Festival "Theaterformen":Spielend belehrt

Festival "Theaterformen": Für "Ich bin nicht tot" von Lola Arias erzählen sechs Laien berührend ihre Geschichte.

Für "Ich bin nicht tot" von Lola Arias erzählen sechs Laien berührend ihre Geschichte.

(Foto: Kerstin Schomburg)

Beim Festival "Theaterformen" in Hannover stehen die Themen Ausgrenzung und Klima auf dem Programm - und ein paar Erziehungsversuche.

Von Till Briegleb

Männer, die zur Eröffnungspremiere des Festivals Theaterformen in Hannover ins dortige Schauspielhaus kamen, erlebten erst einmal einen Beschämungsversuch. Wer noch Druck auf der Blase spürte, sah sich damit konfrontiert, dass die Piktogramme von den Toilettentüren entfernt waren. In den Urinalen steckten unter der Parole "Blumen für eine Welt ohne Gender" Pflanzen in Plastikübertöpfen, um Männer zu zwingen, auf die Kloschüssel zu wechseln. Was natürlich weder die alten noch die jungen Herren taten, die konditioniert sind, auf Klosteine, Fliegen und Fußballtore zu zielen. Und die beim Einregnen der armen Pflänzchen irritiert auf den überheblichen Erziehungsversuch des Festivals reagierten.

Zwei Stunden vorher, bei den Eröffnungsreden des traditionsreichen niedersächsischen Sommerfestivals, wurde dagegen sehr viel von Gemeinsamkeit, globaler Solidarität und einer Kommunikation der "Impulse" geschwärmt. Auf der großen Schnellstraßenbrücke hinter dem Hauptbahnhof, die trotz Protesten der Autofahrer in der hannoverschen Politik für die Zeit des Festivals gesperrt und in ein verspiegeltes Bühnen-Camp mit dem Namen "Stadtlabor" verwandelt wurde, stellten verschiedene Protagonistinnen die Themen diese Festivals vor: Klimawandel und Ausgrenzung.

Die neue Leiterin der Theaterformen, Anna Mülter, propagierte eine Stadtgesellschaft, die sich dem notwenigen Wandel aktiv annimmt - allerdings ohne den entscheidenden Zusammenhang zwischen planetarer Umweltzerstörung und Wachstumswirtschaft einmal zu erwähnen. Und die Anwältin Yi Yi Prue, die dieses Jahr für Menschen aus Bangladesch und Nepal und mit deutschen Schülerinnen und Schülern erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das lasche Klimaschutzgesetz der Bundesregierung geklagt hatte, sprach über die dramatischen Folgen, die das Politikversagen der großen Industrienationen in den Ländern Asiens zeitigt.

Konkrete Angebote stehen neben eher ausgrenzenden Insiderveranstaltungen

Bereits hier deutete sich die Mischung aus großen Themen und sektiererischem Jargon an, die das Programm prägt. Eine beeindruckende Symbolhandlung wie die Übergabe des fantastischen Stadtraums der vierspurigen Raschplatzbrücke an die Fußgänger steht neben Bevormundungsmaßnahmen wie dem Urinalgarten (den am Ende irgendeine Putzkraft wieder sauber machen muss). Konkrete Gesprächseinladungen und Inszenierungen zu klimatischen Zusammenhängen von Konsum, Reisen, Essen und Achtlosigkeit stehen neben ausgrenzenden Insiderveranstaltungen über "intersektionale Aspekte von Bündnisfähigkeit und Allianzenbildung", die mit dieser Art zu sprechen wohl beides nie erreichen werden.

Bei der Eröffnungspremiere "Ich bin nicht tot" im Schauspielhaus, eine Koproduktion des Festivals mit dem Staatstheater, schlug das Pendel dann klar zum Konkreten aus. Die argentinische Regisseurin und Autorin Lola Arias, seit Jahren Dauergast bei europäischen Festivals und Theatern, hat mit sechs Älteren aus Hannover und zwei Pflegekräften ein fideles Heim inszeniert. Ganz im Stile des Dokumentartheaters von Gruppen wie Rimini Protokoll sprechen Frauen und Männer über ihr Leben, Denken und Fühlen. Hans-Günter Greve erzählt, wie er mit 60 feststellte, dass er gerne Frauenkleider anzieht, Hanna Legatis, wie sie ab 50 ihre Weiblichkeit neu entdecken musste, und Monika Ganseforth, warum sie nach ihrer Karriere als SPD-Bundestagsabgeordnete die Initiative "Omas gegen rechts" gegründet hat.

In einem Altenheim aus sechs individuell gestalteten Boxen (Bühne: Lena Newton, Kostüme: Tutia Schaad) wird über Sex, Chatten, Feminismus und Selbstmord gesprochen, nachdem anfänglich tief in die jeweilige Familiengeschichte eingetaucht wurde. Abayomi Bankole erzählt, wie er mit dem Traum, Flugzeugkapitän zu werden, nach Deutschland kam, um dann erster schwarzer Taxifahrer Hannovers zu werden, und Hassan Abdulmaula davon, wie er sich 2015 aus dem Sudan nach Deutschland aufmachte, und trotz abgelehntem Asylantrag hier als Pfleger arbeitet.

All diese Geschichtsfäden verwebt Arias in einen dichten Erzählteppich, der keine Sekunde jene Peinlichkeit erzeugt, die Laien im Theater gelegentlich auslösen. Die Inszenierung passt zum Schauspiel Hannover, wo man seit Beginn der Intendanz von Sonja Anders 2019 die biografische Vielfalt der modernen Stadtgesellschaft programmatisch abbilden will.

Dem Willen der neuen Leiterin Mülter, das Festival zu einer künstlerischen Informationsveranstaltung zu machen, genügt diese Produktion also in unverkrampfter Lebendigkeit, wenn auch inszenatorisch konventionell. Aber ein Publikum, dem seine Stoffwechselvorgänge mit Strafmaßnahmen diszipliniert werden sollen, wird umso dankbarer sein für diese freundliche Aufklärung über eine Welt mit Schmerzen und Sehnsüchten, in der das Geschlecht noch eine interessante Rolle spielt.

© SZ/clu
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