatten zum Gespräch. Daraus wurde nichts; an dem Tag, an dem wir uns treffen wollten, starb sie ganz plötzlich an Herzversagen. Mit 59 Jahren. Nicht, dass wir verkracht gewesen wären, aber wir waren uns fremd geblieben. Ich habe mich als elternloses Kind gefühlt, irgendwie.

SZ: Walter Kohl beschreibt in seinem Buch die Aussöhnung mit seinem abwesenden Vater Helmut Kohl als Prozess, der auch einseitig funktioniert. Geht das?

Hannelore Elsner: Aber ja! Ich habe später als Mutter bei meinem Sohn Dominik sicher vieles anders gemacht, aber nicht bewusst. Ich kann meine Liebe eben besser zeigen. Es liegt in meiner Natur, zu füttern und zu umsorgen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3, warum Hannelore Elsner kein Partymädchen war.

My fair Lady Gaga

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