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Dau-Projekt in Paris:Selbstzerstörerisches Totalspektakel

Das Kunstprojekt "Dau", nach dem Physiker und Nobelpreisträger Lew Landau benannt, rekonstruiert dessen Leben und Zeit in einer riesigen Multimediashow.

(Foto: Phenomen IP 2019)
  • In Paris ist das Kunstprojekt Dau von Ilya Khrzhanovsky angelaufen.
  • Eine Mischung aus Kino, Kunstinstallation, Theater, Konzert und Vortragszyklen auf den Spuren des verstorbenen russischen Physikers Lew Landau.
  • Aber Khrzhanovsky hat sich mit dem Projekt zu viel vorgenommen. Das Ergebnis bleibt weit hinter der Idee zurück.

Die Frage, ob dieses seit Monaten angekündigte Ding nun ein Meisterwurf sei oder eine Hochstapelei, hat sich in den letzten Tagen erheblich zugespitzt. Nachdem die Premiere letzten Herbst in Berlin von den Behörden gekippt wurde, sollte sie in der vergangenen Woche in Paris stattfinden, wurde aber auch dort mit wechselnden Begründungen mehrmals verschoben. Am Wochenende war es so weit. Das vor über zehn Jahren begonnene Projekt einer monumentalen Comédie humaine als Laborversuch in den Kulissen sowjetischer Eiszeit ist zu einem einstweiligen Abschluss gekommen, den der Regisseur allerdings auch nur als Zwischenetappe seines ausufernden Unternehmens verstanden haben will.

"Freiheit, Égalité, Brotherhood" nannte der Dreiundvierzigjährige in Gesprächen manchmal die an ihren Pariser Spielorten nun angelaufene Mischung aus Kino, Kunstinstallation, Theater, Konzert und wissenschaftlichen oder metaphysischen Vortragszyklen auf den Spuren des 1968 verstorbenen russischen Physikers Lew Landau. In Moskau ausgedacht, in der ukrainischen Stadt Charkow hauptsächlich gedreht, in London geschnitten und synchronisiert, bietet das in Paris nun gestartete Wanderprojekt eine Totalimmersion in die Lebens- und Arbeitswelt des sowjetischen Nobelpreisträgers. Später im Jahr soll es in London gezeigt werden. Und auch für Berlin hat Khrzhanovsky die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.

Landeplatz für dieses Ufo des zeitgenössischen Kunstbetriebs sind in Paris die beiden wegen Bauarbeiten leer stehenden Häuser des Théâtre du Châtelet und Théâtre de la Ville sowie ein Raum des nahe gelegenen Centre Pompidou. Gespielt wird jedoch erst an den beiden letzteren Orten, fürs Châtelet-Theater steht die Polizeigenehmigung immer noch aus. Ein rotes Lichtdreieck im Pariser Himmel über den drei Institutionen soll anzeigen, dass es bei diesem Unternehmen mit nicht ganz normalen Dingen hergeht. Alles ist darauf angelegt, den Zuschauer aus seiner Rolle zu reißen und als Komplizen in eine befremdliche Expedition einzubinden. Statt einer Eintrittskarte hat man beim Dau-Generalkonsulat ein Sechsstunden-, ein Tages- oder Dauervisum zu beantragen und muss dafür einen Fragebogen mit sehr persönlichen Fragen ausfüllen. Am Eingang wird man höflich eingeladen, seine Privatgegenstände inklusive Handy zu hinterlegen.

Man kann sich in der Kantine aus sowjetischem Blechgeschirr verpflegen lassen

Unter Anweisung eines persönlich zugewiesenen Dau-Guideprogramms darf man dann durchs Dau-Territorium spazieren, die von Khrzhanovsky fürs Projekt gedrehten Filme ansehen, Gesprächsrunden beiwohnen, mit einem Priester, Popen, Rabbiner, Imam oder Schamanen sprechen und sich in der Kantine aus sowjetischem Blechgeschirr verpflegen lassen. Mit allen Konventionen des kulturellen Veranstaltungsbetriebs soll in diesem Totalspektakel gebrochen werden.

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Denn von seiner ursprünglichen Idee, einen Film über den Wissenschaftler Lew Landau zu drehen, dessen Berühmtheit und dessen in jeder Hinsicht überbordendes Privatleben im strengen Sowjetreich ihn faszinierten, ist der Regisseur Khrzhanovsky allmählich abgerückt. Das Drehbuch wurde beiseitegelegt, das Engagieren von Profischauspielern eingestellt. Die Figur Lew Landaus verschwand aus dem Mittelpunkt des Projekts. Das ist schade, denn das, was vom ursprünglichen Film - eine endgültige Fassung soll später herauskommen - bisher zu sehen war, sah verheißungsvoll aus.

Khrzhanovsky wollte aber nicht mehr gestellte Szenen, er wollte reales Leben abbilden. Im sowjetischen Forschungsinstitut, das er in einem ehemaligen Schwimmbad der ukrainischen Stadt Charkow, Landaus langjährigem Wirkungsort, minutiös nachbauen ließ, versammelte er drei Jahre lang insgesamt 400 Wissenschaftler, Philosophen, Künstler aus aller Welt für jeweils ein paar Wochen oder Monate und ließ sie dort ihren üblichen Beschäftigungen nachgehen. Der Mathematiker Shing-Tung Yau und der Physik-Nobelpreisträger David Gross, die Theaterregisseure Peter Sellars und Romeo Castellucci oder die Künstler Marina Abramović und Carsten Höller gehörten zur Dau-Gemeinde. Tausende von angeheuerten Köchen, Friseuren, Chauffeuren, Prostituierten, ehemaligen Parteikommissaren, Verbrechern, Geheimdienstagenten sorgten wie zu Landaus Zeiten für den Tagesablauf und spielten in dem bis zum Sprachgebrauch und der zu tragenden Unterwäsche originalgetreu wiedererstandenen Stück Sowjetunion sich selbst. Bezahlt wurde mit den von der Produktion ausgegebenen Sowjet-Rubeln.

Und die unter diesen Laborbedingungen spontan sich ergebenden Situationen kollegialer Gespräche, Intimitäten, Rivalitäten, Konflikte, offener Gewalt und sexueller Vergewaltigung wurden von einem Kamerateam unter Jürgen Jürges in vivo gefilmt. Darstellung und Realität sollten in diesem postmodernen Gesamtkunstwerk endlich zusammenkommen, Kunst durch die Vivisektion einer Mikrogesellschaft vor laufender Kamera in Leben aufgehen. Finanziert wurde das Ganze vom geheimnisumwitterten russischen Unternehmer Sergey Adoniev.

Über die Wirkung von inszenierten Museumsräumen kommt die Show kaum heraus

Dem romantischen Traum eines Kunstakts im Grenzbereich zwischen Darstellung und Wirklichkeit sind vor Khrzhanovsky auch andere schon nachgegangen, etwa der Filmautor Hans-Jürgen Syberberg in seinen Monumentalfilmen zu Wagner, Hitler und Ludwig II. Blieb dieser aber eindeutig auf dem Gebiet des inszenierten Spiels stehen, begibt sich Khrzhanovsky auf die Borderline einer fragwürdigen Überlappung von Totalität und totalitärem System. Sollen diese in allen Einzelheiten nachgebauten sowjetischen Wohnstuben, Funktionärsbüros, Wodkaschenken und Massenschlafsäle mit durchgelegenen Pritschen, die wir durchwandern, uns Angst machen oder irgendwie nostalgisch in vergangenen Zeiten zurückversetzen?

Die Wissenschaftler lassen in den Labors zur Erschaffung des sowjetischen Übermenschen die Probanden Hanteln stemmen.

(Foto: Phenomen IP 2019)

Über die Wirkung von inszenierten Museumsräumen, wie man sie schon dutzendmal gesehen hat, kommen sie kaum heraus. Die persönlichen Gespräche in den beichtstuhlartigen Plastikkabinen, bei denen man sich dann über das Gesehene einem Psychologen oder einem Seelsorger anvertrauen kann, dürften in vielen Fällen eher penibel sein. Und die in stilechter Sowjetkulisse gehaltenen Vorträge über die Zukunft des Universums und das "transhumane" Schicksal der Menschen grenzen an Scharlatanismus. So viel zu wollen und so wenig zu können ist auch schon fast eine Leistung.

Noch enttäuschender sind die dreizehn Dau-Filme, die aus den insgesamt 700 Stunden Rohaufnahmen auf 35-Millimeter-Material entstanden sind. Sie wechseln zwischen Langeweile und Peinlichkeit. Man folgt den ungeschminkten Darstellern ohne Lichtregie und ohne nachträglich eingespielte Tonspur in ihre banalsten, intimsten, schlimmsten Momente des Alltagslebens, des Liebesakts oder der brutalen Gewalt. Ein Mann im grauen Arbeiterhemd, der sich in den Untergeschossfluren des Instituts mit seinem Geliebten gerade heftig gestritten hat und dann beim aussöhnenden Liebesakt mit diesem gar nicht genug bekommen konnte, sitzt allein vor uns auf dem Klo und verausgabt sich in einem ausufernden Stoßgebet: "Hier sitze ich und bete zu Dir, Herr, fürs Wohl der Sowjetunion, auf dass es diesem Institut auf ewig gut gehe ..."

Die Wissenschaftler hingegen lassen in den Labors zur Erschaffung des sowjetischen Übermenschen die Probanden Hanteln stemmen, amüsieren sich in ihren Luxusgemächern mit herbestellten Mädchen und kippen ein Wodkaglas nach dem anderen hinunter, während auf den Kieswegen die Limousinen auf- und abfahren.

Das üppig fließende Blut dürfte im Film aber, so ist zu hoffen, doch Theaterblut gewesen sein.

Mit dieser Gesellschaft gehe es bergab, doziert derweil in seinem Büro der Institutsdirektor vor seinen Mitarbeitern, und der Fehler liege an der falsch verstandenen Freiheit. Nicht zu tun, was einem beliebe, sondern bereit zu sein auch fürs Extremste, sei wahre Freiheit. Deshalb zieht der Funktionär in seinem Institut eine Elitetruppe heran, die vor keiner Tat zurückschrecken soll. "Sport, Gesundheit, Sozialismus" lautet die Devise und die jungen Männer machen sich gegen den Alkoholgenuss stark - "Hanteln gegen Flaschen!"

Wenn es dann so weit ist und die Obrigkeit beschließt, das Institut habe seinen Dienst getan, es müsse verschwinden, schlagen die jungen Männer alles kurz und klein. Blutverschmiert schleppen sie die Leichen zum Abtransport auf die Lastwagen, unter ihnen auch das Barmädchen aus der Kantine, mit dem der Anführer des Exekutionskorps gerade eine rührende Romanze hatte. Diese Szene, heißt es, sei im Dau-Experiment von echten Neonazis gespielt worden und der Gruppenchef sei ein mehrmals verurteilter Straftäter gewesen. Das üppig fließende Blut dürfte im Film aber, so ist zu hoffen, doch Theaterblut gewesen sein. Das System hat sich in diesem Kunstlaborexperiment verselbstständigt und zerstört am Ende sich selbst, sinnlos, nutzlos, wie die Maschinenskulptur von Jean Tinguely, die sich im Jahr 1960, als Lew Landau noch in Charkow forschte, in New York selbst vernichtete.

In Paris hat das Projekt vorab wegen der real gefilmten Gewaltszenen zu Polemik geführt. Feministische Vereinigungen kritisierten das Unternehmen. Die Schauspielerin Hanna Schygulla, die bei der deutschen Synchronisierung mitgewirkt hat, erklärte, Khrzhanovsky müsse sich fragen lassen, wie weit er über sein Interesse hinaus Gefallen am Gewaltsystem gefunden habe. Manche beschimpften ihn als perversen Megalomanen. Solche moralischen Überlegungen sind bei Kunstprojekten im Allgemeinen zwar fragwürdig. Wo das Ergebnis aber so weit hinter der Idee zurückbleibt, sind sie schwer abzuweisen. Die ersten Dau-Besucher schienen am Wochenende in Paris jedenfalls eher wie durch einen dadaistisches Selbstbedienungsladen als durch ein Gesamtkunstwerk zu schlendern.

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