Künstliche Intelligenz und Kunst "Spinne ich, wenn ich denke, dass sie ausschließlich meine Arbeit genutzt haben?"

Das Porträt "Edmond de Belamy", das für immerhin 400 00 Dollar bei Christie's in New York versteigert wurde.

(Foto: AP)

Ein 19-Jähriger programmiert einen Algorithmus, der Gemälde malt. Ein Künstlergruppe nutzt ihn und verkauft das Ergebnis - für mehr als 400 000 Dollar. Gretchenfrage: Wer ist der Urheber?

Von Bernd Graff

Am 25. Oktober war der 19-jährige Robbie Barrat aktiver auf seinem Twitteraccount als sonst. Barrat, er nennt sich in der Netzwelt "@DrBeef_", knallte die Timeline mit seinen Posts zu, jedenfalls für seine Verhältnisse. Denn an diesem Tag wurde beim Auktionshaus Christie's in New York ein Porträt versteigert, das glasklar der Pariser Künstlergruppe "Obvious" zugerechnet wird - wobei es irritierenderweise in einem Stil verfertigt ist, den unzählige Porträts aufweisen, die wiederum allesamt glasklar Robbie Barrat zugeordnet werden.

Das in New York gehandelte Bild zeigt auf den ersten Blick einen Herrn des frühen 20. Jahrhunderts, einen "Edmond de Belamy". Das so betitelte Bild, das etwas vom dynamischen Furor und der Aufbruchstimmung der damals noch jungen Avantgarde vermittelt, hat etwas Skizzenhaftes. Etwas Verwaschenes und Probehaftes, auch wenn man einen Naturalismus spüren kann. Sagen wir so: Als Kunstwerk ist es keine Offenbarung, es wirkt eher derangiert in seiner unklaren Dimensionierung. Aber ganz misslungen ist es auch nicht.

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Kunst, die von künstlicher Intelligenz gemacht wurde, ist bald kaum noch von menschlicher Kunst zu unterscheiden. Das tut weh. Aber es ist auch eine einmalige Chance, etwas über uns selbst zu lernen.

Worauf es ankommt: Dieses Bild stammt nicht aus dem Fin de Siècle, es ist ein Maschinenprodukt der Gegenwart, nämlich das Machwerk künstlicher Intelligenz (KI), die gelernt hat, im Stil der alten Avantgardemeister zu malen. Der porträtierte Herr ist ein Phantom, das sich dem selbstlernenden Wirken sogenannter "Generative Adversial Networks"(GAN) verdankt. In solchen Netzwerken wird nicht einfach ein Programmcode abgearbeitet, sie überbieten sich vielmehr darin, ungeheure Datenmengen gegeneinander auszuspielen und so zu lernen.

Die Universität Delft trainierte eine KI mit Bildern Rembrandts. Das Resultat war überzeugend

Spektakulär an dieser Christie's-Auktion um den "schönen Freund" Edmond wurde dann zum einen der Preis. 432 500 Dollar (rund 378 000 Euro) konnten erzielt werden. Das ist viel mehr, als man erwarten durfte. Dabei ist "Edmond" ja nicht einmal das erste je von künstlichen Intelligenzen geschaffene Werk. Vor zwei Jahren erregte etwa das Projekt "The Next Rembrandt" weltweit Aufsehen. An der Universität Delft hatte man eine KI mit sämtlichen Porträts Rembrandts trainiert, um sie in seinem Stil ein neues, tatsächlich beängstigend überzeugendes Werk anfertigen zu lassen. Der flache Belamy wirkt dagegen wie die Arbeit einer KI, die noch dringend ein paar Trainingseinheiten benötigt hätte und der vor allem gute Übungsdaten fehlen, um überzeugen zu können.

Bemerkenswert an diesem Edmond-Bild, das die Bildertrainer "Obvious" mit "min G max D x[LOG(D(X))] + z[log(1-D(G(z)))]", einer Zeile aus dem Programmcode, signierten, ist aber der Skandal, der sich während und nach der Auktion entspann. Denn "Obvious" hatte für dieses Porträt ganz offen einen Algorithmus benutzt, den Robbie Barrat aus West Virginia entwickelt hatte. Damit hatte Barrat weit vor der Christie's-Versteigerung schon eine ganze Reihe von Bildnissen geschaffen und ins Netz gestellt: Porträt-, Landschafts- und Aktgemälde. Alle in diesem mehr bunten als tiefen, flächigen Farbverlaufs-Jahrhundertwende-Stil, auf den er die KI trainiert hatte. Vor allem die Porträts sind eigentümlich. Trotz ihrer digitalen Herkunft wirken sie durchaus lebensnah und authentisch. Christie's schrieb vollmundig: "Das Porträt zeigt einen Mann, vielleicht Franzose und vielleicht ein Kleriker".

Eines lässt sich sagen: "Edmond de Belamy" gehört definitiv in die Werkfamilie der Barrat-Porträts, auch wenn dieses Bildnis selbst darin nicht vorkommt. Edmond ist der Spross einer Open-Source-Nebenlinie, denn Barrat hat seine Software öffentlich zugänglich gemacht. Damit ist der so geldsatte Kunstbetrieb mit der KI-Kunst bei jenen Zuschreibungs- und Urheberrechtsfragen angekommen, die eine an Fälschungsskandalen nicht unbelastete Kunstgeschichte ins Digitalzeitalter katapultiert. Denn das Band von Werk und Meister, das die Kunstgeschichte sogar noch in den Akten von Kunstzerstörung durch radikale Avantgardisten durchzieht, solange die Werke eben von Menschenhand geschaffen wurden, ist mit der Intervention von künstlicher Intelligenz zerschnitten. Jetzt handelt es sich um eine Intelligenz, die nur aktiviert werden muss, um in kürzester Zeit Hunderte von "Original"-Werken hervorzubringen.

Barrat hatte seinen Code zur Verfertigung solcher Kunstwerke unter Open Source-Lizenz weltweit veröffentlicht, das ist im Programmierermilieu nicht unüblich. Das Kollektiv "Obvious" griff dort zu. Ja, das Pariser Trio Hugo Caselles-Dupré, Pierre Fautrel und Gauthier Vernier, das den nun so teuren "Edmond de Belamy" errechnen ließ, stellte Barrat vor und während der Anwendung von Barrats Code sogar Fragen, wie denn der Algorithmus funktioniere und ob ihre Rechner dafür geeignet seien. Schon vor der Versteigerung hatte das Online-Medium The Verge berichtet, dass die Franzosen einen "geborgten Code" zu seiner Erstellung benutzt hatten.

Am 25. Oktober, dem Auktionstag, stellt Barrat auf Twitter die nicht unberechtigte Frage: "Spinne ich, wenn ich denke, dass sie ausschließlich meine Arbeit genutzt haben und nun deren Resultat verkaufen?" Angehängt an diese Frage hat er den Link zu seiner 2015 eingerichteten Github-Projektseite mit den unzähligen Porträts, die "Edmond" alle so fatal gleichen, aber auch mit Landschaften und Akten in dieser Manier.

Auch Barrat nutze für seinen Algorithmus die Vorarbeit von anderen

Obvious, die überhaupt keinen Hehl daraus machen, dass sie über Barrat an ihren "Edmond" gekommen sind, postete daraufhin den Screenshot eines Chats mit Barrat vom April, in welcher die Gruppe ausdrücklich erklärt, dass man seinen Maschinenlern-Algorithmus nehmen wolle, um die "KI-Kunst zu demokratisieren". Ob Barrat damit einverstanden sei. Woraufhin der zustimmte. Doch am 25. Oktober antwortet er, dass er unter "Demokratisieren" Open Source-Projekte wie seine eigenen verstanden habe. Außerdem stellt er fest, dass dem Obvious-Screenshot jene Passage fehle, in dem er um die namentliche Nennung seiner Urheberschaft bei Neukunst bittet. Und er postet auch noch die an ihn gerichtete Anfrage eines "Obvious"-Manns vom Oktober 2017, in der dieser Barrat um die Anpassung seines Codes an die spezifische Rechner-Architektur von Obvious bittet. Seitdem ist eine Debatte um Werk und Urheberschaft entbrannt, das bis zu Marcel Duchamp zurück reicht, der sein Ready-Made "Fountain" im Jahr 1917 auch ohne Nennung des Herstellers präsentierte.

Um diese Debatte endgültig zu verkomplizieren, muss man anführen, dass natürlich auch Barrat sein Wissen über (und den Zugang zu) GANs nicht einer "creatio ex nihilo", schöpferischem Genie also, verdankt, sondern den grundlegenden Arbeiten an neuronalen Netzwerken, an generativen Architekturen, an den Prinzipien zum rechnergestützten Lernen, deren Code er lediglich für seine Zwecke einsetzte. Solche Intelligenzen, die mit großen Datenmengen trainiert werden, können Bilder malen, Skulpturen entwerfen, rappen, Reden schreiben und Musikstücke nach Art von Bach komponieren. Barrats Github-Seite listet denn auch etliche Beispiele von derlei KI-Kunst auf, die sich eben einer errechneten Kreativität verdankt, deren Urheber er nicht ist und auch nicht zu sein beansprucht. Auch Barrat macht keinen Hehl daraus, dass er Fremdwissen lediglich für sein "Ding" implementiert hat.

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Befragt, wie er denn nun zu der Auktion stehe, antwortete er: "Mich ärgert, dass nun trotz der wirklich beeindruckenden Arbeiten auf allen Feldern der KI-Kunst ausgerechnet diese uninspirierte, unterkomplexe GAN-Generation (des Edmond, d. Red.) und die Vermarkter dahinter die ganze Publicity absahnen. Es ist einfach unfair denen gegenüber, die wesentlich mehr leisten als nur einen mundgerecht servierten Algorithmus mit einer Tonne von Beispielbildern zu füttern und dessen Ergebnisse dann auszudrucken."

Ganz offenbar weiß aber der immer noch dem System von Künstler und Werk verhaftete Kunstbetrieb auf diese Herausforderung durch die dritte Instanz der kreativen künstlichen Intelligenz noch keine Antwort. Denn nicht das von einem Algorithmus unterzeichnete Bild ist hier wohl nun die Kunst, sondern im Grunde der Algorithmus selbst.

Nicht das von einem Algorithmus unterzeichnete Bild ist die Kunst, sondern der Algorithmus selbst

Peter Glaser hat darum im Wirtschaftsmagazin Bilanz kürzlich die neue Rolle des Programmierers hervorgehoben: "Man spricht immer noch von Kunst, aber in Wahrheit sind immer mehr Codierer statt Künstler am Werk, die ein Produkt erzeugen, das etwas verbirgt - womöglich auch die Chance für ein Investment. Kunst spricht darum auch immer weniger zu uns. Sie will sich nicht mehr verständlich machen und gibt sich, als gäbe es ein großes Geheimnis, das erst enträtselt werden muss."

Und Obvious? Auf Anfrage der SZ an sowohl die Pariser Gruppe, die ja im klassischen Sinne eine künstlerlose Kunst verkaufte, wie an das Auktionshaus Christie's, das den kunstlosen Beleg für das Wirken von Computercode zur Versteigerung brachte, kommt nach mehreren Tagen eine gemeinsam formulierte Antwort: "Wir möchten der KI-Community danken, besonders denen, die auf diesem Technologie-Feld Pionierarbeit geleistet haben, natürlich Ian Goodfellow, dem Schöpfer des GAN-Algorithmus, dessen Name unseren "Belamy" inspirierte, und natürlich dem Künstler Robbie Barrat, der einen großen Einfluss auf uns ausgeübt hat. Es ist ein großartiger Augenblick und unsere Hoffnung geht dahin, dass der Fokus dieser Auktion sich ganz auf die Vorarbeit richtet, die unsere Vorläufer geleistet haben. Wir danken Christie's, dass sie so einen Dialog möglich gemacht haben und sind tief geehrt, dass wir nun ein Teil dieses globalen Austauschs sein dürfen, in dem über die Wirkungen dieser neuen Technologien bei der Schaffung von Kunst debattiert wird."

Nur noch eine letzte, ganz kleine Anmerkung dazu: Eine der Wirkungen könnte vermutlich sein, dass Kunst, wie wir sie kennen, sich damit erübrigt und folglich abgeschafft hat. Der Rest ist hübsches Zeug aus irgendwelchen Druckern.

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