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Berlinale:"Die sowjetische Krankheit ist die Amnesie"

Was ist mit seelischen Verletzungen?

Das ist die sehr viel größere Gefahr. Wer involviert war, konnte das Projekt für Dinge benutzen, die man in der Realität nicht machen kann, oder nur zu einem hohen Preis. Das ist die Grundlage für Theater, ein Raum außerhalb der Wirklichkeit. Natürlich ist das ein gefährliches Projekt. In dieser zweiten Wirklichkeit kann man sich selbst begegnen, auch Seiten, die man nicht kennen lernen will. Diese Begegnung mit sich selbst ist das größte Geschenk und die größte Gefahr. Nach zwei Monaten haben viele Leute im Institut angefangen, Denunziationen für die Geheimpolizei zu schreiben. Ich habe sie nicht darum gebeten, sie haben es einfach gemacht.

In "Degeneratsia" gibt es Tierversuche, das Institut selbst wird immer wieder mit einem Menschenversuch verglichen. Waren auch Ihre Dreharbeiten im Institut eine Art Menschenversuch, bei dem Sie beobachtet haben, wie die Bewohner in diesem Labor unter Druck reagieren?

Nein, natürlich ist das kein Menschenversuch. Die Beteiligten haben mir vertraut, das ist eine große Verantwortung. Die Menschen im DAU-Institut haben wie in einer anderen Zeit gelebt. Wenn sie das Institut verließen, haben sie gesagt, wir gehen in die Zukunft. Die Dreharbeiten waren vor neun Jahren beendet. Bis heute sind viele von ihnen miteinander befreundet. Das ist wie eine Verwandtschaft. Was wir miteinander erlebt haben, können wir nicht vergessen. Es gibt auch nicht nur die Filme. Wir haben 4000 Stunden Dialoge aufgenommen und transkribiert. Das ist ein Buch mit 247 Bänden mit je 500 Seiten - die Geschichte des Instituts über 30 Jahre, mit allen Beziehungen zwischen den Menschen, die dort arbeiten. Das ist eigentlich das Hauptwerk. Wenn man das liest, versteht man, dass Beckett und Ionesco die einzigen realistischen Autoren sind. Wie Menschen miteinander sprechen, ist absolut absurd.

Es gab den Vorwurf, Ihr Wettbewerbsbeitrag bei der Berlinale, "DAU.Natasha", sei keine Uraufführung, der Film sei schon vor einem Jahr bei Ihrer DAU-Installation in Paris zu sehen gewesen. Stimmt das?

In Paris war der Film noch nicht fertig geschnitten, wir haben Rohmaterial gezeigt. Das war eine Installation, die Leute sind durch die Räume gegangen und haben Teile der unterschiedlichen DAU-Filme gesehen. Jetzt ist "DAU.Natasha" ein Kinofilm von meiner Co-Regisseurin Jekaterina Oertel, die ihn montiert hat, und mir. Das ist eine völlig andere Situation als in Paris.

In Paris konnten Sie eine DAU-Installation zeigen, in Berlin wurde das von unwilligen Behörden und einer etwas provinziellen Pressekampagne verhindert. Kommen Sie mit einer gewissen Genugtuung zur Berlinale?

Paris haben wir mit letzter Kraft gemacht. Davor hatten wir zwei Jahre an der Installation für Berlin gearbeitet. Dass das in Berlin verhindert wurde, hat das DAU-Projekt sehr beschädigt, auch finanziell. Wir haben in Berlin sehr viel Geld verloren, sicher über eine Million Euro. Möglich wurde das alles nur durch die Großzügigkeit unseres Produzenten Sergej Adonyev, ein sehr außergewöhnlicher Mensch. Aber auch seine Mittel sind nicht unbegrenzt. Durch Berlin waren wir finanziell in einer schwierigen Situation. Aber ich muss weiter für dieses Projekt arbeiten, das ist meine Verpflichtung. Eine der nächsten Arbeiten ist die digitale Plattform, auf der man sich durch die DAU-Filme bewegen kann. Jeder sieht einen anderen Film, eine Reise durch das Bewusstsein, die ausdifferenzierter ist als in "Ulysses".

Wie haben Sie die 14 Jahre Arbeit an DAU verändert?

Ich liebe die Menschen sehr viel mehr als vor DAU. Normalerweise wird man mit dem Älterwerden misanthropischer, mir geht es umgekehrt. Es gab viel Kritik, weil ich mit Rechtsradikalen und mit KGB-Leuten gearbeitet habe. In einem Zimmer waren die russischen Nazis, in einem anderen Zimmer ein berühmter Rabbiner aus Israel, in einem anderen Zimmer ein schwarzer DJ. Wenn es ein menschliches Element gibt, auch wenn es vielleicht sehr klein ist, wenn man damit kommunizieren kann, heißt das: es gibt Hoffnung. Und dieses menschliche Element gab es auch bei den Rechten. Deshalb bin ich sehr optimistisch. Ich habe bei DAU viel über die Natur des Menschen gelernt. Das hilft mit sehr bei meinem neuen Projekt.

Wieder ein maßloser Film-Wahnsinn?

Nein, ich habe keine Pläne für neue Filme. In den nächsten Jahren müssen wir die DAU-Filme fertig machen, wir haben 700 Stunden Drehmaterial. Mein neues Projekt ist der Bau einer Gedenkstätte in Babyn Jar in der Ukraine, ich bin der künstlerische Leiter. Babyn Jar ist eine Schlucht bei Kiew. Dort hat die Wehrmacht 1941 über 30.000 Juden erschossen, in zwei Tagen, das größte Massaker des zweiten Weltkriegs. Ich komme aus einer jüdischen Familie. Meine Mutter stammt aus der Ukraine. Alle Juden ihres Heimatortes wurden ermordet. Wäre sie nicht in den ersten Tagen des Krieges geflohen, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Man muss verstehen, dass die Wehmachtssoldaten ganz normale Männer waren. Das meine ich, wenn ich sage, bei DAU sieht man, dass die Natur des Menschen sehr vielschichtig ist. Wie findet man eine Sprache, um an dieses Massaker zu erinnern? Wie kann man darüber sprechen, wie kann man die Erinnerung an eine neue Generation weitergeben? In DAU sprechen wir über das sowjetische Trauma. In Babyn Jar sprechen wir darüber, wozu Menschen in der Lage sind, auch Sie und ich, jeder von uns. Solche Verbrechen geschehen, und das Leben geht weiter, man zieht in die Wohnung der ermordeten Nachbarn. DAU ist Fiktion, Babyn Jar ist keine Fiktion. Das ist meine neue Aufgabe. Ich bin sehr glücklich darüber, dass im Kuratorium der Gedenkstätte neben Joschka Fischer auch Swetlana Alexijewitsch ist.

Machen Sie mit DAU etwas Ähnliches wie die Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch in ihren Büchern mit Gesprächsprotokollen? In Swetlana Alexijewitsch berühmtestem Buch, "Secondhand-Zeit", sagt eine frühere Parteisekretärin etwas, das wie eine Beschreibung von DAU klingt: "Vielleicht wird man in hundert oder fünfzig Jahren unser Leben, das sich Sozialismus nannte, ausgraben wie das antike Troja." Ist DAU der Versuch, an das Leben in der UdSSR zu erinnern, eine Art Archäologie?

Ja, vielleicht ist DAU Archäologie, ein Ausgraben der sowjetischen Realität, ein Porträt der russischen Zivilisation. Zeitgenössische Menschen sprechen im sowjetischen Idiom. Diese Sprache ist wie eine Waffe, wie die Sprache der Nazis. Mit dieser Sprache kann man schlimme Dinge machen, sie ist nicht menschlich. Das ist ein Denkmal für das sowjetische Bewusstsein.

Weshalb ist die Arbeit an der kollektiven Erinnerung so wichtig für Sie?

Babyn Jar ist nicht Geschichte, das war gestern. Der Gulag war gestern. Es gibt in der Post-Sowjetunion keine Familie ohne Opfer oder Täter oder beides. Das ist das sowjetische Trauma. Die sowjetische Krankheit ist die Amnesie. Jeder erinnert sich nur an das, woran er sich erinnern will. Wenn man sich von dieser Amnesie nicht befreit, wird es sich immer wieder wiederholen. Man erinnert sich vielleicht nicht mit Bewusstsein, aber die Seele erinnert sich. Was man nicht reflektiert und bearbeitet, muss man immer wieder durchleben.

Endet der sechsstündige Film "Degeneratsia" auch deshalb mit einer apokalyptischen Szene in der Zerstörung des Instituts durch russische Neonazis?

Ja, das ist die Apokalypse, der Tod, der Sieg des Faschismus. Der Sechs-Stunden-Film, den wir bei der Berlinale zeigen, ist die Kurzfassung, es gibt noch eine längere Fassung. Einer dieser Nazis aus dem Film ist heute wegen einem Gewaltverbrechen im Gefängnis. Das haben wir 2011 gedreht, heute sitzen überall in Europa, auch in Deutschland, Rechtsradikale in Parlamenten. Das ist gefährlich, und es wird gefährlicher. Der Film zeigt, wie diese Leute Macht gewinnen, wie sie Angst verbreiten, wie sie die Gesprächsthemen bestimmen.

Glauben Sie, die DAU-Filme sorgen bei der Berlinale für einen Skandal - zum Beispiel wegen der Szene, in der die Nazis im Wohnzimmer des Instituts ein Schwein töten?

Das weiß ich nicht. Aber ein Skandal ist ein Möglichkeit, über bestimmte Dinge zu sprechen. Zum Beispiel über die Neonazis, die am Ende von "Degeneratsia" alle umbringen. Glauben Sie, es gibt Ärger wegen dem Schweinchen? Das ist komisch. Sie können in jedem Restaurant einen Schweinebraten bestellen. Ist der Skandal, dass man das Töten zeigt oder dass es im Wohnzimmer stattfindet? Die Neonazis zeigen den kultivierten, liberalen Wissenschaftlern wie einfach es ist, ein Lebewesen zu töten. Sie zeigen den liberalen Intellektuellen, dass sie eigentlich sie töten wollen. Der Tod, egal ob der Tod eines Menschen oder der Tod eines Tieres, hat immer den gleichen Duft.

© SZ vom 22.02.2020/luch
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