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München:Will man die Symbolpolitik der Kunst in eine andere Richtung treiben?

In einer knappen englischsprachigen E-Mail, mit der Spies in offizieller Funktion als kaufmännischer Direktor am 28. August die Piper-Ausstellung gegenüber dem MoMA absagte (und deren Wortlaut der Süddeutschen Zeitung vorliegt), wird dies mit der finanziellen Situation des Hauses begründet; die Absage sei unumgänglich aufgrund des "misguided development in the past". Erstaunlich: aus den "Managementfehlern", von denen bei Jones noch die Rede war, wird nun pauschal eine "Fehlentwicklung" des Hauses "in der Vergangenheit". Aber selbst die so sachliche wirkende Formel von der Absage aus Kostengründen verbirgt mehr, als sie offengelegt. Geht es wirklich allein um Geld? Oder nicht doch auch um die Kunst? Anders ausgedrückt: Erliegt man unter Sparzwang der Versuchung, die Symbolpolitik der Kunst in eine andere Richtung zu treiben?

Nichts gegen Lüpertz und Immendorff. Aber ist das schon ein zeitgemäßes Programm?

An den betriebswirtschaftlichen Kompetenzen von Bernhard Spies bestehen keine Zweifel. Allerdings stand ihm in Bonn ein Vielfaches an jährlichen Zuwendungen aus öffentlicher Hand zur Verfügung, ein Jahresetat von zuletzt 16,7 Millionen Euro nämlich, während er am Haus der Kunst im Jahr 2017 mit rund sieben Millionen Euro auskommen muss. Auch an einer Markus-Lüpertz-Schau ist nichts auszusetzen und eine kurzfristig ins Programm genommene Ausstellung der Schweizer Malerin Miriam Cahn ist ebenso respektabel wie eine mit Installationen des in Chicago lebenden Theaster Gates - isoliert betrachtet. Aber die Zuständigkeit eines kaufmännischen Direktors hört da auf, wo die des künstlerischen anfängt: Ein Programm ist genau darin ein Programm, dass man dessen Elemente nicht isoliert betrachtet, sondern in der Zusammenschau.

Und in der Zusammenschau offenbart sich die Schlagseite, die all das aufs Spiel setzt, was Enwezor, aber auch seine Vorgänger Chris Dercon und Christoph Vitali erreicht hatten. Denn dass zwei der bedeutendsten Museen der Welt - die Londoner Tate Gallery und das MoMA - ein relativ niedrig budgetiertes Ausstellungshaus ohne Sammlung überhaupt als Partner anerkennen, ist keine Selbstverständlichkeit. Solche Kooperationen sagt man nicht zweimal hintereinander ab, anstatt sie zu verschieben und dadurch Zeit zu gewinnen, um diese Projekte doch noch auskömmlich zu finanzieren.

Wobei die politisch Handelnden auf unglückliche Weise ständig wechselten. In seiner wohl größten Krise hat das Haus der Kunst innerhalb eines Jahres zwei Ministerpräsidenten und gleich drei verschiedene zuständige Minister erlebt. Dennoch hätte ein aufmerksamer Aufsichtsrat des Hauses der Kunst - dem der Minister qua Amt vorsitzt - hellhörig werden müssen bei den erwähnten Ausstellungsabsagen. Auch, weil sich mit Lüpertz statt Piper und Jonas nach der aktuellen Jörg-Immendorff-Ausstellung eine Kontinuität mit Beigeschmack ergibt: Der Großgalerist Michael Werner - der die meisten Exponate zur Imendorff-Ausstellung als Sammler, Galerist und Verwalter des Nachlasses beigesteuert haben soll - und der Bonner Kunstmanager Walter Smerling sind mit beiden Künstlern verbunden. Werner vertritt 17 ausschließlich männliche Künstler, darunter Lüpertz und Immendorff. Für eine internationale Großgalerie ist das heutzutage schon eine ungewöhnlich stramme Form der Homosozialität.

Walter Smerling wiederum hat mit seiner Stiftung für Kunst und Kultur e.V. schon mehrfach die Städte Bonn und Salzburg mit Lüpertz-Skulpturen im Außenraum bestückt. Auch bei der Stiftung tauchen nur vereinzelt Künstlerinnen unter einer überwältigenden Zahl von - meist in den 1980ern bekannt und groß gewordenen - Kunstmännern auf. Dass diese beiden nun die Lüpertz-Ausstellung "nach Kräften unterstützen" wollen, ist ehrenwert. Doch wenn man bedenkt, welche Ausstellungen dafür abgesagt wurden, kann man sich schwer des Eindrucks erwehren, dass unter der derzeitigen Führung des Hauses der Kunst die Möglichkeiten, neben dem Einsparen auch Drittmittel aufzutun, selektiv wahrgenommen werden. Vielleicht ist das noch keine Strategie, aber es wirkt, als kehre man zurück zu den bewährten Figuren, die vor allem deutsch sind und männlich.

Man kann sich dieses Eindrucks auch deshalb nicht erwehren, weil es im vergangenen Jahr auch an anderen Stellen in eine solche Richtung lief: Beispielsweise bei einer Gruppenausstellung zum Thema Verschwörungstheorien "Im Zweifel für den Zweifel: Die große Weltverschwörung" im Düsseldorfer NRW-Forum, die vergangenen Sommer einen Protestbrief mit über 1000 Unterschriften auslöste, weil auf der Künstlerliste fast ausschließlich weiße Männer standen.

All das erinnert an eine Einsicht der Schriftstellerin und Feministin Silvia Bovenschen. In Bezug auf Frauenrechte bemerkte sie 2013: "Es gibt kein Abonnement auf Fortschritt. Selbst das, was schon erreicht wurde, kann unter verengten ökonomischen Bedingungen ganz schnell wieder zurückgenommen werden. Das ist ein Kampf, den man ständig führen muss." Das ist kein Appell nur an die Kunst. Denn die Politik hat zwar die Verantwortung, in ihrer Aufsichtsfunktion für kaufmännisch solides Management in öffentlichen Kulturinstitutionen zu sorgen. Aber genauso muss sie dafür sorgen, dass diese kaufmännische Seite nicht auf das Künstlerische übergreift und herausragende kulturelle Leistungen einer kleingeistigen Bevorzugung des vermeintlich Bewährten opfert.

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