München Männerbünde im Haus der Kunst

Am Münchner Haus der Kunst hat es Programmänderungen gegeben, aus Kostengründen, wie es heißt. Doch es wirkt wie ein Epochenwandel.

(Foto: Johannes Simon)
  • Das Haus der Kunst hat für 2019 die Ausstellungen der Künstlerinnen Adrian Piper und Joan Jonas abgesagt und dafür eine Schau des Malers Markus Lüpertz angekündigt.
  • Die Entscheidung wird vom Münchner Museum mit Sparzwängen begründet.
  • Man kann allerdings den Eindruck bekommen, dass hier zu den bewährten Figuren der Kunstwelt zurückgekehrt werden soll, die vor allem deutsch und männlich sind.
Von Jörg Heiser

Kurz vor Weihnachten hat das Münchner Haus der Kunst sein Programm für das Jahr 2019 veröffentlicht, aber das, worüber sich zu sprechen lohnt, steht nicht drin. Zum Beispiel der Name der Amerikanerin Adrian Piper. Dass man die Übernahme der größten Retrospektive annulliert, die das New Yorker Museum of Modern Art je einer künstlerischen Persönlichkeit zu Lebzeiten ausgerichtet hat, bedarf in München offenbar keiner Erwähnung und Begründung mehr. Im vergangenen Juli war die Werkschau der Performance- und Video-Pionierin Joan Jonas - entwickelt mit der Londoner Tate Modern - abgesagt worden, damals hatte es diese Begründung noch per Presseerklärung gegeben. Grund seien Finanzprobleme, die aus "Managementfehlern der Vergangenheit" resultierten.

Über tatsächliche oder vermeintliche Fehler unter der Führung des früheren Direktors Okwui Enwezor, der im Juni 2018 seinen Vertrag vorzeitig beendete, ist ausführlich berichtet worden. Nun muss aber über das jetzige Management gesprochen werden. Was nämlich ebenfalls nicht im Jahresprogramm 2019 steht: dass eine Ausstellung mit Werken des deutschen Malers Markus Lüpertz, die statt Jonas und Piper neu ins Programm genommen wurde und im nächsten September eröffnet, ein seltsames Déjà Vu auslöst, das mit Bernhard Spies zu tun hat, kaufmännischen Direktor und derzeit alleinigen Leiter des Hauses der Kunst. Spies war 2008 an die Bundeskunsthalle in Bonn geholt worden, ebenfalls, um eine finanzielle Schieflage zu bereinigen. Ein Jahr später fand dort ebenfalls eine Lüpertz-Schau statt. Danach wurde eine große Rosemarie-Trockel-Ausstellung ohne Begründung abgesagt. Eine Entscheidung, die - so sagen mehrere Quellen übereinstimmend - von Spies seinerzeit gefällt worden sein soll, als der damalige künstlerische Leiter Robert Fleck gerade im Krankenhaus lag. Als die Joan-Jonas-Absage in München verkündet wurde, lag Okwui Enwezor ebenfalls im Krankenhaus.

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Auf eine schriftliche Anfrage der Süddeutschen Zeitung antwortete die Pressestelle des Hauses der Kunst erst nach Wochen. Ihre Version: Aufgrund der etwa eine Million Euro, die das Haus der Kunst Ende 2017 überschuldet gewesen sei, hätten dem deutschen Insolvenzrecht folgend "für 2018 und 2019 nur Aufträge erteilt werden" können, "für die eine ausreichende Liquidität zur Verfügung steht (Going Concern). Für die Durchführung der Ausstellungen mit Werken von Joan Jonas und Adrian Piper standen keine liquiden Mittel zur Verfügung." Auf die Frage, warum man nicht versucht habe, die Ausstellung über Drittmittel zu finanzieren, heißt es: "Da zusätzliche Mittel nach dem Gesetz zunächst in den Schuldendienst geflossen wären, haben sich keine Sponsoren gefunden, die die Schulden des Haus der Kunst übernehmen wollten."

Nur: Warum sind im Gegensatz dazu Mittel für die Lüpertz-Schau vorhanden? Gibt es in diesem Fall eine Finanzierung durch Dritte? Die Antwort: "Über die Finanzierung einzelner Ausstellungen gibt die Haus der Kunst gGmbH grundsätzlich keine Auskünfte." Der Chef der "Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn", der Kunstmanager Walter Smerling, bestätigt hingegen per Email, man habe sich bereit erklärt, "die Markus Lüpertz-Ausstellung nach Kräften zu unterstützen. Wenn das notwendige Budget bekannt ist, werden wir unsere Mitglieder ansprechen und um entsprechende Unterstützung bitten".

Okwui Enwezor ist, wie er im Gespräch mit der SZ sagt, alles andere als glücklich über die Entwicklung. "Das Vakuum ist die Krise", sagt er - das Machtvakuum nach seiner Demission und der des Chefkurators Ulrich Wilmes, der zum Oktober 2018 ebenfalls das Haus verließ. Es gebe keine "intellektuelle Leitung" mehr im Hause; die Leere werde gefüllt mit "illiberalen und intransparenten Entscheidungen", die darauf abzielten, seine Zeit am Haus in möglichst schlechtem Licht erscheinen zu lassen. Ulrich Wilmes wiederum sagt im Gespräch unumwunden, dass der Grund für seine Bitte um vorzeitige Verrentung - eigentlich erst im Juni 2019 fällig - die mit ihm nicht abgesprochenen Absagen von Jonas und Piper gewesen seien. Das Haus der Kunst dementiert dies: "Beim Ausscheiden von Herrn Dr. Wilmes handelt es sich um ein Ausscheiden in die Altersrente", heißt es.

Adrian Piper, die seit über zehn Jahren in Berlin lebt und die Trägerin des Käthe-Kollwitz-Preises ist, schreibt auf Anfrage: "Ich hätte nie gedacht, dass eine Institution des Rangs eines Hauses der Kunst keine Skrupel haben würde, eine so willkürliche, dabei die Öffentlichkeit betreffende Entscheidung zu fällen. Das Verhalten von Herrn Spies gegenüber Okwui, dann gegenüber der Ausstellung von Joan und meiner scheint mir einem gänzlich fehlenden Bewusstsein um den unprofessionellen Eindruck geschuldet zu sein, den dies bei Kollegen in der Kunstwelt hinterlässt."